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Zurück ins Homeoffice: So bekommen sie nicht wieder "Rücken"

Interview auf Bremen Eins: Stiftung Warentest zu Bürostuhltest 2021

Audio vom 25. August 2021
 Eine Frau sitzt auf einem Buerostuhl und hat Rückenschmerzen (Symbolbild)
Bild: DPA | Christin Klose
Bild: DPA | Christin Klose

Die Stiftung Warentest hat Bürostühle – auch für zuhause – getestet. Richtiges Sitzen ist eine Wissenschaft für sich, sagt ein Bremer Experte für Arbeitsschutz.

Die Ferien sind um und viele kehren an den Arbeitsplatz zurück, der zuweilen auch daheim ist. Hand aufs Herz: Wie ist Ihr Homeoffice-Arbeitsplatz ausgestattet? Wie viele Jahre hat der Bürostuhl schon auf dem Buckel? Oder arbeiten Sie gar am Küchentisch? Wäre es mal an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen?

Aktuell hat sich die Stiftung Warentest mit Bürostühlen befasst und 13 aus der mittleren Preisklasse getestet. Redakteurin Cecilia Meusel rät dazu, unbedingt vor einem Kauf Probe zu sitzen und immer darauf zu achten, dass sich der Stuhl auf die persönlichen Körpermaße anpassen lässt. Wie entscheidend die richtige Einstellung von Sitz- und Armlehnenhöhe, Position der Sitzfläche und der Rückenlehne für gesundes Sitzen ist, darauf weist auch Klemm hin. Als Facharzt für Arbeitsmedizin, der mit seinem Unternehmen prevamed Firmen und Einrichtungen wie die Handelskammer unter anderem in Präventionsfragen berät, sieht er Billig-Rollstühle bis hin zu High-End-Sitzmöbeln, "die aussehen, als könne man einen Düsenjet damit fliegen".

Viele Unternehmen sind da inzwischen auch recht generös geworden, weil "Rücken" wirklich ein hoher Kostenposten ist – auch für die Fehlzeiten.

Matthias Klemm, Facharzt für Arbeitsmedizin

Der Küchenstuhl ist keine Dauerlösung

Moderatorin Lea Reinhard sitzt bei ihr zuhause am Laptop.
Auch buten un binnen-Moderatorin Lea Reinhard macht ab und an Homeoffice – auch mal am Küchentisch. Bild: Radio Bremen

Bei echtem Homeoffice rät Klemm dazu, den Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen: "Da muss der Arbeitgeber die Möbel stellen." Bei der landläufig als Homeoffice bezeichneten Tele-Arbeit muss man sich zwar eigentlich selbst kümmern, aber auch hier rät Klemm: "Bitten Sie Ihren Arbeitgeber um Hilfe". Denn Klemm macht die Erfahrung, dass die Firmen durchaus erkannt haben, dass die Spätfolgen eines ungenügend eingerichteten Arbeitsplatzes dramatisch sein können.

"Von zwei, drei Wochen auf einem Küchenstuhl oder einem ausgeleierten Bürostuhl wird der Rücken nicht kaputt gehen", sagt Facharzt Klemm. Aber dauerhaft könnten hier eben die "Grundkonzepte der Ergonomie" so nicht eingehalten werden – und "Rücken" sei zwangsläufig vorprogrammiert. "Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche".

Der Bürostuhl, das unbekannte Wesen

Wie auch die Stiftung Warentest rät Klemm: Machen Sie sich mit dem Stuhl genau vertraut und stellen sie ihn nach Ihren persönlichen Bedürfnissen ein. Klemm rät, sich 20 Minuten Zeit zu nehmen und in die Bedienungsanweisung zu schauen, um sich mit den Funktionen vertraut zu machen. Denn jeder Stuhl muss "passend" gemacht werden und kann in der Regel deutlich mehr als nur "rauf und runter". "Das nützt natürlich nicht viel. Die Sitzfläche sollte zum Beispiel auch von vorne nach hinten verschiebbar sein", sagt Klemm.

Und wie ist ein Schreibtischstuhl nun richtig eingestellt? Das kann man laut Christopher Behnken, Betriebsarzt von der B·A·D Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH in Bremen, bei der Verwaltungsberufsgenossenschaft nachlesen, die das recht anschaulich bebildert hat. Liegen die Unterarme im rechten Winkel auf der Tischoberfläche? Wie ist der Blick auf den Bildschirm? Ist die obere Kante des Bildschirms ist höchstens so hoch wie die Augen? Knicken die Handgelenke beim Schreiben auch nicht nach oben ab?

Richtig Sitzen am Schreibtisch 90° 60° 35°
Quelle: VBG

Die korrekte Einstellung lässt man sich im Idealfall vom Fachmann im Laden genau erklären. Klemm rät beim Kauf auf das GS-Prüfsiegel zu achten und – wo nötig – auf die passende Gewichtsklasse. Denn die meisten Stühle sind auf maximal 110 Kilo ausgelegt.

Gummiball ist keine Alternative

Große Gummibälle als Sitzgelegenheit findet Klemm durchaus hilfreich als Trainingseinheit für die Rückenmuskulatur. Aber eben auch nicht mehr. "Das ist nichts für acht oder neun Stunden", so Klemm. Behnken sieht den Sitzball alsTrainiungsgerät und "aus Gründen der Arbeitssicherheit" als ungeeignet für den Arbeitsplatz an – ob im Büro oder zuhause.

Dynamisches Sitzen ist durchaus gewünscht, was aber moderne Bürostühle wie die von der Stiftung Warentest mit der sogenannter Synchronmechanik bereits anbieten. Die zwingt einen quasi dazu, im Sitzen immer leicht in Bewegung zu bleiben. Dafür gibt es auch von den beiden Bremer Medizinern einen Daumen hoch.

Synchronmechanik ist so eine Art Wimp-Funktion, die verhindern soll, dass Sitzende in einer Position verharren und Fehlbelastungen riskieren.

Cecilia Meusel, Stiftung Warentest

Für sinnvoll halten Klemm wie auch Behnken, bei einem Schreibtischjob einfach immer mal wieder Phasen im Stehen einzuschieben. Und sei es einfach beim Telefonieren. Und sich zwischendurch zu bewegen als Entlastung. "Kein Problem mit dem Rücken wird alleine gelöst, in dem der Chef einen neuen Stuhl hinstellt oder einen höhenverstellbaren Schreibtisch," sagt Klemm und appelliert an die Mitverantwortung der Mitarbeiter.

Autorin

  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 25. August 2021, 11:15 Uhr