Infografik

Darum ist Bremen Impf-Meister und Inzidenz-Spitzenreiter zugleich

Bremerhaven ab heute in Warnstufe 2

Audio vom 8. Oktober 2021
Blick von oben auf Bremerhaven.
Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens
Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Das Land Bremen liegt bei der Impfquote bundesweit vorn, gleichzeitig aber auch bei der Inzidenz. Vor allem in Bremerhaven gehen die Werte durch die Decke. Woran liegt das?

Es klingt paradox: Das Land Bremen hat bundesweit die höchste Impfquote, aber gleichzeitig auch die höchste Sieben-Tage-Inzidenz. Besonders hoch ist die Inzidenz in Bremerhaven. Denn während der Wert in der Stadt Bremen an diesem Freitag bei 74,1 liegt, gibt das Gesundheitsressort für Bremerhaven eine Sieben-Tage-Inzidenz von 247,5 an.

Seit einer Woche ist aber nicht mehr die Sieben-Tage-Inzidenz entscheidend für neue Corona-Maßnahmen, sondern die Hospitalisierungsinzidenz. Sie gibt die Zahl der Neuaufnahmen von Corona-Patienten in den Kliniken innerhalb der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner an. Und auch hier ist der Wert in Bremerhaven mit 7,04 deutlich höher als in Bremen, wo die Hospitalisierungsinzidenz aktuell bei 2,29 liegt.

Ist Bremerhavens Impfquote gar nicht so hoch wie gedacht?

Bisher sind 76,1 Prozent der Menschen im Land Bremen vollständig geimpft. Die Städte Bremen und Bremerhaven kennen ihre jeweilige Impfquote nicht genau. Die Kassenärzte melden die Zahl der Impfungen an das Robert-Koch-Institut (RKI), aber nicht den Kreis, in dem ein Geimpfter wohnt. Ist also die Impfquote vielleicht nur in der Stadt Bremen besonders hoch, in Bremerhaven aber nicht?

Nein, sagt Magistratssprecher Volker Heigenmooser: "Aus der Zeit, als nur in den Impfzentren geimpft wurde, wissen wir, dass Bremerhaven eine höhere Quote als die Stadt Bremen hatte." Der Magistrat gehe davon aus, dass dies näherungsweise auch für die Impfungen in Praxen gelte. Und auch Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) unterstützt diese Vermutung.

Einzelne Fälle haben hohen Einfluss auf Inzidenz

Die Stadt schiebt die hohe Sieben-Tage-Inzidenz auf hohe Testzahlen. "Wer nicht testet, hat auch keine Zahlen. Wir testen unverändert sehr intensiv", sagt Heigenmooser, ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen. "Wer wenig testet, nimmt ein hohes Dunkelfeld in Kauf."

Bremerhaven ist so blöd, es genau wissen zu wollen. Wie bekannt, haben andere Gebietskörperschaften bereits die Nachverfolgung aufgegeben.

Ergrauter Mann mit Brille
Volker Heigenmooser, Sprecher des Bremerhavener Magistrats

Aktuell gibt es einen Corona-Ausbruch bei mehreren Subunternehmern eines Bremerhavener Stahlbaubetriebs. Dort gab es mehr als 130 Fälle. Die meisten Arbeiter sind laut Stadt nicht geimpft. Außerdem infizierten sich viele Großfamilien und zuletzt wurden auch rund 150 Fälle in Kitas und Schulen registriert, teilt der Magistrat mit.

Gesundheitssenatorin Bernhard verweist darauf, dass in Bremerhaven schon wenige Corona-Fälle große Auswirkungen auf die Inzidenz haben. Bremerhaven hat aktuell rund 117.000 Einwohner. Der Ausbruch bei den Arbeitern im Stahlbaubetrieb allein hat schon zu einer Inzidenz von rund 100 Punkten geführt.

Hohe Armut = weniger Geimpfte?

Ist die Armut in Bremerhaven ein entscheidender Faktor? "Armut und eine schlechtere Gesundheit hängen leider eng zusammen", sagt der Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts Lukas Fuhrmann. Der Bremerhavener Magistrat will diese These nicht unterstützen, dafür gebe es keine Belege, sagt Stadtsprecher Heigenmooser.

Zumindest würde Armut nicht die Diskrepanz zwischen den Infektionszahlen in Bremen und Bremerhaven erklären, denn die Armutsquoten lagen zuletzt mit 24,5 für Bremen und 26,4 für Bremerhaven dicht beieinander. Bundesweit lag die Armutsquote im vergangenen Jahr bei 15,9 Prozent.

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb mutmaßt, dass Bremerhavens Lage für die hohe Inzidenz verantwortlich sein könnte. Schließlich kämen hier viele Seeleute an, die sich unter die Leute mischen. Die Stadt widerspricht: Die Seeleute kämen in der Regel in den Häfen nicht von Bord.

Mehrheit der Infizierten ist nicht geimpft

Was die Stadt aber betont, ohne konkrete Zahlen zu nennen: "Die Nichtgeimpften sind die Treibenden." Es gebe zwar auch immer wieder Impfdurchbrüche, so Heigenmooser, die Mehrheit der Infizierten sei aber ungeimpft. Und auch die Corona-Patienten in den Krankenhäusern seien zum Großteil ungeimpft.

Das bestätigt auch Henning Meyer, Sprecher des Bremerhavener Klinikums Reinkenheide: "Die schweren Verläufe treffen bisher ausnahmslos ungeimpfte Personen. Sogenannte Impfdurchbrecher sind seltene Zufallsbefunde, die bisher auch keine schweren Verläufe zeigen." 

Lage in den Krankenhäusern im Land Bremen

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Stadt will Impfkampagne vorantreiben

Es sind also viele Faktoren, die aktuell zu den hohen Infektionszahlen führen. Der Fall Bremerhaven zeigt: Eine hohe Impfquote führt nicht automatisch zu niedrigen Inzidenzen. In einzelnen ungeimpften Gruppen kann sich das Virus rasch ausbreiten.

Die Stadt will nun die Impfkampagne weiter ausbauen. Unter anderem sollen die Impfungen in Kooperation mit Firmen vorangetrieben werden, etwa mit den Subunternehmen der Stahlbaufirma, bei der es den großen Corona-Ausbruch gab. Außerdem laufen bereits die Drittimpfungen in Alten- und Pflegeheimen.

Seit diesem Freitag gelten wegen der hohen Hospitalisierungsinzidenz in der Stadt außerdem die Regeln der Warnstufe 2. Außer einem Abstandsgebot draußen von 1,5 Metern zu anderen Personen ändert sich für die Bürger aber nicht viel. Darüber hinaus sieht der Magistrat keinen Handlungsbedarf, heißt es aus dem Stadthaus.

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Autorin

  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 8. Oktober 2021, 6 Uhr