Fragen & Antworten

Brexit-Folgen führen zu Zwangspause für Hochseefischer in Bremerhaven

Die Last-Minute-Brexit schlägt hohe Wellen in der Bremerhavener Hochseefischerei. Derzeit können die Trawler nicht auslaufen und machen Verluste. Doch das ist nicht alles.

Personen stehen vor einem Fischernetz auf einem Schiff.
Infolge des Brexit-Abkommens können viele Hochseefischer ihrer Arbeit nicht wie gewohnt nachgehen. Bild: DPA | Sander Koning

In Bremerhaven sitzen derzeit Fisch-Trawler der Hochseefischerei im Hafen fest. Sie dürfen nicht in norwegische Gewässer aufbrechen, wo sie zu dieser Jahreszeit normalerweise unterwegs wären. Grund ist das zum Januar ausgelaufene Abkommen zwischen der EU und dem Nicht-EU-Land Norwegen. Daran wiederum ist der Brexit Schuld – zumindest indirekt. Und der Deal hat weitere Folgen für die Fischer.

Was hat die Fischerei vor Norwegen mit dem Brexit zu tun?
Norwegen und auch Grönland haben mit der EU Abkommen über die Fischerei geschlossen. Beide wurden Anfang Januar jedoch nicht verlängert, weil die Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU so lange gedauert haben. Zuerst musste festgelegt werden, wer wie viel Fisch aus britischen Gewässern fangen darf. Diese Frage war bis Heiligabend nicht geklärt – nur eine Woche bevor es zum harten Brexit gekommen wäre. Da es diese Einigung nicht gab, wollten Norwegen und Grönland nicht verhandeln, weil die Grundlage unklar war.
Ein Mann steht mit verschränkten Armen vor einem großen Schiff.
Die Schiffe von "Doggerbank"-Chef Uwe Richter müssen zur Zeit im Hafen bleiben. Bild: Radio Bremen | Dirk Bliedtner
Und was bedeutet das für die Hochseefischer in Bremerhaven und Cuxhaven?
Die Trawler liegen seit Anfang Januar unverrichteter Dinge im Hafen, sagt Uwe Richter, Chef der "Doggerbank Seefischerei" aus Bremerhaven. Seine Schiffe fangen sonst vor Norwegen Kabeljau, Schellfisch und Seelachs. "Für uns bedeutet das natürlich, dass wir momentan nichts verdienen können." Und für die Seeleute, die auf den Schiffen beschäftigt sind, gebe es derzeit keinen Einsatz. "Wir müssen versuchen, die Zeit zu überbrücken, aber finanzielle Verluste sind natürlich da."

Manche Fischer können auf andere Gewässer ausweichen, zum Beispiel die von der "Kutterfisch-Zentrale" in Cuxhaven. Die sind jetzt in schottischen Gewässern unterwegs. "Wir fischen vor den Shetlands", sagt Geschäftsführer Kai-Arne Schmidt. Allerdings sei die Fahrtzeit mit 60 Stunden pro Strecke eine andere als die 24 Stunden nach Norwegen. Bei dem hohen Dieselverbrauch seien dies pro Fahrt einige tausend Euro Mehrkosten.
Wann ist eine Lösung in Sicht?
In dieser Woche starten die Gespräche zwischen der EU und Norwegen. Richter hofft, dass seine Leute bis Ende des Monats wieder los können. "Kann sein, dass es doch bis Ende Januar passiert, dann halten sich die Verluste in Grenzen", so Richter. "Sollte das aber darüber hinaus noch länger dauern, dann würde es schwierig für uns." Dass sich der Fischerei-Streit mit Großbritannien in den nächsten Jahren wieder hochschaukelt, davon ist "Kutterfisch"-Chef Schmidt überzeugt. Er glaubt, dass die Briten 2026 – wenn die aktuelle Vereinbarung ausläuft – wieder verhandeln wollen.
Welche Folgen hat der Brexit sonst für die Fischer?
Große Sorge bereitet den Fischern das Brexit-Abkommen selbst. Denn das sieht vor: Europäische Fischer dürfen in den nächsten fünf Jahren in britischen Gewässern 25 Prozent weniger fangen als bisher. Schmidt ist zwar froh, dass es nach der langen Hängepartie überhaupt eine Einigung gibt, sieht aber schwere Einschnitte auf die Branche zukommen. Ein Viertel Fangmenge heißt sogar 30 Prozent Umsatz, erklärt er. "Die Engländer sind ja nicht blöd, die haben sich die teuren Fischarten ausgesucht, wie Seehecht, Kabeljau, Schellfisch, Seeteufel und nicht die Sprotte als Beispiel", so Schmidt. "Für uns in Bremerhaven und Cuxhaven heißt das: Mindestens ein Schiff aus der Fischerei rausnehmen."
Gibt es auch Lichtblicke?
Nicht alle Fischer sind gleich stark betroffen. Deutsche Küstenfischer, die hauptsächlich Krabben fangen, haben Glück, erklärt Ralf Döring vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven. Denn ihre Fangmenge ist nicht über die EU geregelt. Am stärksten sei die Hochseefischerei betroffen, weil die Quote der Hauptfangarten Hering und Makrele, die bisher hauptsächlich in britischen Gewässern gefangen wurden, nun absinke. Der Ökonom sagt aber auch: Angesichts dessen, was der britische Premier Boris Johnson zuerst gefordert hat, hätte es schlimmer kommen können. "Wenn man das damit vergleicht, was gedroht hat, nämlich, dass wir 80 Prozent der Quote verlieren, dann sieht das Ergebnis besser aus als der Worst Case."

Rückblick: Die Geschichte der Hochseefischerei in Bremerhaven

Video vom 12. April 2017
Fischermann auf einem Fischerboot mit Fischernetz
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 13. Januar 2021, 14:10 Uhr