"Seute Deern" 2.0? Dieser Kulturschatz verrottet im Kreis Cuxhaven

Zwischen Bremen und Bremerhaven steht das Haus des Dichters Herrmann Allmers. Doch das einst schmucke Anwesen bröckelt vor sich hin.

Blick durch eine Allee auf ein weiß-gelbes Gebäude.
Von Weitem wirkt das Haus des Dichters Hermann Allmers sehr herrschaftlich. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Modriger Geruch steigt in die Nase, die Feuchtigkeit ist deutlich zu spüren. Risse ziehen sich durch die Wände, hier und da platzt der Putz ab. "Es ist ein Trauerspiel", sagt Sabine Rieß-Schäfer, während sie die Tür zum Antikensaal öffnet. Vom prunkvollen Ambiente ist nicht mehr viel übrig. Hier, wo die Deckenmalerei abbröselt und auf die Exponate rieselt, bietet das Standesamt Hagen-Beverstedt Hochzeiten an. Wirklich feierlich mutet aber nicht mehr viel an.

Vor 200 Jahren wurde hier in Rechtenfleth im Landkreis Cuxhaven der Dichter Hermann Allmers geboren. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1902. Ab 1860 ließ Allmers das Gebäude umbauen zum Bildungsort und ersten öffentlichen Museum zwischen Elbe und Weser. Allmers hatte viel Kontakt zu anderen Künstlern. Deshalb finden sich in seinem Haus noch heute Malereien von Künstlern wie Arthur Fitger und Heinrich von Dörnberg, römische Statuen und mittelalterliche Madonnen aus Holz. Das genaue Alter des Gebäudes ist unklar. Ein massiver Wandschrank wird auf das frühe 17. Jahrhundert datiert.

Die Ehrenamtlichen geben auf

Der Hof ist seit 1988 im Besitz des Landkreises Cuxhaven. Einige wenige Ehrenamtliche bemühen sich noch um den Erhalt des Kulturschatzes. Sie verhinderten 2008 sogar das Vorhaben des Kreistages, das Haus zu schließen. Rund 2.000 bis 3.000 Besucher führen die Ehrenamtlichen pro Jahr durchs Haus, berichtet Sabine Rieß-Schäfer.

Eine Frau guckt in die Kamera.
Sabine Rieß-Schäfer kämpft für den Erhalt des historischen Hofes. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Sie ist mit 53 Jahren das jüngste Mitglied der Hermann-Allmers-Gesellschaft. Noch. Denn lange will sie sich das Trauerspiel nicht mehr ansehen. Der Landkreis vernachlässige das Haus, sagt sie. Seit 2008 gebe es nicht einmal mehr einen Hausmeister, aus kleinen Schäden würden immer größere.

Ein rund drei Jahre altes Gutachten des Monumentendienstes weist auf massive, dringend zu beseitigende Schäden hin. "Wir haben in diesen drei Jahren nicht einen Handwerker gesehen, der an diesen Schäden gearbeitet hätte", so die 53-Jährige. Vor mehr als zwei Jahren hat die Allmers-Gesellschaft das Gebäude und alle Gegenstände auf eigene Rechnung für mehr als 20.000 Euro von Schimmel reinigen lassen.

Richtig gefährlich wird es im Erkerzimmer des Hauses. "Auch der ist recht morsch, da sollte man nicht reintreten und schon gar nicht sich gegenlehnen“, sagt Rieß-Schäfer. Sie ist nicht die Erste, die hinschmeißen will.

Ehemaliger Oberbürgermeister fordert Entscheidung 

Bremerhavens ehemaliger Oberbürgermeister Jörg Schulz ist bereits im November aus Protest als Vorsitzender der Allmers-Stiftung zurückgetreten. Er sieht Parallelen zum Schicksal eines anderen Kulturschatzes: "Das Herrmann-Allmers-Haus verrottet zusehends und wird das Schicksal der Seute Deern nehmen, wenn man nicht jetzt eingreift. Der Landkreis Cuxhaven muss eine Entscheidung treffen: Will man das Haus erhalten oder nicht?"

Wenn man diese Entscheidung weiter aussitzt, dann wird das Haus verrotten.

Ein Mann steht vor einer Backsteinwand und guckt in die Kamera.
Jörg Schulz, ehemaliger Vorsitzender der Allmers-Stiftung

Landkreis wehrt sich gegen Vorwürfe 

Der Landkreis will nicht von "Verrotten" sprechen. Sprecherin Kirsten von der Lieth verweist darauf, dass in den letzten Jahren einiges investiert worden sei: "Wir haben zum Beispiel die Statik des Hauptgebäudes stabilisiert, die Haupt- und die Nebenscheune, die marode Umfassungsmauer oder die kleine Brücke erneuert", sagt sie. Außerdem habe der Kreis eine Wohnung für Stipendiaten eingerichtet und den Garten mehrere Male herrichten lassen.

Die Statue eines Mannes steht in einem Garten.
Auch ein großer Garten gehört zum Anwesen. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

20.000 Euro stünden pro Jahr für den Betrieb im Haushalt bereit. Zudem wolle der Kreis jetzt ein Gutachten in Auftrag geben, das die Kosten für eine Sanierung bestimmt, so die Sprecherin. Darüber hinaus entwickle eine Arbeitsgruppe, an der auch die Allmers-Gesellschaft beteiligt ist, Konzepte für die zukünftige Nutzung und Ausrichtung des Hofes.

Lesungen, Theaterstücke, nächtliche Führungen für Kinder – Ideen für die Zukunft seien genug da, sagt Sabine Rieß-Schäfer. Doch der lange Kampf hat sie müde gemacht. So oder so will sie sich im Sommer aus dem Vorstand der Allmers-Gesellschaft zurückziehen.

Ich bin jetzt 13 Jahre ehrenamtlich dabei, ohne dass sich die Rahmenbedingungen großartig geändert haben, und das macht müde. Und dann hilft es auch nicht, wenn das Ehrenamt immer hoch gelobt wird, wenn keine Fortschritte erkennbar sind.

Sabine Rieß-Schäfer, Vorstandsmitglied der Allmers-Gesellschaft

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Autorinnen

  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin
  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 25. März 2021, 11:39 Uhr