Warum Bremer Tierschützer den Ansturm auf Hundewelpen kritisch sehen

Durch die Corona-Pandemie haben viele im Alltag mehr Zeit – für einen Hund? Der Bremer Tierschutzverband ist besorgt: Hunde seien kein "Spielzeug für ein paar Wochen."

Eine hellbrauner Hundewelpe spielt mit einem Stofftier,
Auf den Hund gekommen: In der Corona-Krise steigt die Zahl der registrieren Hunde in Bremen. (Symbolbild) Bild: DPA | Stephan Schulz

Die Zeit des 'Social Distancing' hat offenbar viele Bremer auf den Hund gebracht. Und viele wollen genau das: einen Hund. "Das ist schlimm", sagt Gaby Schwab vom Bremer Tierschutzverein. Das Tierheim bekommt noch immer viele Anfragen von Menschen, die sich um ein Tier kümmern wollen. Aber auch von Menschen, die einen Hund nur in der Corona-Zeit haben wollen. "Da wollte jemand einen Hund zum Spielen für die Kinder und den nach Corona wieder abgeben", berichtet Schwab. "Hunde sind Lebewesen, die brauchen ein festes zu Hause und ein Rudel. Hunde sind menschenbezogen und kein Spielzeug für ein paar Wochen."

Von einem stark erhöhten Interesse an Welpen berichten auch viele Züchter im Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH). Von einem Welpenboom oder Welpenhype ist die Rede. "Ich züchte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr, habe aber noch einen Eintrag im Online-Register des VDH" sagt eine Hobbyzüchterin aus Stuhr. Und trotz Hinweis auf der Internetseite des VHD, dass sie nicht mehr züchtet, klingelt ihr Telefon oft: "Die Menschen wollen einfach einen Hund", sagt die Züchtern: "Ich habe Airedale Terrier gezüchtet." Vielen Anrufern scheine es egal zu sein, welche Rasse sie bekommen.

Hauptsache Hund – Rasse egal

Zwei Hundewelpen stehen neben einer grünen Gießkanne.
Viele Menschen wollen laut Hobbyzüchterin Doris Bierwirth einen Hund zum Zeitvertreib. Bild: Radio Bremen | Josephine Gotzes

Hobbyzüchterin Doris Bierwirth aus Bremen bestätigt diesen Eindruck. "Ich züchte Australian Silky Terrier. Das ist eine sehr seltene Rasse und gerade bekomme ich Anfragen von Leuten, die einfach kleine Hunde haben wollen – nicht unbedingt meine Rasse", erzählt sie. Eine Woche vor dem Lockdown im März hat sie ihren letzten Wurf verkauft. Und trotzdem reißen die Anrufe und Anfragen nach einem Hund von ihr nicht ab: "Ich könnte drei oder vier Würfe verkaufen", berichtet sie. Dabei gebe sie ihre "Silkys" nicht irgendwem, sondern schaue sehr genau hin.

Bierwirth ist nicht die einzige Züchterin, die das Gefühl hat, dass es gerade einen regelrechten Ansturm auf Welpen gibt. Justine Grisar hat dieses Jahr das erste Mal ihre Hündin Fenja zur Zucht registriert. Für die Welpen gibt es mehr Interessenten als die junge Züchterin je gedacht hätte. Erst hatte Grisar Sorge, dass sie die Welpen währen der Corona-Pandemie nicht verkaufen kann. Doch dann bekam sie bereits Anfragen, als die Welpen noch gar nicht auf der Welt waren. Die seien teilweise sogar aus dem Schwarzwald gekommen.

Für vier bis fünf Welpen gab es über 30 Anfragen innerhalb von vier Wochen.

Justine Grisar, Hobbyzüchterin
Vier Hundewelpen liegen in einem Korb mit Wolldecken. Die Welpen sind nur wenige Tage alt.
Züchter können sich momentan vor Anfragen kaum retten. Bild: Justine Grisar

Die Hälfte der Interessierten wollte wirklich einen Collie und suchte schon länger, die andere Hälfte einfach einen Familienhund, erzählt Grisar. "Wir haben dann einige Interessenten angerufen und nachgehorcht, warum sie vor allem jetzt gerade einen Collie wollen." Wer klare Antworten hatte, wurde zu einem Kennenlernen mit den ausgewachsenen Hunden in den Garten der Familie Grisar eingeladen.

Auf "Hallo, ich möchte einen Hund kaufen" habe ich nicht geantwortet.

Justine Grisar, Hobbyzüchterin

"Wir wollten die Leute vorab kennenlernen, denn an der Wurfkiste – wenn da süße Welpen rumtüddeln – sind alle Leute nett", sagt Grisar. Die Züchterin aus Lilienthal will sicher sein, dass sie ihre Welpen an nette und fürsorgliche Besitzer abgibt.

Züchter aufmerksam beim Verkauf

Mehrere "American Staffordshire Terrier"-Welpen und deren Mutter
Vielen Leuten ist die Rasse egal – Hauptsache Hund, berichten Hobyzüchter. Bild: Radio Bremen

Züchter können sich momentan sehr genau anschauen, an wen sie ihre Welpen verkaufen. Damit wollen sie verhindern, dass sich Menschen einen Hund zulegen, der nicht zu ihnen und ihren Finanzen passt.

Denn Hundehaltung ist teuer. Da sind nicht nur die Futterkosten und die Hundesteuer, sondern auch die Hundeschule und Dinge wie Leine, Transportbox und Hundekorb, berichten die Züchter. Hinzu kommen Tierarztkosten, die mitunter ins Vier- oder Fünfstellige gehen können.

Online-Welpenhandel boomt

Die Menschen, die von Züchtern, Tierschutzorganisationen und Privatverkäufern abgelehnt werden, gehen oft ins Internet: "Es gibt Online einen richtigen illegalen Welpenhandel. Oder Welpen werden irgendwo auf dem Wochenmarkt gekauft", sagt Amelie Bensch, Tierheimleitung beim Tierschutzverein Bremerhaven. Die Welpen kommen meist aus Osteuropa nach Bremen und Niedersachsen.

Zwar waren die Grenzen zeitweise geschlossen, doch "das Problem ist, dass seit Mitte Juni die Grenzen wieder offen sind und auch die Online-Anzeigen auf Internetportalen wieder rasant angestiegen sind", sagt Mike Ruckelshaus von der europäischen Tierschutzorganisation Tasso. Dabei geht der Leiter des inländischen Tierschutzes von einer Anzeigensteigerung von rund 20 Prozent aus. Bei sogenannten Modehunden seien die Anzeigen noch stärker gestiegen, schätzungsweise um 60 Prozent, sagt Ruckelshaus.

Auch die Zahlen im Hunderegister steigen

Ein helbrauner Welpe rennt mit einem Hundespielzeug im Maul auf die Kamera zu.
Hunde sind in Bremen und Bremerhaven gerade beliebt. Bild: Radio Bremen | Josephine Gotzes

Der Tierschutzverein Tasso registriert Hunde und Katzen europaweit mit einen Chip, so können Haustierbesitzter ihre entlaufenen Tiere wiederfinden. "Im Juni haben wir rund 20 Prozent mehr Haustiere in Bremen registriert als im Vorjahr", sagt Lisa Frankenberger, Pressesprecherin bei Tasso. In Niedersachsen stieg die Anzahl der registrierten Tiere um rund 28 Prozent. Zwar sei eine Steigung zum Vorjahr normal, deutschlandweit liegt diese jährlich aber nur bei rund vier Prozent.

Dass Corona der Grund dafür ist, dass sich mehr Menschen Tiere anschaffen, liegt nahe,

Lisa Frankenberger, Tierschutzverein Tasso

"Aber valide beweisen können wir das nicht." Hundebesitzer sind nicht verpflichtet ihre Tiere bei Tasso zu registrieren oder anzugeben, warum sie sich ein Tier kaufen.

Hundesteuer erbringt gut zwei Millionen Euro im Land Bremen

In Bremen und Bremerhaven wurden im vergangenen Jahr 21.307 Hunde registriert. Ob sich in den letzten Monaten mehr Menschen Hunde zugelegt hätten, könne man noch nicht feststellen, da die Zahlen nur einmal jährlich ausgewertet werden, so das Finanzamt Bremen, das Hunde im Land Bremen zählt und die Hundesteuer registriert.

"In der Zeit von Anfang April bis Ende Juni dieses Jahres wurden rund 250 Hunde neu angemeldet, was aus Erfahrung durchaus als ein erhöhtes Aufkommen an Neuanmeldungen gewertet werden kann", sagt Volker Heigenmooser, Pressesprecher der Stadt Bremerhaven. Gründe für eine Anschaffung oder die Rassen werden von der Stadt aber nicht erfasst.

Tierschutz sieht unüberlegten Welpenkauf kritisch

Züchter und Tierschutzorganisationen sind sich einig, dass man sich nicht unüberlegt einen Welpen zulegen sollte. "Züchter haben genaue Nachweise über die Herkunft der Zuchttiere, die Welpen dürfen in Deutschland bei der Abgabe nicht jünger als acht Wochen sein und sollten geimpft sein", erklärt Mike Ruckelshaus. "Welpen aus dem Ausland dürfen nicht jünger als 15 Wochen sein, das liegt an der Tollwutimpfung und auch die Verkäufer brauchen eine Genehmigung". Solche Verkäufer seien aufs Geld aus und oft nicht auf das Wohl der Tiere. Doch der Markt boomt, weil Tierhändler oft nicht genau hinschauen, an wen sie ein Tier vermitteln.

Tierheime schon jetzt alarmiert

"Wir haben schon richtig Magenschmerzen, wenn wir daran denken, was im Herbst auf uns zurollen wird. Viele wollen gerade einfach 'Hund', da ist die Problematik groß, wenn sie im Tierheim oder anderen seriösen Tierschutzorganisationen keinen bekommen, dann laufen die zum Züchter oder zum illegalen Welpenhändler", befürchtet Tierschützerin Gaby Schwab. Wenn diese Tiere größer werden, nicht mehr niedlich sind oder zu teuer werden, dann landen sie im Tierheim oder werden gar ausgesetzt.

Man braucht nur auf diesen illegalen Portale gucken, dann sieht man, was da angeboten wird und die Hunde landen ja irgendwo.

Das Gesicht einer Frau ist im Porträt zu sehen.
Amelie Bensch, Tierschutz Bremerhaven

"Das ist jetzt ein bisschen Glaskugel, aber ich kann mir schon vorstellen, dass da im Herbst noch einiges auf uns zukommen wird", sagt Bensch und ist sich sicher: "Auch die bekommen wir vermittelt, das ist unser Job. Wir gucken, dass wir die Zukunft für die Tiere besser machen."

Die Tier-Schnüfflerin: So arbeitet Bremens höchste Tierschützerin

Video vom 29. Mai 2020
Tierschützerin Diane Scheffter im Interview auf der Straße.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 1. Juli 2020, 14.38 Uhr