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Meisterpflicht kommt zurück: Darum jubelt das Bremer Handwerk

Für zwölf Berufe gilt bald wieder die Meisterpflicht. Deren Abschaffung durch die Regierung Schröder hatte laut Bremens Handwerkern schwere Folgen. Jetzt glauben sie an eine bessere Zukunft.

Auszubildender zum Fliesenleger  kachelt eine Wand.
Ein Auszubildender zum Fliesenleger kachelt eine Wand: Bilder wie dieses möchte die Handwerkskammer Bremen demnächst wieder öfter sehen. Bild: DPA | Ulrich Baumgarten

"Willkommen in der Zukunftswerkstatt" lautet das Motto des heutigen, neunten "Tags des Handwerks". In diversen Aktionen wollen sich die Gewerke bundesweit von ihrer modernen Seite präsentieren, die Digitalisierung ihrer Branchen ins Zentrum rücken. Für noch mehr Gesprächsstoff aber dürfte die Rückkehr einer alten Tradition im Handwerk sorgen: Die Bundesregierung hat angekündigt, bis Anfang kommenden Jahres die Meisterpflicht für zwölf Gewerke wieder einzuführen.

Das ist ein ganz tolles Signal.

Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Bremen

"Das ist ein ganz tolles Signal", findet Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen. Der Bund setze ein Zeichen zugunsten von Verbraucherschutz und Qualität. Die Meisterpflicht sei unverzichtbar, um das Image einiger Gewerke wieder aufzupolieren und Auszubildende für das Handwerk zu begeistern.

Viele Betriebe, kaum Lehrlinge

Tatsächlich zeigt der Blick in die Statistik: In jenen Handwerken, in denen die Meisterpflicht 2004 abgeschafft worden ist, sind zwar etliche Betriebe hinzugekommen. Die Zahl der Auszubildenden ist in diesen Berufen jedoch dramatisch zurückgegangen, wie das Beispiel der Fliesenleger zeigt: Gab es 2004 lediglich 28 eingetragene Fliesenleger-Betriebe mit zusammen 13 Lehrlingen im Land Bremen, so bilden hier heute 300 Fliesenleger-Betriebe sieben Lehrlinge aus. Damit liegt Bremen voll im Bundestrend.

Zurückzuführen sei die hohe Zahl an Betrieben vor allem auf viele Ein-Mann-Firmen, die nach der Abschaffung der Meisterpflicht für Fliesenleger ab 2004 gegründet worden seien, erklärt Meyer. Damals hatte die Regierung um den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Zuge der Agenda 2010 die Meisterpflicht für 53 Handwerke aufgehoben, um Arbeitssuchenden den Sprung in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Prompt machten sich auch etliche ungelernte Kräfte als Handwerker selbstständig, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Grafische Darstellung von Lehrlings- und Betriebszahlen des Raumausstatters Raumausstatter 44 122 42 28 Anzahl einget r agene Betriebe 2004 2019 Anzahl Lehrlinge
Bild: Radio Bremen / Handwerkskammer Bremen

"Die Ausbildung in den betroffenen Gewerken ist daraufhin teilweise richtiggehend eingebrochen", blickt Meyer zurück. Um nämlich beispielsweise als Raumausstatter loslegen zu können, sei es ja nun, zumindest von Gesetzes wegen, nicht mehr notwendig gewesen, sich der langjährigen Ausbildung zum Meister zu unterziehen. Ein "dramatischer Qualitätsverlust" sei in vielen Gewerken die Folge gewesen. Viele Kunden seien nachhaltig verunsichert worden.

Das Schlagwort vom "Pfusch am Bau" bringen sehr viele Menschen zuerst mit dem Fliesenleger-Solo-Unternehmer in Verbindung.

Dietmar Schäfers, Stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bau

Dietmar Schäfers, Stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bau, teilt dazu sogar mit: "Das Schlagwort vom "Pfusch am Bau" bringen sehr viele Menschen zuerst mit dem Fliesenleger-Solo-Unternehmer in Verbindung."

Grafische Darstellung von Lehrlings- und Betriebszahlen des Fliesenlegers Fliesenleger Anzahl einget r agene Betriebe 2004 28 13 300 2019 Anzahl Lehrlinge 7
Bild: Radio Bremen / Handwerkskammer Bremen

"Akademisierungswahn" entgegenwirken

Mann mittleren Alters lächelt in Kamera
Freut sich auf die Rückkehr der Meisterpflicht: Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen Bild: Handwerkskammer Bremen

Sowohl Meyer als auch Schäfers glauben, dass das Handwerk mithilfe der Meisterpflicht verlorenes Vertrauen wieder zurückgewinnen könne. Zugleich, so ihre Hoffnung, würden die betreffenden Gewerke auch wieder attraktiver für Azubis.

Und das sei dringend erforderlich. "Seit einigen Jahren herrscht in Deutschland ein Akkademisierungswahn vor", sagt Meyer. Immer mehr junge Menschen würden dazu gedrängt, zu studieren – sehr zum Schaden jener Berufe, die auf duale Ausbildungen setzten. So sei dem Handwerk zuletzt der Nachwuchs ausgegangen. Von den tendenziell ohnehin etwas zu wenigen Ausbildungsplätzen seien auch in Bremen zuletzt einige unbesetzt geblieben. Auch das, hofft Meyer, könne sich nun womöglich ändern.

Linke, FDP und Grüne kritisieren Gesetzesnovelle

Ein Mann arbeitet an einer historischen Orgel.
Auch für Orgelbauer gilt bald wieder die Meisterpflicht: zum Schutz der Kulturgüter. Bild: DPA | Jens Büttner

Info Tebje, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der Bremer Linksfraktion, gibt unterdessen zu Bedenken: "Im Ausland erworbene Qualifikationsnachweise, die dem Meistertitel ähnlich sind, müssen anerkannt werden, damit die Meisterpflicht kein Hindernis für die Integration in den Arbeitsmarkt ist."

Auch Lencke Steiner, Vorsitzende der Bremer FDP-Fraktion, kritisiert die geplante Gesetzesnovelle zumindest in Teilen: "Brüssel ist die Meisterpflicht insgesamt ein Dorn im Auge." Daher sei es notwendig, genau zu prüfen, inwiefern eine Ausweitung der Meisterpflicht mit europäischem Recht in Einklang zu bringen ist. Dabei müsse Deutschland insbesondere den Verbraucher- und den Gefahrenschutz im Blick haben, sagt Steiner und fügt hinzu: "Ich bezweifle, dass das bei den aktuell vorgeschlagenen zwölf Berufen durchgehend der Fall ist. Beispielsweise ist dies beim Raumausstatter zumindest zweifelhaft.“

"Nicht pauschal schlechte Arbeit unterstellen"

Am schärfsten kritisiert der wirtschafts- und baupolitische Sprecher der Bremer Grünen, Robert Bücking, den Vorstoß der Bundesregierung: "Wir machen uns Sorgen, ob hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird." Die geplante Novelle der Handwerksordnung gehe "an der Realität auf den Baustellen vorbei". Viele begabte Handwerker ohne Meisterbrief hätten in den letzten Jahren ihre Chance genutzt und sich erfolgreich selbständig gemacht: "Es gibt keinen Anlass, hier pauschal schlechte Arbeit zu unterstellen, nur weil diesen Unternehmen der Meisterbrief fehlt", findet Bücking.

Es gibt keinen Anlass, hier pauschal schlechte Arbeit zu unterstellen, nur weil diesen Unternehmen der Meisterbrief fehlt.

Robert Bücking, baupolitischer Sprecher Grüne Bremen

Im Übrigen herrsche rund um das Bauhauptgewerbe Hochkonjunktur, Fachkräfte seien aber Mangelware. "Das einzige, was dagegen hilft, ist Ausbildung. Was nicht hilft, ist der Versuch, den Weg in die Selbständigkeit zu verbauen", sagt Bücking. Er freue sich auf einen "vertieften Gedankenaustausch mit der Handwerkskammer zu diesem Thema." – Der heutige "Tag des Handwerks" böte hierzu eine gute Gelegenheit.

Bremen vergibt "Meisterprämie" in kaufmännischen Berufen

Portal des Schütting mit buten un binnen Vers
  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. September 2019, 23:30 Uhr