Interview

"Wann bekomme ich Geld?" – Bremer Unternehmen fürchten Insolvenz

Laut einer Handelskammer-Befragung geht vielen Firmen im Lockdown die Luft aus. Coronahilfen flössen nicht passgenau und zu langsam. Die Kammer fordert schnelle Bundeshilfen.

Video vom 5. Februar 2021
Einzelhändler Jens Schuhmacher steht vor seinem Laden Art n Card in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Imago | Chris Emil Janßen

Immer mehr Unternehmen im Land Bremen stehe das Wasser bis zum Hals, sagt Handelskammer-Präses Janina Marahrens-Hashagen mit Blick auf die jüngste Mitgliederbefragung der Kammer. Ganze Branchen seien in Schieflage geraten, ohne eigenes Verschulden, fasst Marahrens-Hashagen die Ergebnisse zusammen. Sie sieht den Bund in der Pflicht, den Firmen in der Coronakrise schneller zu helfen – und zwar zügiger als bisher.

26 Prozent der befragten Unternehmen fürchten die Zahlungsunfähigkeit. Unter denjenigen, die derzeit geschlossen sind, wie etwa Gaststätten, fühlen sich sogar 41 Prozent von der Insolvenz bedroht. Was muss geschehen, um das Unheil abzuwenden?
Zunächst einmal: Das sind erschreckende Zahlen, die unsere Blitzumfrage zutage befördert hat! Wir müssen schnell aus dem lernen, was uns die Unternehmen zurückspiegeln. Dazu gehört: Die Wirtschaftshilfen zu beantragen, ist zu bürokratisch. Man muss dazu in der Regel über Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gehen. Außerdem ändern sich die Antragsbedingungen immer wieder. Den Unternehmen fehlt Planungssicherheit. Sie fragen sich: Wann bekomme ich das Geld? Damit haben die Unternehmen wahnsinnig zu kämpfen. Das muss schnell besser werden!
Über die Hälfte der befragten Unternehmen kritisiert zudem die Zugangskriterien zu staatlichen Hilfen. Viele, die unverschuldet in Not geraten seien, fielen durchs Raster. Was sind das für Firmen?
Zum Beispiel Unternehmen, die der Hotellerie zugeliefert haben. Wir denken viel an die Hotels mit ihren Arbeitnehmern. Aber an den Hotels hängen auch viele Dienstleister, denen es jetzt schlecht geht, beispielsweise Reinigungsfirmen, die sich auf die Hotellerie spezialisiert haben. Die trifft auch keine Schuld an dem Lockdown.
Fällt Ihnen ein weiteres Beispiel ein?
Der Großhandel hinter der Gastronomie. Die haben auch nichts verkaufen können.
Wie könnte man helfen?
Ich sehe, dass die Beantragung der Hilfsmittel zu kompliziert ist und es zu lange dauert, bis das Geld fließt. Außerdem ist das Hilfssystem zu unübersichtlich und nicht branchenspezifisch genug. Da muss die Bundesregierung nachbessern.
Wie?
Man muss sich die Branchen mitsamt der Zulieferer anschauen: Ist das vielleicht jemand, der auch durch die Branchenschließung betroffen ist? Im Ergebnis müsste der Zulieferer ebenso einen Antrag einreichen können wie der Gastronom oder der Hotelier.
Eine Frau läuft alleine durch die Obernstraße in Bremen.
Gespenstische Stille in der Bremer Innenstadt: Der Lockdown bringt viele Unternehmen inzwischen in existenzielle Bedrängnis. Bild: Imago | Chris Emil Janßen
70 Prozent der von Ihnen befragten Unternehmen haben zudem angegeben, dass die Förderanträge zu langsam bearbeitet würden. Aber die langen Bearbeitungszeiten und die umfangreichen Prüfungen haben eine traurige Vorgeschichte: zahlreiche Betrugsfälle während des ersten Lockdowns. Wie könnte man zugleich die Antragsbearbeitung beschleunigen und verhindern, dass es wieder zu Betrugsfällen kommt?
Wir alle machen unsere Steuererklärungen und sehen, was wir zu versteuern haben. Wenn man diese Daten mit den Finanzämtern abgliche, käme man Betrügern auf die Schlichte. Natürlich bin auch ich gegen Betrugsfälle. Aber nehmen wir mal ein praktisches Beispiel: Wenn ein Friseursalon mit fünf Mitarbeitern schließen muss und beim Steuerberater für das komplizierte Hilfsmittelantragsverfahren 2.500 Euro zahlen muss, um schließlich 5.000 Euro zu bekommen – dann läuft etwas schief. Das kann nicht Sinn der Sache sein.
Sie haben sicher die Debatte um die Initiative "Zero Covid" verfolgt, bei der sich auch Bremer Wissenschaftler beteiligen. Was halten Sie von der Idee eines radikalen, vielleicht dreiwöchigen Lockdowns anstelle einer fortwährenden Aneinanderreihung halbherziger Teillockdowns?
Ich sehe das kritisch. Selbst wenn wir alles dicht machen und zuhause bleiben, ist nicht gesagt, dass es zu keinen Infektionen kommt. Es werden sich immer Familien und Jugendliche treffen und das Virus weitertragen. Und wegen der neuen Mutationen geht das jetzt noch flotter. Drei Wochen würden noch nicht einmal reichen, aber für die Wirtschaft wären diese drei Wochen katastrophal.
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Dass man regional unterscheidet. Wir kommen in Bremen ja leider gerade nicht unter eine Inzidenz von etwa 80. Man könnte gucken: Welchen Branchen kann man bei dieser Inzidenz nicht doch gestatten, zu arbeiten? Die Unternehmen haben viel Geld in Hygienemaßnahmen gesteckt, die Friseure ebenso wie die Restaurants, um nur Beispiele zu nennen. Daher finde ich, müsste man branchenweise gucken: Unter welchen Bedingungen dürfen die vielleicht wieder arbeiten? Sie müssen wieder Geld verdienen können.
Was glauben Sie, wie Bremens Wirtschaft am Ende der Pandemie dastehen wird?
Wir haben ja zum Glück die Kurzarbeit, um auch mal etwas Positives zu sagen! Das Instrument Kurzarbeit trägt momentan viele Bremer Betriebe durch diese schwierige Zeit. Das ist exzellent organisiert. Die Zahlungen waren bisher prompt und pünktlich. Ich glaube, dass dank der Kurzarbeit viele überleben werden. Aber wie viele es sein werden – darüber möchte ich nicht spekulieren. Ich hoffe einfach, dass wir mit den Impfungen schnell vorankommen und wir uns in der zweiten Hälfte dieses Jahres nicht mehr ganz so sehr mit Corona beschäftigen müssen. Wir wollen uns wieder stärker mit unseren Unternehmen und unseren Mitarbeitern befassen können.

Rückblick: Darum rechnet Bremens Handelskammer-Chefin mit vielen Insolvenzen

Video vom 23. August 2020
Die Unternehmerin und Präses der Handelskammer Bremen Janina Maharens-Hashagen im Interview im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Februar 2021, 19.30 Uhr