Wenn Ohnmacht in häusliche Gewalt mündet – und wie Bremen helfen kann

Video vom 26. August 2021
Ein Mann und eine Frau sitzen in einem hellen Raum.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Henrike Müller hat es als Kind erlebt; heute sagt die Bürgerschafts-Abgeordnete: "Gewalt gegen Frauen ist eine seit Jahrzehnten andauernde Pandemie." Sie fordert Hilfe – auch für Täter.

Henrike Müller will eines deutlich machen: Häusliche Gewalt ist allgegenwärtig und Betroffene sitzen ganz häufig mit am Tisch. Sogar hier in der Bremischen Bürgerschaft, wo die Grünen-Politikerin einen mutigen Schritt ging, als sie im Frühjahr im Parlament ein Tabu brach und ihre ganz persönliche Geschichte teilte. Das Problem sei allgegenwärtig. Und trotzdem werde allzu oft darüber geschwiegen. Die 45-Jährige wurde in der DDR geboren. Schon als Kleinkind schlug ihr Vater zu: Es traf Müller – und auch ihre Mutter. Nach der Scheidung der Eltern ging sie mit der Mutter und dem Stiefvater nach Bremen. Doch auch der neue Mann prügelte die Mutter immer wieder.

Ich rede nicht von einer Ohrfeige. Das sind handfeste Prügeleien, Würgen, in Körperteile treten. Das meine ich, wenn ich von häuslicher Gewalt rede.

Henrike Müller, Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft

Bloß nicht auffallen

Henrike Müller sitzt in der Bremischen Bürgerschaft
Henrike Müller sprach in der Bremischen Bürgerschaft deutliche Worte. Bild: Radio Bremen

Müller erinnert sich an die häusliche Gewalt, die sie erlebte: "Es gab dramatische Situationen. Er war ein extrem gewalttätiger Mensch. Ich rede nicht von einer Ohrfeige. Das sind handfeste Prügeleien, Würgen, in Körperteile treten. Das meine ich, wenn ich von häuslicher Gewalt rede."

In der Öffentlichkeit wollte sie nicht, das jemand merkt, das etwas nicht stimmt, sagt sie. Einmal hatten die Nachbarn die Polizei gerufen, die dann vor der Tür stand. Die Reaktion der Mutter war energisch. Sie bekam einen Tobsuchtsanfall und war empört: "Wie können die die Polizei rufen?"

Heute spricht Müller offen über ihre Vergangenheit, hat sich über viele Jahre in Therapien mit der gewaltvollen Vergangenheit befasst. Schutzräume für Opfer seien das eine, aber auch die Täter bräuchten Hilfe, fordert Müller. Nur das sei wirklich Opferschutz, sagte sie in der Bürgerschaft. Kein Täter schlage gerne. Täter hätten Probleme.

Laut Polizei mehr Fälle in der Pandemie

Janina Bauch von der Beratungsstelle "Neue Wege".
Janina Bauch von der Beratungsstelle "Neue Wege" berät Betroffene. Bild: Radio Bremen

In der Pandemie sind in Bremen laut Polizeistatistik 15 Prozent mehr Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt worden. Eine der Stellen, die in Bremen Betroffene von Beziehungsgewalt beraten heißt "Neue Wege". Seit Anfang des Jahres meldet die Polizei der Fachstelle aber auch Menschen, bei denen häusliche Gewalt vermutet wird. Hier werden im besten Fall beide Partner beraten, allerdings einzeln von verschiedenen Beratern. In die Beratung kommen Menschen, die aus der Gewaltspirale herausbrechen wollen. Nicht selten münden die Einzelgespräche in gemeinsamen Runden.

Wenn die Ziele zueinander passen, dann ist das auch sehr erfolgreich.

Janina Bauch, Therapeutin "Neue Wege"

Zu Gewaltpädagoge Burkhard Jutz kommen Männer, die oft einen hohen Leidensdruck in sich tragen. Denn meistens sind es Männer, die zu Tätern werden: In 75 Prozent der Fälle ist das so. Einige suchen Hilfe, denn ihre Gefühlswelt ist so aus den Fugen geraten, dass sie die Kontrolle verlieren und zuschlagen. Männer werden laut Jutz nicht gewalttätig aus Wut heraus. "Männer werden gewalttätig, weil sie hilflos und ohnmächtig sind."

Hilflosigkeit macht einen immensen Druck und ist für uns alle sehr, sehr schwer auszuhalten.

Burkhard Jutz, Pädagoge

"Ich will Frieden schließen können"

Grauhaariger Mann mit Seitenscheitel vor verschwommenem Hintergrund.
Arbeitet mit gewalttätigen Männern, Burkard Jutz. Bild: Importer

Einer der Klienten von Jutz, der auf Anordnung des Gerichts eine Gewaltberatung machen musste, ist bereit, schriftlich Fragen über sich und seine Taten zu beantworten. "Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass mir die Opfer meine Taten eines Tages vergeben können und wir Frieden schließen können," sagt er. Darüber zu sprechen fiel im sehr lange sehr schwer.

Die brauchen erst eine Krise, einen selbstgespürten Leidensdruck, damit sie merken: 'Ich muss jetzt etwas verändern. Es ist nicht das Außen. Es geht nicht weiter.'

Burkhard Jutz, Pädagoge

In der Beratung versucht Therapeut Jutz mit den Klienten herauszuarbeiten, wie sie zu sich und zu anderen stehen. Und er gibt ihnen Wege an die Hand, wie sie in kritischen Situationen reagieren können, um Gewaltausbrüche zu verhindern. "Wir erstellen zum Beispiel einen imaginären Notfallkoffer", beschreibt Jutz. Darin enthalten: ein "time out". Sobald die potenziellen Täter merken, dass sie Gefahr laufen, gewalttätig zu werden, ziehen sie quasi die Reißleine und gehen aus der Situation heraus.

Für Täter ist der Schlüssel, an sich selbst zu arbeiten. Das Vertrauen in sich und die eigene Impulskontrolle aufzubauen.

Müller wünscht sich schnellen Ausbau der Hilfsangebote

Henrike Müller musste mit ihren Erfahrungen selbst Frieden schließen. Denn Hilfe haben weder die Mutter noch der Stiefvater in Anspruch genommen. Heute drängt sie auf den schnellen Ausbau der Hilfsangebote. Sie fordert, dass im neuen Bremer Haushalt mehr Gelder zur Prävention bereitgestellt werden.

In der Stadtgemeinde Bremen sind regulär 103 Plätze und in Bremerhaven 13 Plätze in den Frauenhäusern vorhanden. Im April 2020 wurden in der Stadt Bremen 30 weitere Plätze zur Verfügung gestellt, die auch über das Jahresende hinaus dauerhaft Bestand haben sollen. Die Stärkung der Täterarbeit wurde im Rahmen der Erarbeitung des Landesaktionsplans Istanbul Konvention als "prioritär" bewertet.

Betroffene sollen beim Kampf gegen sexuelle Gewalt helfen

Video vom 18. Juli 2021
 Die Künstlerin und Aktivistin Renate Bühn im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Johanne Bischoff

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. August 2021, 19:30 Uhr