Grundschulen befürchten Platzmangel wegen Corona-Lockerungen

Immer mehr Schüler in Bremen und Bremerhaven kehren bald in ihre Klassen zurück. Schulen, Eltern und Gewerkschaft begrüßen das. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen.

Video vom 28. Mai 2020
Der Unterricht mit Abstandsregelungen in einer Grundschule.
Bild: Radio Bremen

Langsam füllen sich die leeren Klassenzimmer wieder mit Leben, Kinderstimmen hallen wieder durch die Flure der Grundschulen in Bremen und Bremerhaven. Seit zehn Tagen nehmen Viertklässler in Schichten und kleinen Gruppen wieder am Unterricht teil, die restlichen Jahrgänge kommen nach und nach zurück. Zwei Monate lang sind sie den Schulbänken ferngeblieben. Die Gründe: Coronavirus und Ansteckungsgefahr.

Nach den Lockerungen der vergangenen Wochen in der Wirtschaft und dem Alltagsleben nimmt auch der Unterricht langsam wieder Fahrt auf – doch vieles ist jetzt anders. Der Mindestabstand soll in den Räumen so weit wie möglich gewährleistet, Ansammlungen auf dem Hof oder in der Mensa vermieden werden. Auch auf Gruppenarbeiten wird teilweise verzichtet.

Schulen stehen vor neuen Herausforderungen

Das stellt die Schulen vor neue Herausforderungen. So berichtet Barbara Schüll, Landesvorstandssprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremen und selbst Lehrerin an einer Gröpelinger Grundschule, dass die räumliche Situation zum Hindernis werden könnte. "Die Gruppen werden jetzt doppelt so groß, dafür sind oft die Klassen zu klein."

Vor allem für größere Schulen mit vielen Kindern könnte dann problematisch werden, den Mindestabstand einzuhalten. Ähnliche Sorgen drückt Gundel Timm aus. Sie leitet die Grundschule an der Gete in Schwachhausen. "Bei uns klappt das bisher sehr gut: Wir können die Hygienebedingungen einhalten, jede Klasse hat einen Treffpunkt, wir machen nur Frontalunterricht, und so weiter. Die allergrößte Herausforderung sind die Raumkapazitäten bei der Notbetreuung."

Nachfrage nach Notbetreuung gewachsen

Mit den Lockerungen der vergangenen Wochen sei die Nachfrage nach Notbetreuung gestiegen. "Wir sind ganz am Ende mit der Notbetreuung", sagt sie. Die Zahl der Räume sei dem Bedarf in der Pandemie nicht gewachsen. Die Kinder müssten weiterhin in denselben, kleinen Gruppen vom selben Personal betreut werden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Bei wachsenden Kinderzahlen sei es "eine hohe Kunst", sieben Stunden lang den Mindestabstand einzuhalten und gleichzeitig die Kinder zu betreuen, das Essen zu verteilen und die Pausen auf dem Schulhof zu verbringen.

Der Bedarf nach Notbetreuung wächst enorm. Wir kommen jetzt an unsere Grenzen, weil wir keine Raumkapazitäten mehr haben.

Gundel Timm, Leiterin der Grundschule an der Gete

Probleme auch in Bremerhaven

Die Bremer GEW-Landesvorstandssprecherin Elke Suhr findet, dass die Schulen zu schnell geöffnet wurden. Eine aktuelle Umfrage unter Bremerhavener Schulen habe ergeben, dass viele mit der Umsetzung der Vorgaben überfordert sind. “Die Senatorin hat alles in hohem Tempo umgesetzt“, so Suhr, "das war für die Schulleitungen eine unheimlich große Herausforderung.“ Alle paar Tage gebe es neue Richtlinien, das verunsichere auch die Kinder.

Zudem seien nicht alle Vorgaben umsetzbar. So gebe es in einigen Schulen nicht ausreichend Räume, um die Kinder im nötigen Mindestabstand zu unterrichten. Die Umfrage ergab laut Suhr außerdem, dass bei vielen Lehrern große Verunsicherung darüber herrsche, was passiere, wenn es Coronafälle an der Schule gibt. Hier fühlten sich viele zu wenig informiert. “Wenn wir die Schulen langsamer geöffnet hätten, dann hätten wir, wenn sich die Lage wieder verändert, vielleicht nur einen Schritt zurückgehen müssen. So müssen wir dann vielleicht in ein paar Wochen wieder ganz schließen.“

GEW: Kinder und Lehrer brauchen Zeit

Dabei betont die Bremer GEW-Landesvorstandssprecherin, dass vor allem kleinere Kinder Zeit bräuchten, um sich an den neuen Schulalltag zu gewöhnen.

Man sollte nicht vergessen, dass kleine Kinder plötzlich in eine Ausnahmesituation geschubst wurden und man Zeit braucht, um sie in diese neue Situation einzuführen.

Barbara Schüll, Bremer GEW-Landesvorstandssprecherin

Und doch sei wichtig, dass die Schulen den Betrieb langsam wieder aufnähmen – darüber sind sich sowohl die Schulleiterin als auch der Gewerkschaftsvorstand einig. "Den Kindern tut es gut, dass sie wieder hier sind", sagt die Schulleiterin.

Für die Kinder ist das gut. Man merkt, wie glücklich sie sind, dass sie sich mit ihren Mitschülern wieder treffen können.

Gundel Timm, Leiterin der Grundschule an der Gete

Auch für das Lehrpersonal sei es gut, wieder Kontakt zu den Kindern zu haben. Zu schauen, wer wo ein zusätzliches Angebot braucht. Auch Schüll ist der Meinung, dass die Schulen durchaus wieder geöffnet werden sollten. Allerdings solle man dies nicht überstrapazieren. "Es wäre vielleicht sinnvoll, dass man dieselben Gruppen 14 Tage lang beibehält und dann schaut, wie sich die Ansteckung verhält." Und dann eventuell weitere Schritte einleite.

Es gehe dabei nicht nur um das Infektionsrisiko, sondern auch darum, dass sich das Lehrpersonal adäquat vorbereiten könne. Da man in kleineren Gruppen unterrichten müsse, wüchsen auch die Anforderungen und die Belastung.

Wir brauchen ein maßvolles Handeln.

Barbara Schüll, GEW-Landesvorstandssprecherin

Eltern teilweise mit Corona-Maßnahmen unzufrieden

Für viele Eltern wächst mit den Lockerungen der Bedarf an Betreuungsmöglichkeiten. Viele haben sich in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken beschwert, weil nun private Feiern begrenzt zugelassen werden, die Kinder aber weiterhin nur in Schichten in die Schule dürfen.

Wir dürfen uns also mit 20 oder 50 Personen treffen? Mit Hygienekonzept? Aber meine Kinder dürfen immer noch nicht in die Schule oder den Kindergarten? In der Klasse sind sie 18 Kinder und immer die selben Kinder. Wir könnten aber jeden Tag zu einem Treffen gehen mit unterschiedlichen Personen? Die Logik erschließt sich mir nicht. Das ist das erste mal das ich mich über eine Lockerung wirklich ärgere.

Melanie Krämer auf Facebook

Sehr geehrte Frau @claudiabogedan , sehr geehrter Herr @andreasbovenschulte
Es werden private Feiern mit bis zu 50 Personen erlaubt und ich muss meinem weinenden Kind erklären, dass es nicht in den Kindergarten darf, in einer Gruppe von nicht mal 20 Kindern. Und wir sind nicht alleine. Viele Kinder leiden erheblich darunter. Ich kann in keinster Weise mehr verstehen, wieso die Politik sich so positioniert. Wie kann man so etwas von den Kleinsten und Schwächsten in unserer Mitte verlangen und gleichzeitig Erwachsenen immer mehr Freiheiten zugestehen.

Stefan Teschke sitzt auf dem Dreirad.
stefan_teschke auf Instagram

Einigen Eltern geht die Wiedereröffnung nicht schnell genug, für andere dagegen geschieht sie zu schnell: Das weiß auch Martin Stoevesandt vom Bremer Zentralelternbeirat. "Es gibt Eltern, die noch Sorgen haben, und andere, die sofort einen Regelbetrieb haben möchten. Doch momentan habe ich das Gefühl, dass es gerade im Grundschulbereich gut läuft." Es habe fast keine Beschwerde gegeben, sagt er. Auch die Tatsache, dass es bislang keine Infektions-Hotspots bei der Notbetreuung gegeben habe, sei schon ein Erfolg.

Unterricht im Freien ist offenbar schwer umsetzbar

Dass die Schulen sich an die Auflagen der Behörden und die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts halten, sei wichtig – selbst in dem Fall, dass sich die Kinder vielleicht außerhalb der Schule nicht immer an die Corona-Regeln hielten. "Außerhalb der Schule gelten die Regeln, die die Eltern den Kindern mitgeben. Aber in der Schule ist es wichtig, dass man sich an die Empfehlungen hält", sagt Stoevesandt. Ähnlich sieht es Schüll: "Man kann den Sinn der Maßnahmen hinterfragen, aber es ist wichtig, dass es in der Schule daran erinnert wird und sie eingehalten werden."

In anderen Bundesländern war in den vergangenen Tagen der Vorschlag aufgekommen, im Freien zu unterrichten. Doch das sehen sowohl Schulen als auch die Gewerkschaft als problematisch. "Unser Schulhof ist so aufgeteilt, dass wir jeweils zwei, drei Gruppen draußen haben. Ich wüsste nicht wohin mit einer zusätzlichen Klasse", sagt Timm. Ihr echoet Barbara Schüll: "Es hat mit der Gruppengröße zu tun. Außerdem funktioniert nicht jeder Unterricht draußen. Es gibt dort mehr Ablenkungen."

Darum ist der Bremer Virologe Dotzauer für längere Schulschließungen

Video vom 18. Mai 2020
Der Virologe Andreas Dotzauer im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Serena Bilanceri
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Mai 2020, 19:30 Uhr