"Auf dünnem Eis": Bremer Grundschulen und die neuen Corona-Lockerungen

Ab dem 22. Juni sollen die Bremer Grundschüler wieder öfter zur Schule gehen und in Klassengröße unterrichtet werden. Eine Herausforderung für viele Schulen.

Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse stehen vor dem Unterricht mit Abstand auf dem Schulhof.
Die Bremer Grundschüler sollen ab dem 22. Juni wieder in der üblichen Klassenstärke in die Schule zurückkommen. (Symbolbild) Bild: DPA | Arne Dedert

Es ist für viele Schüler ein wichtiger Schritt in den einst gewohnten Alltag: Ab dem 22. Juni sollen Grundschüler in der Stadt Bremen mit all ihren Schulfreunden wieder im Unterricht sitzen. Denn die Klassen sollen dann wieder zu ihrer üblichen Größe anwachsen. So hat es die Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) angekündigt. Zwar wird dies noch keine ganze Rückkehr zur Normalität, die Stunden sollen sich auf vier pro Tag, vier Tage die Woche beschränken, doch die Entscheidung zeigt, dass sich in der Debatte über die Corona-Auflagen in den vergangenen Wochen einiges getan hat.

Nachdem sich viele, wenn nicht die meisten, Virologen und Experten anfangs für die Schulschließungen ausgesprochen hatten, sind in letzter Zeit Stimmen von Kinderärzten lauter geworden, die eine Öffnung fordern. Die Daten hierfür haben mehrere Studien geliefert, nach denen die Kinder in der Verbreitung des Virus womöglich eine eher untergeordnete Rolle spielen könnten. Anders, als anfangs vermutet. Und so kehren auch die Bremer Kinder langsam zurück in ihre Klassen. Doch wie gut vorbereitet sind die Bremer Grundschulen?

An Bremer Schulen fehlen derzeit etwa zehn Prozent der Lehrkräfte

Laut dem Bildungsressort fallen derzeit an den Bremer Schulen insgesamt zehn Prozent der Lehrkräfte coronabedingt aus, weil sie zur Risikogruppe gehören. Das Problem betrifft alle Schulformen. Deshalb seien die Beschlüsse so formuliert, dass sie an die personellen und räumlichen Ressourcen angepasst werden könnten, sagt das Ressort.

Die Pandemie ist nicht vorbei, daraus resultieren limitierende Faktoren.

Annette Kemp, Sprecherin der Bildungssenatorin

Über 80 Grundschulen gab es zu Beginn des Schuljahres 2019/2020 allein in der Hansestadt: 76 öffentliche und 10 private. Die Situation ist in jeder Einrichtung natürlich unterschiedlich. So sagt die Leiterin der Grundschule an der Melanchthonstraße in Walle, Laura Materna, über Lehrer aus der Risikogruppe: "Ich habe viele Kollegen, die diese Karte ziehen könnten." Doch nur die wenigsten kämen momentan nicht in die Schule. "Die anderen sagen: 'Wenn das überschaubar ist, dann mache ich das.' Schwierig wird es, wenn die Klassenstärke wieder anwächst. Das ist dann mit mehr Unbehagen verbunden." Momentan reichten die Kapazitäten aus, damit eine Lehrerin eine feste Gruppe betreut.

Wenn die Gruppen anfangen, sich zu mischen, kann sein, dass mehr Lehrer sagen: 'Ich bin raus.' Das ist ein dünnes Gerüst – und es ist kein Netzwerk da, es gibt kaum Ersatzmöglichkeiten. Wir bewegen uns auf dünnem Eis.

Laura Materna, Grundschulleiterin

Versetzte Anfangszeiten und abgetrennte Bereiche

In ihrer Schule werden 240 Kinder unterrichtet, aufgeteilt in drei Zügen. Momentan beschult man sie bereits in Halbgruppen, jedes Kind für vier Stunden an zwei Tagen. Den Schulhof habe das Schulpersonal in drei Bereichen aufgeteilt, sodass jede Klasse ihre Zone hat. "Wir versuchen, das zu überblicken, damit die Kinder räumlich getrennt bleiben", sagt Materna. Ab dem 22. Juni sollen die Klassen wieder vollzählig unterrichtet werden, jedoch wird jeder Jahrgang zeitlich versetzt ankommen, damit nicht alle gleichzeitig Pause machen müssen.

Der Raum an sich sei für die Waller Schule jedoch kein Problem, denn sie dürften momentan die Zimmer des Hortes nebenan benutzen. Auch die Schule Mahndorf in Hemelingen hatte Glück: "Anders als bei anderen Grundschulen hatten wir das Problem nicht. Wir sind räumlich gut ausgestattet und konnten sogar einen Raum nur von einer einzigen Gruppe pro Tag benutzen lassen", sagt die Leiterin, Stefanie Mleczek. In der Schule werden 183 Kinder unterrichtet. Das Lehrpersonal sei ebenfalls noch ausreichend – obwohl einige durchaus zur Risikogruppe gehörten. "Manche trauen es sich aber zu und kommen trotzdem", sagt Mleczek. Sie bestätigt, dass Vertretungen gerade schwierig zu finden seien – alle Schulen suchten gerade danach.

Schulleitungen zuversichtlich

Die Schulleiterinnen zeigen sich aber insgesamt zuversichtlich. "Es ist alles neu, aber jetzt geht‘s", sagt Materna. "Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich einen Plan habe." Die Notbetreuung sei mit den wachsenden Kinderzahlen eine Herausforderung gewesen, doch ab dem 22. Juni wird sie abgeschafft. Kinder, die eine längere Betreuung brauchen, werden diese dennoch eventuell in Anspruch nehmen dürfen. Man frage gerade deshalb bei den Eltern nach, erklärt die Leiterin.

Und die Eltern freuen sich offenbar über die weiteren Lockerungen, wie die Zentrale Elternvertretung (ZEV) bestätigt. Man hoffe nun auf einen Normalbetrieb nach den Ferien.

Kinder und Eltern freuen sich über die weitere Öffnung. Es gibt auch Ängste, aber wie gesagt, ganz überwiegend ist die Freude und die damit verbundene Hoffnung, dass es auch wirklich gut geht.

Martin Stoevesandt, ZEV Bremen

GEW macht sich Sorgen über die Auswirkungen

Anderer Meinung ist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Wir finden das fatal", sagt die Landesvorstandssprecherin, Barbara Schüll. Für die GEW wäre es besser gewesen, den Sommer abzuwarten und die Entwicklung der Infektionen zu beobachten. Mit wachsenden Schülerzahlen werde schwieriger, die Trennung zwischen den Gruppen einzuhalten, sagt Schüll. Lehrer, die zur Risikogruppen gehörten, könnten sich dann eventuell nicht mehr sicher fühlen und zu Hause bleiben. Dann gebe es Ausfälle. Besonders leistungsschwächere Schüler profitierten zudem von der Beschulung in kleineren Gruppen.

Auch die Leiterin der Grundschule an der Landskronastraße in Burglesum, Andrea Addicks-Friedrich, macht sich Sorgen um die Gesundheit ihres Lehrpersonals. Deshalb habe sie in den Klassen Zonen eingerichtet, die von den Kindern nicht betreten werden dürfen. "Und wir machen wieder Frontalunterricht", fügt sie hinzu. Schutzwände und Masken sollen bald von der Behörde geliefert werden, Visiere seien bereits vorhanden. Auch beim Mittagessen werden die Lehrer nicht mehr neben den Kindern sitzen dürfen. Doch insgesamt fühle sie sich gut vorbereitet. "Die Lehrer gehen ganz verantwortungsvoll damit um. Und wir wollen, dass die Kinder zurückkommen."

Eine bessere Kommunikation vonseiten der Behörde wünscht sich hingegen Stoevesandt. Sie sei "etwas holprig" gewesen. Das Bildungsressort antwortet dazu: "Wir informieren die Träger mit der Maßgabe, dass alles sofort kommuniziert wird. Es ist eine wahnsinnig schnelllebige Zeit für die Schulen und Kitas." Und fügt hinzu: "Man kann sicherlich immer etwas besser machen. Wir versuchen, alles sehr umfangreich und schnell zu berücksichtigen."

Lage entwickelt sich rasant

Auch die Leiterin der Grundschule Mahndorf betont, dass sich gerade alles mit hohem Tempo ändere. Doch jetzt habe man noch etwas Zeit – etwa eine Woche – um die nächste Öffnung am 22. vorzubereiten. "Nächste Woche wird sich erstmal nichts ändern, da wir schon halbe Gruppen unterrichten. Für den 22. werden wir die Klassenzimmer umräumen müssen", sagt Mleczek. Die Tische, die am Anfang der Pandemie entfernt worden waren, um Platz zu schaffen und den Abstand zu ermöglichen, werden wieder in die Klassenräume getragen. Denn der Mindestabstand muss dann unter den Kindern nicht mehr eingehalten werden. Also werden Stühle, Bänke und Schränke wieder an ihren gewohnten Ort geschleppt. Kleine Schritte zurück in die Normalität.

Mitschnitt der Senats-PK zur Öffnung von Kitas und Grundschulen

Video vom 9. Juni 2020
Senatorin Claudia Bogedan
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Juni 2020, 19.30 Uhr