"Seid ihr irre?" Diese 3 neuen Läden sind trotz Corona durchgestartet

In Bremerhaven, Bassum und Delmenhorst haben es drei Gründer gewagt. Dabei ist der Schritt in die Selbstständigkeit kein leichter. Schon gar nicht in Zeiten von Corona.

Video vom 22. November 2020
Bassenerin Birgit Wagschal am backen in einer Küche.
Bild: Radio Bremen

In Zeiten von Corona ein Unternehmen gründen? Das klingt zunächst erst mal nach einem großen Risiko. Was, wenn das neu gegründete Unternehmen bei einem Lockdown gleich wieder schließen muss? Und gibt es überhaupt genügend Kunden während einer Pandemie? Trotzdem bestätigt die Handwerkskammer: Es trauen sich im Pandemie-Jahr 2020 fast genau so viele Menschen, sich selbstständig zu machen, wie im Vorjahr. Und laut Gründerinnenberatungsstelle Bella Donna melden sich seit dem ersten Lockdown sogar noch mehr potenzielle Unternehmerinnen als zuvor. Hier drei Beispiele aus den letzten Monaten.

1 "Tortenwelt" in Bassum

Auf eine Torte mit buten-un-binnen-Logo wird Sahne gesprüht
In ihrem Betrieb backt und verziert die Konditorin individuelle Torten. Bild: Radio Bremen

Die gelernte Konditorin Birgit Wagschal war jahrzehntelang angestellt in einer Bäckerei. Jetzt hat sie sich selbstständig gemacht —mit über 50 Jahren. Wenige Wochen vor dem zweiten Lockdown hat die Oytenerin ihr Unternehmen "Biggis Tortenwelt" gegründet. Kunden können hier ihre ganz individuellen Torten und Backwaren bestellen.

In Corona-Zeiten war es allerdings kein leichter Start: Dadurch, dass viele Feiern wie Hochzeiten und große Kindergeburtstage wegfallen, muss anders kalkuliert werden. "Ich kann meine Rechnungen bezahlen, aber ich möchte natürlich auch gern noch was über haben", erzählt sie. Trotzdem ist die Gründerin froh, den Schritt in die Selbstständigkeit unternommen zu haben und nun das zu tun, was sie möchte. "Ich muss noch 15 Jahre arbeiten, warum soll ich da freitags denken ‚Endlich Wochenende‘?"

Da bin ich doch lieber mit Spaß bei der Sache und vergesse die Zeit.

Eine Frau schaut in die Kamera
Birgit Wagschal

2 Unverpackt-Laden in Delmenhorst

Mit der Eröffnung im Frühjahr kam direkt der erste Lockdown: Der betraf zwar nicht Pia Sattlers Unverpackt-Laden, in dem insbesondere Lebensmittel verkauft werden, wohl aber die angrenzenden Läden der Delmenhorster Einkaufsmeile. Die erhoffte Laufkundschaft fiel plötzlich größtenteils weg. "Ursprünglich hatten wir mal überlegt, die Eröffnung zwei Wochen nach hinten zu verschieben", sagt Inhaberin Pia Sattler, "das hätte uns aber nichts gebracht, wie man jetzt sieht."

Gründerin Pia Sattler im freiRAUM Unverpaktladen
"freiRAUM" eröffnete mit neuem Konzept trotz Pandemie. Bild: freiRAUM Unverpakt

Nudeln und Müsli, Schokolade und Waschmittel, Gewürze, Tee und Kaffee direkt im Laden ohne Plastik-Umverpackung anbieten? Die Idee, ein eigenes Geschäft mit diesem Konzept zu eröffnen, entstand 2014 im Urlaub, als Sattler in Kiel den ersten deutschen Unverpacktladen besuchte. An der Planung wurde dann auch trotz Corona nichts verändert. Nur das angeschlossene Bistro konnte aufgrund der Auflagen erst später starten und musste zum zweiten Lockdown wieder auf eis gelegt werden. Sattler ist pragmatisch: Die Gerichte gibt es erstmal zum Mitnehmen. Und die Planung von Veranstaltungen und Workshops pausiert.

Trotz allem läuft der Laden in Delmenhorst gut an. Die Kundschaft kenne das Geschäft nur unter Coronabedingungen – und kommt trotzdem. Für die Zukunft wünscht sich Sattler allerdings mehr Planungssicherheit. Letztlich sei das ganze Projekt auch ohne Corona recht waghalsig gewesen: "Vielleicht hätte ich jetzt ein bisschen mehr Respekt davor." Das gute Feedback und die Kundschaft seien letztlich das, was die Gründerin durchhalten ließen.

3 Fischrestaurant in Bremerhaven

Gründer Justin Schmick im Dock IV
Nur Tage nach der Eröffnung muss Gründer Justin Schmick die Küche wieder schließen. Bild: Dock IV

Lange hat Justin Schmick darauf hingearbeitet, sein eigenes Restaurant zu eröffnen. Der 27-jährige Bremerhavener kochte in Sternerestaurants in Stuttgart und Hamburg, war Küchenchef auf Mallorca. Zurück in der Heimat machte er sich endlich selbständig. Nach fast einjähriger Planung ging am 12. März das Fischrestaurant "Dock IV" im Schaufenster Fischereihafen an den Start. Und musste wenige Tage später wegen des ersten Lockdowns schon wieder schließen.

In der Not switchte der junge Mann Ende März auf Außerhausverkauf um. Jedes Wochenende gab es nun selbstgebackene Fischbrötchen am Fenster. "Am 18. Mai konnten wir wieder normal öffnen", sagt Schmick. Die Gäste blieben aber erstmal verhalten, weil das Restaurant noch unbekannt war. "Aber als sich unsere Qualität und die moderne Küche herumgesprochen hatte, lief es gut an." Er sei den Umständen entsprechend zufrieden gewesen und sein Reservierungsbuch Mitte Oktober gut gefüllt. Es wird schwierig, aber im Endeffekt sei alles okay. Man müsse sich halt immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um die Kosten zu decken und präsent zu bleiben.

Autoren

  • Johanne Bischoff
  • Rena Lossau
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Johanna Kroke

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. November.2020, 19:30 Uhr