Mit Schwerbehinderung gründen? "Es kommt alles aus meinem Kinn"

Der Ottersberger Jan Steege hat in Bremen Mediengestaltung studiert. Heute hat er eine Werbeagentur. Möglich machen das seine Motivation und die Digitalisierung.

Video vom 11. April 2021
Jan Steege sitzt im Rollstuhl an einem Tisch, vor ihm ein Mikrofon.
Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Seinen Stil beschreibt Jan Steege als "aufgeräumt, klar und schlicht, ohne viel Schnörkel". Diesen Eindruck macht der Mediengestalter auch selbst: Was er sagt, sagt er direkt, sachlich, überlegt. Und was auf den ersten Blick gar nicht selbstverständlich erscheint, dass er mit einer Schwerstbehinderung eine Werbeagentur gründet, macht nach wenigen Minuten im persönlichen Gespräch total Sinn. Der 35-Jährige räumt ein, dass dies nur möglich ist durch den technologischen Fortschritt: "Ohne die Digitalisierung würde ich einfach nur rumsitzen", sagt er. "Und durch die Digitalisierung kann ich meinen Rollstuhl mit dem Kinn bedienen und so als Mediengestalter trotz meiner starken Behinderung arbeiten."

Letztlich, die grafische Umsetzung, kommt alles aus meiner Hand, beziehungsweise aus meinem Kinn.

Jan Steege, Mediengestalter

Die Agentur betreibt der Ottersberger (Landkreis Verden) in seinem Wohnhaus. Der Arbeitsplatz ist im Wintergarten. Heute ist es hell und sonnig, die Vögel zwitschern. "Ja, das hat nicht jeder: Büro mit Blick auf Naturgarten. Da kann man nicht meckern." Jan Steege hat eine chronische Erkrankung, Muskeldystrophie. "Mir fehlt der Stoff, der die Muskeln wieder aufbaut oder regeneriert", erklärt er. Bis er zehn Jahre alt war, konnte Steege laufen, hat Fahrradfahren gelernt, hat "alles mitgenommen, was geht". Und so hält er es wohl bis heute.

Vielseitiges Portfolio

Bewegen kann sich der 35-Jährige zwar nur wenig, aber mit dem Kinn steuert er seinen Hightech-Rollstuhl über einen Joystick. Und während er über seine Arbeit erzählt, beugt sich sein Körper beiläufig mit dem Stuhl manchmal nach hinten, etwas höher, etwas tiefer, immer nur wenige Zentimeter, und jede Bewegung ist begleitet von einem weichen elektronischen Surren. Warum er das macht? Weil es jeder macht: "Ich glaube, wenn man sich selber bewegen kann, da merkt man das gar nicht. Aber man ändert, auch wenn es nur ein Millimeter ist, seine Position. Und das mache ich weitestgehend mit den Funktionen, die mir am Rollstuhl zur Verfügung stehen."

Diese Kinnsteuerung ist sehr empfindlich. Es ist gerade mal ein Millimeter, den man das Kinn hin und her bewegen muss. Das ist super leichtgängig.

Jan Steege, Mediengestalter

Diesen Rollstuhl kann Steege auch mit seinem Computer verbinden. Über den Joystick, einen kleinen Hebel, bewegt er mit dem Kinn dann den Mauszeiger auf dem Bildschirm. Und mit der Kraft seiner Finger kann er über einen Taster in der Hand einen Mausklick auslösen.

Seit drei Jahren macht er nun in seiner eigenen Agentur alles, was eine klassische Werbeagentur macht, wie er sagt. Angefangen von der Visitenkarte, über ein Logo oder eine Webseite bis zum kompletten Erscheinungsbild für ein Unternehmen. "Da sind wir vielseitig aufgestellt und haben auch vielseitige Kunden", sagt Steege. Mit "wir" meint er sich und seinen Partner Kya Vakilzadeh. Die Zusammenarbeit in der Agentur habe sich so ergeben, erklärt Steege. Kya ist eigentlich einer seiner Assistenten. "Alles, wofür Jan Hände bräuchte, mache ich", beschreibt der 31-Jährige seinen Job. Vollzeit 40 Stunden in der Woche ist der Bremer vor Ort. Da habe es sich angeboten, wenn die andere Arbeit erledigt ist, auch in der Agentur zu helfen. "Ich mache Kundenkontakt, Organisatorisches, schreibe kurze Texte – alles Kreative kommt aber von Jan, da bin ich eher limitiert", sagt er und lacht.

Erleichterung und Sicherheit

Seit sechs Jahren erst hat Jan Steege seinen hochtechnologischen Rollstuhl. Abitur machte er noch mit Stift und Papier. Das "mit der Hand schreiben" ließ im Studium – Medieninformatik mit Schwerpunkt Mediengestaltung in Bremen – nach. Deshalb nutzt er immer mehr die digitalen Möglichkeiten. "Der Rollstuhl, den ich jetzt habe, hat mir viel wieder zurückgegeben. So, dass meine Kraft körperlich zwar weniger geworden ist, ich aber mehr machen kann als noch 2015 oder in der Abi-Zeit." Dasselbe sagt er heute über sein Beatmungsgerät, das in kurzen regelmäßigen Abständen leicht zischt und ein bisschen an den Star-Wars-Bösewicht Darth Vader erinnert – rein akustisch natürlich. "Das war ein bisschen dramatischer", erzählt Jan Steege. "Meine Lunge hat es irgendwann nicht mehr alleine geschafft. Und ich habe nicht unbedingt so richtig auf meine Ärzte gehört. Ich musste tatsächlich wiederbelebt werden. Und seitdem habe ich rund um die Uhr eine Atemmaske auf."

Das ist ein sehr beruhigendes regelmäßiges Zischen, das ist die Ausatmung. Nach so vielen Jahren kann man sich schon daran gewöhnen und wundert sich, wenn man auf einem Konzert ist, es laut ist, und das nicht mehr hört. Ja, doch, mir gibt das auch Sicherheit.

Jan Steege, Mediengestalter

Anfangs habe er gedacht, dies sei das Ende seiner Mobilität. "Aber die Akku-Laufzeit betrug da schon bis zu 14 Stunden. Da habe ich schnell gemerkt, dass es keine Einschränkung ist, sondern eine Erleichterung." An eines musste er sich dennoch gewöhnen: "Dass man halt sehr oft angestarrt wird." Das passiert überall, auch, wenn er seine Leidenschaft lebt: Jan Steege zieht es raus, auf Konzerte und Festivals. "120 Konzerte habe ich schon gesehen in meinem Leben. Das hat wegen Corona in letzter Zeit ein bisschen gefehlt", sagt er. Musikalisch gehe es "in die Indie-Richtung, festivalmäßig bin ich normalerweise auf dem Hurricane unterwegs". Viele Leute wüssten da nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. "Wie oft werden meine Assistenten bei einem Konzert gefragt: 'Kriegt der überhaupt was mit?' Dann sagen sie nur: 'Frag' ihn doch selbst!'."

Digitale Freiheit – und dennoch auch digitale Barrieren

Damit müsse man lernen umzugehen, meint Jan Steege. Andere Dinge regen ihn aber auf – immer wieder: So sehr ihm das Digitale auf der einen Seite Freiheiten ermögliche, so viele digitale Barrieren gebe es andererseits. Und er nennt ein Beispiel: "In 99,9 Prozent der Fälle kann man Rollstuhltickets nicht online buchen." Immer müsse er bei der Tickethotline anrufen, die ihn an die Veranstalter verweise. "Immer muss man Sonderwege gehen und manchmal drei bis vier Nummern anrufen, bis man jemanden dran hat, der einem helfen kann."

Für mich ist ein extra Portal für Menschen mit Behinderung keine Inklusion. Es sollte die Möglichkeit geben, im richtigen Portal Rollstuhl- und Begleiter-Tickets zu buchen und nicht nur telefonisch.

Jan Steege, Mediengestalter

Er habe sogar schon überlegt, selbst eine barrierefreie Ticket-Plattform zu bauen. "Da habe ich mir aber gedacht, das ist nicht Inklusion, so wie ich Inklusion sehe. Für mich ist ein extra Portal für Menschen mit Behinderung keine Inklusion. Es sollte die Möglichkeit geben, im richtigen Portal Rollstuhl- und Begleiter-Tickets zu buchen und nicht nur telefonisch. Ich finde es nicht gut, dass da ein Parallelsystem entsteht, das hat mit Inklusion auch nix mehr zu tun."

Jan Steege sieht sich selbst auch gar nicht als behindert an, sondern als jemand, der im Rollstuhl sitzt und zufällig eine Atemmaske hat. "Das liegt auch an meiner Familie, auch an meinen beiden Brüdern. Die sehen mich so wie ich bin und nicht im Rollstuhl."

Assistenz und Freundschaft

Wer weiß, vielleicht lebt die Idee der Ticket-Plattform ja irgendwann doch noch mal auf. "Wenn nach Corona wieder Konzertbesuche möglich sind", sagt Jan Steege, der die Nachteile durch die Pandemie auf die gleiche Weise anzugehen versucht, wie seine Erkrankung: "Man darf nicht darauf gucken, was man nicht mehr kann, sondern darauf, was man kann." Im Großen und Ganzen sei er "ok damit", aber auch zwiegespalten: "Beruflich läuft es super, wir haben irre viel zu tun. Wir kriegen einen Auftrag nach dem nächsten rein." Andererseits sei es privat schon schwierig, "weil die meisten Freunde sich nicht her trauen, weil sie Angst haben, mich anzustecken."

Manchmal gibt es Tage, wo man gar keine Idee hat, aber wenn man einfach anfängt und macht, dann kommen manchmal am Ende die besten Ideen heraus, wo man am Anfang gar nicht mit gerechnet hat.

Jan Steege, Mediengestalter

Gerade erst wurde Steege vom Hausarzt das erste Mal geimpft – "ein gutes Gefühl". Jetzt hofft er auf zunehmende Normalität, wenn immer mehr Menschen eine Impfung bekommen haben. Bis dahin will er die Natur in und um Ottersberg herum genießen und mit seinem Assistenten und Partner die Agentur vorantreiben. Die beiden funktionieren als Team – und mehr: "Es hat sich eine Freundschaft entwickelt", sagt Kya Vakilzadeh, und Jan Steege bestätigt: "Das ist so. Wenn man so eng zusammenarbeitet, entsteht schon eine Bindung. Natürlich hat man nicht zu allen Assistenzen eine so enge Freundschaft, wie zu Kya. Aber wenn man so eng zusammenarbeitet, muss es halt passen." So wie der aufgeräumte, klare Design-Stil zu Jan Steege. Und das "gerne auch mit Farben, ja".

Rückblick: Jan Steege 2016 als Angestellter in einer Agentur

Video vom 11. April 2021
Jan Steege sitzt im Rollstuhl an einem Tisch mit Blickrichtung Garten.
Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. April 2021, 23:30 Uhr