Bremer Ärzte und Pflegekräfte fordern Schutz vor brutalen Patienten

Video vom 14. Oktober 2021
Eine Krankenschwester hält sich erschöpft die Hand an den Kopf
Bild: DPA | Bildagentur-online/Tetra
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Bremer Pflegekräfte klagen über üble Beschimpfungen und Gewalt durch Patienten. Die Lage spitze sich seit Jahren zu. Schuld seien eine Verrohung der Sitten und Personalmangel.

"Du Schlampe", "Dich mach’ ich platt, wenn ich wieder raus bin": Beschimpfungen und Drohungen wie diese muss sich Katrin C. (Name von der Redaktion geändert) regelmäßig bei der Arbeit anhören. An besonders schlechten Tagen wird sie auch noch als "Puppe" angesprochen oder gar begrapscht. "Sowas gehört bei uns zum Programm", sagt die Krankenschwester, die in einer Bremer Psychiatrie tätig ist. Seit zehn Jahren übt sie ihren Beruf inzwischen aus. Fälle verbaler, psychischer und mitunter auch physischer Gewalt beobachte und erfahre sie seither immer öfter durch Patienten.

"Bei uns in der Psychiatrie heißt es dann noch ganz oft: Das gehört zum Krankheitsbild des Patienten dazu", sagt Katrin und erklärt damit zugleich, weshalb die Arbeit als Schwester in einer Psychiatrie mitunter besonders undankbar ist. Gleichwohl ist ihr aufgefallen, dass sich auch in anderen Kliniken und Pflegeeinrichtungen das soziale Klima verschärft hat.

Entsprechend war Katrin nicht überrascht, als sie kürzlich von alarmierenden Ergebnissen einer privaten Befragung auf Twitter unter über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Kliniken hörte. 81 Prozent der Befragten geben an, sie hätten körperliche Gewalt bei der Arbeit erlebt. Anlass für die Befragung waren Schilderungen zu Gewalterfahrungen von Pflegekräften gewesen, die unter dem Hashtag #respectnurses veröffentlicht worden waren. Das ARD-Politmagazin "Report Mainz" und "Zeit online" hatten darüber berichtet. Die Ergebnisse aus der Befragung sind zwar nicht repräsentativ, ähneln aber jenen aus anderen Untersuchungen, etwa denen aus einer im August dieses Jahres veröffentlichten Umfrage der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW) unter Beschäftigten der Gesundheitsbranche.

"Ich weiß, wo Du wohnst"

Bernd A. (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Arzt in einer Bremer Notaufnahme. Das gesamte medizinische Personal habe unter einer massiven Verrohung der Sitten zu leiden, berichtet er. "Wenn Du mir jetzt nicht hilfst, hau’ ich Dir ein paar aufs Maul" sei ein Satz, der fast schon zu den Klassikern in der Notaufnahme zähle. Auch die Drohung "Ich weiß, wo Du wohnst", hörten die Beschäftigten dort immer wieder von Patienten.

Wie Krankenschwester Katrin C., so beobachtet auch Bernd A. eine deutliche Zunahme an Fällen verbaler und auch körperlicher Gewalt mit Tritten und Schlägen durch Patienten in den vergangenen Jahren. Am häufigsten seien Pflegekräfte, insbesondere Frauen, von Übergriffen und vulgären Beschimpfungen betroffen, gerade nachts, wenn die Personaldecke in der Klinik besonders dünn sei.

Das schwächste Glied in der Kette ist immer die Krankenschwester.

Bernd A., Arzt in einer Notaufnahme

Patienten mit "Vollkasko-Mentalität"

Eine abwehrende Hand im Vordergrund, im Hintergrund unscharf eine Person in weißer Kleidung
Gerade in den Notaufnahmen muss das Personal Patienten im häufiger Einhalt gebieten. Bild: DPA | Ina Fassbender

In Deutschland sei eine tiefe Missachtung des Gegenübers inzwischen sehr verbreitet. Diese Missachtung anderer Menschen gehe einher mit einem absurden Anspruchsdenken, sagt Bernd A. und erklärt: "Manche Leute kommen mit einer Vollkasko-Mentalität in die Notaufnahme. Sie wollen auch bei kleineren Beschwerden sofort bedient werden, egal was bei uns los ist, und obwohl jeder weiß, dass Notaufnahmen überlaufen sind."

Kürzlich habe sich beispielsweise ein junger Mann mit leichten Kopfschmerzen im Rettungswagen in die Notaufnahme bringen ließen, weil er offenbar vorgehabt habe, auf diese Weise Wartezeiten beim Hausarzt zu umgehen. Fälle wie dieser häuften sich, sagt Bernd. Immer öfter kämen Patienten in die Notaufnahme, die dort gar nichts zu suchen hätten. "Wir haben manchmal sogar Patienten, die hierher kommen und fragen: Wieso steht hier eigentlich nichts zu essen und zu trinken?", berichtet der Arzt.

Die Politik trägt aus seiner Sicht zumindest eine Mitschuld an der irritierenden Erwartungshaltung vieler Patientinnen und Patienten: "Die Politik redet den Leuten ein, dass sie die Behandlung bekämen, die sie haben wollten. So ist es aber nicht. Es geht immer auch um Kosten", stellt er klar.

"Gestresste Pflegekräfte treffen auf gestresste Pflegebedürftige"

Einig sind sich Krankenschwester Katrin C. und Arzt Bernd A. darin, dass der Mangel an Personal, insbesondere in der Pflege, die ohnehin angespannte Situation im Gesundheitswesen erheblich verschärft. Das sagt auch Reinhard Leopold, Regionalbeauftragter des BIVA-Pflegeschutzbunds in Bremen und zugleich Leiter der eigens gegründeten Selbsthilfe-Initiative "Heim-Mitwirkung", die sich auch mit Gewalt durch Pflegekräfte an zu Pflegenden befasst. "Zu wenig Personal im Pflegebereich hat als Folge zu wenig Zeit für bedarfsgerechte Pflege", stellt Leopold fest. Das frustriere nicht nur die Patienten, sondern auch die Pflegekräfte.

Um Abhilfe zu schaffen, sei mehr qualifiziertes und sozialkompetentes Personal mit guten deutschen Sprachkenntnissen zwingend erforderlich: "Dazu braucht es gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen", so Leopold: "Pflege muss an den Bedarfen und Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet sein und nicht an Gewinn- und Renditemaximierung." Es liege an der Politik, für die passenden Rahmenbedingungen und Gesetze zu sorgen.

Carola Bury, Referentin für Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, stimmt Leopold zu. Auch sie hält das deutsche Gesundheitssystem für unterfinanziert. "Überlastete, gestresste Pflegekräfte treffen in der häuslichen und in der stationären Pflege auf oft genauso gestresste Pflegebedürftige", fasst sie das Problem zusammen. Daher fordere die Arbeitnehmerkammer wie auch die Gewerkschaft Verdi eine bessere finanzielle Ausstattung der Pflege in Deutschland. Die Betriebe müssten zudem noch mehr Hilfen zur Stressbewältigung anbieten und mehr für den Schutz ihrer Beschäftigten tun, so Bury.

Selbstverteidigungskurse für Krankenschwestern

Tatsächlich sind etwa Bremens Krankenhäuser dabei. "Inzwischen bieten alle Standorte etwas an", sagt Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft der Freien Hansestadt Bremen: "Das geht los mit mehr Sicherheitspersonal, natürlich auch durch Corona, und reicht bis zu Deeskalationstraining und Selbstverteidigungskursen."

Zimmer legt allerdings auch Wert auf die Feststellung, dass sich nicht allein die Kliniken und die Pflegeeinrichtungen verstärkt mit dem Thema Gewalt befassen müssten. Die ganze Gesellschaft sei betroffen: "Auch Regionalolitiker, Polizisten und sogar Feuerwehrleute werden vermehrt angegangen", sagt er.

Das sehen Arzt Bernd A. und Krankenschwester Katrin C. nicht anders. Trotzdem finden Sie, dass die Krankenhäuser Bremens viel mehr für den Schutz ihrer Beschäftigten tun müssten. "Das ist ein Thema, das brennt", sagt Bernd. Und Katrin stellt klar: "So, wie es zurzeit läuft, ist unser Beruf nicht gerade attraktiv." Es wundere sie daher nicht, dass kaum noch jemand Krankenschwester werden wolle, zumal in der Psychiatrie.

Projekt gegen Gewalt: Wie können Pflegekräfte geschützt werden?

Video vom 14. Oktober 2021
Talkgast Heike Bülken im Studiotalk bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Oktober, 19.30 Uhr