Eine Bremerin erzählt: "Mit einem Tritt fing die Gewalt an"

Der Anfang war schön: Viele Reisen, viel gemeinsames Erleben. Das erste halbe Jahr fühlte sich Mayleen Schüssler in ihrer Beziehung wohl. Danach begann eine Tortur.

Silhouetten eines Mannes mit erhobener Faust und einer zurückweichenden Frau.
Als die Gewalt begann, und auch später noch, suchte Mayleen Schüssler die Schuld bei sich. (Symbolbild) Bild: Imago | agefotostock

Er war ihr erster Freund. Mayleen Schüssler ist 22 Jahre alt, als sie sich kennenlernen. Er, ein paar Jahre älter, sieht gut aus, ist erfolgreich, behandelt sie wie eine Königin, wie Mayleen Schüssler erzählt. Es fühlt sich gut an.

Er kritisiert sie ständig. Das schon. Nie kann sie ihm etwas recht machen. Falsche Kleidung, falsches Make-Up, falsches Verhalten. Sie glaubt es ihm. Versucht, sich zu ändern. Schließlich liebt sie ihn.

Dann ist da dieser Abend. Sie sitzen auf dem Sofa, zu Hause bei ihm. Wieder einmal Kritik. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, tritt er nach ihr. So erzählt sie es. Sie fragt, was das soll. Es sei nicht so gemeint gewesen – entschuldigt er sich.

Entschuldigungen, die habe es am Anfang noch gegeben. Doch je öfter er sie tritt, schlägt und an den Haaren durch die Wohnung zerrt, desto seltener die Entschuldigungen.

"Man lässt das so mit sich machen"

Einmal, sie steht vor seiner Haustür – vorher gab es Streit am Telefon – da geht die Tür auf und seine Faust schlägt ihr ins Gesicht. Da hat er sich nicht mehr entschuldigt, wie Mayleen Schüssler erzählt.

Sie wird immer abhängiger von ihm. Ist der festen Überzeugung: Was er sagt, das ist richtig. Es ist ein Teufelskreis: Er schlägt sie, entschuldigt sich, für eine Zeit ist wieder alles gut. Dann beginnt es wieder von vorn. In einer der guten Zeiten zieht sie zu ihm. "Total bescheuert." Das kann sie heute sagen. Die Gewalt setzt ihr zu. Sie arbeitet im Verkauf. Kann irgendwann nicht mehr arbeiten. Die Blutergüsse im Gesicht und Hämatome an den Armen sind nicht mehr zu verstecken. Sie wird arbeitslos. Das Geld vom Amt überweist sie ihm. "Muss so sein" – sagt er. Schließlich wohne sie bei ihm, zahle keine Miete.

Immer noch ist sie überzeugt: "Irgendetwas muss mit mir nicht in Ordnung sein, dass ich ihn immer so provoziere." Eines morgen saßen beide am Frühstückstisch. "Er schüttete sich Müsli in die Schüssel. Und Milch dazu. Und die Milch schwappte über. Und er klatschte die ganze Schüssel an die Wand und sagte: "Das ist deine Schuld. Du regst mich so auf. Mach das sauber!"

Damals dachte ich: Okay, ich habe jetzt irgendwas falsch gemacht. Das ist meine Schuld. Irgendwie muss ja was an mir sein, was nicht in Ordnung ist, was nicht passt, was ihn dazu bringt, sich so über mich aufzuregen.

Mayleen Schüssler

Mehrere Male fasst sie den Beschluss: "Ich trenne mich." Doch als sie es ihm sagt und er sich entschuldigt, da kann sie nicht anders. Da bleibt sie dann doch. "Weil man immer noch Gefühle für denjenigen hat. Weil man sich ja teilweise, so bescheuert das auch klingt, geliebt fühlt. Man ist nicht alleine. Man weiß, der andere ist da. Es ist ein ganz großer Teil Gewohnheit auch. Man geht nicht, weil man weiß, da ist jemand und der liebt einen ja eigentlich. Und der macht das zwar. Aber es gibt ja auch tolle Sachen. Man hat ja auch tolle Momente. So bescheuert das klingt. Und man hat dann versucht, sich so lange wie möglich an einem Strohhalm festzuhalten."

Totale Isolation

Eine junge Frau steht an einem Fleet.
Heute geht es Mayleen Schüssler gut, aber noch immer ist sie in manchen Situationen misstrauisch. Bild: privat

Immer mehr Leute wenden sich von ihr ab. Manche wussten, wie es ihr ging. Die hätten dann aber gesagt: "Okay, du kommst von dem nicht los. Ich habe darauf keine Lust mehr. Ich sage dir jedes Mal das gleiche. Du hörst nicht." Andererseits habe sie versucht, Kontakte aufrechtzuerhalten. Aber das sei sehr schwierig gewesen, denn er hat vielen – auch ihrer Familie – hinter ihrem Rücken geschrieben, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihnen haben will.

Und so wird sie immer einsamer. Hat keine Arbeit mehr. Kaum Freunde. An manchen Tagen kann sie nicht einmal vor die Tür, weil er sie einsperrt.

Wenn ich jetzt daran denke, würde ich mich fragen: Sag mal hallo? Ich würde mich gern schütteln. Mein damaliges Ich. Und sagen: Hallo! Wach mal auf! Das kann doch nicht sein! Das ist nicht richtig so.

Mayleen Schüssler

"Du weißt das doch. Das ist nicht in Ordnung. Das darf man nicht. Egal. Und wenn du Fehler machst. Oder irgendwas falsch ist. Der darf dich nicht so behandeln. Der hat dich nicht zu schlagen. Der hat dich nicht körperlich so anzugehen. Dich nicht psychisch irgendwie fertig zu machen. So geht man nicht miteinander um, wenn man sich liebt."

Wachgerüttelt vom alten Ich

Irgendwann findet sie alte Bilder von sich. Und sieht eine glückliche, junge, selbstbewusste Frau. "Ich habe das angeguckt und mit dem Leben, das ich damals geführt habe, verglichen. Und habe dann gesehen, dass ich einfach total fertig aussehe. Dann habe ich mir auch die Verletzungen richtig angeguckt. So richtig bewusst ist mir das dann geworden, als ich mir das vor Augen geführt habe."

Sie versucht, an sich selbst zu appellieren, sich wieder klar machen, dass sie doch eigentlich ganz viele Ziele hatte. Dass sie jetzt aber auf der Stelle tritt.

Sie beginnt, im Internet nach Anlaufstellen zu suchen. Findet eine Beratungsstelle. Dort, erzählt sie, habe sie sich verstanden gefühlt. Und bestärkt. Bis sie den Schritt gehen kann, sich zu trennen, dauert es aber noch.

Man hat mir immer gesagt: Sie brauchen Ihre Zeit. Und jeder braucht die Zeit, die er braucht. Und das ist so in Ordnung.

Mayleen Schüssler

"Ich glaube, ich hatte einen Schutzengel"

Eine Nacht war besonders schlimm. Er geht auf sie los, würgt sie mit beiden Händen. "Er hat wirklich fest zugedrückt. Sodass mir schwarz vor Augen wurde. Hat mich an die Wand gedrückt und hat mir nur noch gesagt: Du Schlampe, hast es nicht verdient zu leben. Da habe ich so Angst bekommen. Und habe gemerkt: Ich habe wirklich Todesangst. Wenn ich jetzt nicht reagiere, dann war’s das vielleicht."

Sonst ist die Wohnungstür immer abgeschlossen. In dieser Nacht nicht. Sie schafft es, aus der Wohnung zu rennen, raus auf die Straße. Er folgt ihr. Ein Fahrradfahrer fährt an ihr vorbei, versteht anscheinend die Situation: "Spring auf." Und bringt sie in seine Wohnung, wo sie die Polizei rufen. Nach der Vernehmung geht sie zu einer Freundin. Ihre Sachen sind noch in der Wohnung. Die holt sie in Begleitung der Polizei ein paar Tage später.

Fast vier Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile gehe es ihr gut, sagt Mayleen Schüssler. Sie hat ihr Abi nachgeholt, arbeitet wieder, hat sich neue Freunde gesucht und ist in einer neuen Beziehung. Doch das Misstrauen ist geblieben.

Ich hinterfrage alles und jeden.

Mayleen Schüssler

Vertrauen sei eine schwierige Sache für sie. Sobald irgendetwas komisch ist, sie das Gefühl hat, dass sie hintergangen wird, dann sei sie total sensibel und enttäuscht. Panikattacken und Schlafstörungen hat sie manchmal auch heute noch.

Was ihr damals gefehlt habe, sagt sie, seien leicht zu findende Informationen gewesen. Sie habe erst nicht gewusst, wo sie sich Hilfe holen kann. Wichtig war für sie, dass sie nicht verurteilt wird für ihr Verhalten. So wie es ihre Freunde gemacht haben.

Die Menschen nicht alleine lassen. Auch wenn ihr Verhalten nicht nachvollziehbar ist. Das rät sie allen, die mitbekommen, dass sich Freunde oder Familienangehörige in einer gewaltvollen Beziehung befinden. Ansprechen und nachfragen sei wichtig. Denn wer schweigt, helfe den Opfern nicht.

Zu Besuch im Bremer Frauenhaus: Betrieb läuft trotz Corona weiter

Video vom 24. November 2020
Dagmar Köller beim Interview im Bremer Frauenhaus.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. November 2020, 19:30 Uhr