Interview

Gewalt in der Corona-Krise: "Die Frauenhäuser in Bremen laufen über"

Die Aktion "One Billion Rising" ruft zum Protest gegen Gewalt an Frauen auf. Auch in Bremen sei die Lage angespannt, sagt die Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm.

Frau wehrt sich
Gewalt gegen Frauen endlich beenden: Das ist die Forderung der Kampagne "One Billion Rising". Bild: Imago | MIS
Frau Wilhelm, weltweit demonstrieren heute Menschen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, auch hier in Bremen. Wie wichtig ist so ein Aktionstag wie "One Billione Rising"?
Die Aktion ist sehr wichtig, weil sie Betroffenen das Gefühl gibt, dass sie nicht alleine nicht. Außerdem zeigen wir damit, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein abolutes No-Go ist und wir das in der Gesellschaft nicht tolerieren. "One Billion Rising" hat ja mittlerweile schon eine lange Tradition und findet seit 2012 jährlich am Valentinstag statt. Das ist ja eigentlich der Tag der Liebe – die Aktion macht darauf aufmerksam, dass Liebe auch ihre Schattenseiten haben kann.
Hat die Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch die Corona-Krise zugenommen?
Gewalt hängt ja oft mit der sozialen Situation zusammen und was wir natürlich feststellen, ist, dass Familien gerade viel mehr als sonst aufeinandersitzen und das auch zu Stress führt. Situationen können dann leichter eskalieren. Nach dem ersten Lockdown gab es einen Anstieg der Zahlen von häuslicher Gewalt. Hier in Bremen laufen die Frauenhäuser über. Mittlerweile wurden 30 neue Übergangsplätze geschaffen. Die braucht es ja schon alleine, weil wegen der Abstandsregeln weniger Frauen zusammen untergebracht werden können. Der Bedarf hier in Bremen ist da – und es gibt momentan mehr Bedarf als Plätze in den Frauenhäusern. Und auch in den Beratungsstellen sind die Anfragen gestiegen.
Gehen Sie von einer hohen Dunkelziffer bei Gewalttaten gegen Frauen aus?
Ja, sogar von einer sehr hohen. Und die Dunkelziffer wird durch die Corona-Krise noch höher werden. Wenn die Situation zu Hause in der Familie wegen der Pandemie sowieso schon angespannt ist, denken Frauen, die von Gewalt betroffen sind, wahrscheinlich eher, dass sie sich jetzt zusammenreißen müssen und holen sich keine Hilfe. Hinzu kommt: Viele Treffpunkte, wo es Hilfe geben könnte, sind gerade geschlossen. Und: Durch die Kontaktbeschränkungen hat man weniger Kontakt zu anderen Menschen, mit denen man sich austauschen könnte. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, noch einmal deutlich zu machen, dass Gewalt gegen Frauen in allen Schichten vorkommt, auch in der Ober- und Mittelschicht. Meist wird sie dort nur besser kaschiert.

"One Billion Rising": So wurde in Bremen vor zwei Jahren demonstriert

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Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit es weniger Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt?
Ein Problem sind die fehlenden Präventionsangebote: Wir haben in Bremen und Bremerhaven kein Beratungsangebot für Täter, die sagen, dass sie keine Gewalt mehr ausüben wollen und diese Spirale endlich durchbrechen möchten. Beratungen gibt es nur, wenn die Täter schon straffällig geworden sind – und das wollen wir ja vermeiden – oder wenn sie Geld in die Hand nehmen, um sich die Beratung selbst zu finanzieren. Außerdem brauchen wir in den Frauenhäusern ein spezielles Angebot für Frauen zwischen 18 und 25 Jahren. Diese jungen Frauen haben ja meist noch nie alleine gelebt und sind ihrer Persönlichkeit noch nicht so gefestigt. Für sie brauchen wir eine besondere sozialpädagogische Betreuung
Beobachten Sie, dass sich die Situation für Frauen insgesamt durch die Corona-Krise verschlechtert hat?
Durch Homeschooling und Kitaschließung hat die Care-Arbeit zugenommen. Die Frage ist da: Auf wen in der Partnerschaft verteilt sie dieses Mehr an Sorgearbeit? Generell ist es ja so, dass Care-Arbeit in der Gesellschaft immer noch nicht wertgeschätzt wird. Schon vor der Corona-Krise haben Frauen im Durchschnitt 87 Minuten mehr unbezahlte Care-Arbeit geleistet als der Mann.
Bekommen Frauen die Auswirkungen der Krise auch auf dem Arbeitsmarkt besonders zu spüren?
Auch das stellen wir gerade fest. Viele Frauen arbeiten in Mini-Jobs und haben daher keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Ein weiteres Problem ist das Ehegatten-Splitting: Dadurch geraten Frauen oft in die Rolle der Zuverdienerin und bekommen dann auch weniger Kurzarbeitergeld, denn das berechnet sich nach dem Netto-Einkommen. In der Corona-Krise zeigen sich die Webfehler, die es schon von Anfang an im System gibt, also noch einmal besonders krass.

Bremer Petition soll Gewalt gegen Frauen stoppen

Video vom 24. Januar 2021
Ein Bildschirm, auf dem eine Petition zu sehen ist. Die Petition hat 117.340 Unterschriften.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Februar 2021, 19:30 Uhr