Interview

Bremer Pharmakologe: Genesene und Geimpfte sind kaum vergleichbar

Geimpfte und Genesene genießen bald die gleichen Lockerungen wie negativ getestete Menschen. Doch ist das sinnvoll? Der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer ist skeptisch.

Eine Frau bereitet eine Impfspritze für eine Impfung vor.
Geimpfte und Genesene sollen bald dieselben Freiheiten bekommen. (Symbolbild) Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich
Herr Mühlbauer, Sie finden es problematisch, Geimpfte, Genesene und Getestete gleichzusetzen, warum?
Weil wir es hier mit ganz unterschiedlichen Kategorien des Nachweises einer Immunität zu tun haben. Die schwächste ist der Test.
Können Sie das erklären?
Wir reden in der Regel von einem Schnelltest, also nicht von einem PCR-, sondern von einem Antigentest. Er ist nur eine Momentaufnahme mit einer begrenzten Aussagekraft für ein paar Stunden. Letztlich weiß ich nur: In dem Moment des Tests sind bei der getesteten Person so wenig Viren vorhanden gewesen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit niemanden ansteckt – vorausgesetzt, dass es sich um einen geprüften Test handelt, der von einem seriösen Anbieter stammt und professionell durchgeführt worden ist, beispielsweise in einem Testzentrum. Ich rede ausdrücklich nicht von einem Test, der zu Schleuderpreisen beim Discounter verfügbar ist. Da kann man gar nicht von diagnostischer Sicherheit sprechen. Man müsste ganz genau definieren, welcher Test wofür ausreichen soll.
Und was ist mit Genesenen? Wieso sollte man Genesene nicht mit Geimpften gleichsetzen?
Was ist denn ein Genesener? Ganz viele Menschen wurden, zum Beispiel aufgrund eines Kontaktes, mit einem PCR-Test getestet und waren prompt positiv. Aber sie hatten keinerlei Symptome, keinerlei Erkrankung. Ein paar Tage später wurde wieder getestet – und dann war der Test negativ. Ist das ein Genesener? Man muss sich klarmachen: PCR-Tests sind so empfindlich, dass sie auch auf eine sehr geringe Virenmenge reagieren und zu positiven Ergebnissen führen. Dass sich aber das Immunsystem des Betroffenen überhaupt mit dem Virus auseinandergesetzt und eine Antwort auf die Krankheit entwickelt hat, ist allein durch einen positiven Test nicht bewiesen.
Wenn sich das Immunsystem eines Menschen nicht ausreichend mit dem Virus auseinandergesetzt hat, kann der Betroffene sich dann wie eh und je anstecken und das Virus übertragen?
 
Genau. Darin liegt das Problem.
Wer ist für Sie dann ein Genesener?
Ich persönlich würde nur jemanden als Genesenen bezeichnen, der zum einen einen positiven PCR-Test hatte, der aber zum anderen auch ein oder zwei typische Hauptsymptome der Krankheit hatte. Also jemanden, der diese Erkrankung tatsächlich erlitten und durchgemacht hat, dessen Immunsystem die viralen Erreger kennen gelernt hat. Sollte irgendein einmaliger positiver PCR Test als Definition für "Genesen" im Zusammenhang mit Corona gelten, halte ich das für mindestens genauso schlecht wie einen schlecht gemachten Antigentest.
Wie könnte man das Problem in der Praxis lösen?
Das ist in der Praxis tatsächlich schwierig. Man könnte zum Beispiel ein ärztliches Attest einführen, das dem Betroffenen bescheinigt, an Covid-19-typischen Symptomen erkrankt gewesen zu sein, dabei einen positiven Erregernachweis gehabt zu haben, danach gesundet und wieder PCR-negativ zu sein. Hätte jemand ein solches Attest, dann würde ich sagen: "Jawohl, das ist ein Genesener."
So lange es eine solche Regelung zur Definition von Genesung nicht bei uns gibt: Bilden Geimpfte für Sie die sicherste Kategorie für Immunität gegen das Virus?
Ja, im Moment ist das so. Obwohl wir den letzten wissenschaftlichen Beweis nicht haben. Es gibt Unsicherheiten. Wenn das Immunsystem eines Menschen durch Impfung auf erneuten Erregerkontakt vorbereitet ist und dieser Mensch Viren von einer anderen Person aufnimmt, dann sagt das Immunsystem: "Den Angreifer kennen wir." Es markiert die Viren, und dann kommen die Abwehrzellen und fressen sozusagen diese Viren auf. Es ist hochplausibel, dass dieser Mensch nun nicht mehr genügend Viren in seinen Körperzellen vermehren kann, um andere anzustecken. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass ein Geimpfter kein Überträger mehr sein kann. Es ist aber nicht restlos auszuschließen, dass er im Einzelfall doch Viren weitergeben kann, obwohl sein eigenes Körpersystem gegenüber diesen Viren immun ist. Wir haben hierzu bisher nicht die letzte wissenschaftliche Sicherheit.
Was wären aus Ihrer Sicht logische politische Schlussfolgerungen?
Man müsste den Begriff "Genesener" vernünftig definieren. Dann würde ich klare Standards für Schnelltests definieren. Einfache Selbsttests vom Discounter reichen nicht aus. Die Tests müssen außerdem professionell durchgeführt werden. Sonst kann man einen Getesteten nicht mit einem Geimpften gleichsetzen, finde ich. Aber auch bei den Geimpften gibt es noch Fragen: Wie lang liegt die Impfung zurück? Wir wissen noch nichts über die zeitliche Reichweite des Immunschutzes durch eine Covid-19-Impfung.
Sie betonen "noch nicht". Tut sich in der Forschung dazu gerade etwas?
Im Moment warten wir alle auf einen Test, den es tatsächlich schon gibt, ein Immunzell-Antwort-Test, den IGRA-Test. Er kommt aus dem ehemaligen Lübecker Labor des zur Zeit ebenso gehypten wie gedissten Mediziners Winfried Stöcker. Die haben einen Test entwickelt, mit dem sich die Antwortaktivität bestimmter Immunzellen messen lässt. Dummerweise ist dieser Test noch nicht für den klinischen Alltagseinsatz validiert und zugelassen. Wenn wir so etwas hätten, dann wüssten wir nicht nur, wie lange der Impfschutz anhält. Wir wüssten auch, wer tatsächlich ein Genesener ist.

Senat beschließt Corona-Regelungen für Geimpfte und Genesene

Video vom 4. Mai 2021
Ein Friseurtermin wo ein negativer Coronatest vorgezeigt wird.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Mai, 19.30 Uhr