Interview

Bernhard zur Corona-Lage: "Ich persönlich mache mir schon Sorgen"

Bremens Corona-Zahlen steigen wieder

Video vom 15. Juli 2021
Claudia Bernhard bei einem Interview
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

"Noch sind wir abwartend", sagt die Bremer Gesundheitssenatorin mit Blick auf die Entwicklung der Inzidenzen. Entscheidend sei die Situation in den Kliniken.

Bis vor Kurzem hatte sich die Corona-Lage in Bremen wieder deutlich entspannt. Die Inzidenz lag Anfang Juli mit 6,3 auf einem Tiefpunkt. Ein Wert, den Bremen zuletzt im September 2020 vermelden konnte. Aber seit Kurzem steigt die Inzidenz in der Stadt Bremen wieder leicht. Was die aktuelle Entwicklung für Bremen bedeutet erklärt Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) im Interview.

Frau Bernhard, Niedersachsen hat in einigen Städten mit einer Inzidenz über zehn Lockerungen zurückgenommen. Was plant Bremen bei steigenden Inzidenzen?
Noch sind wir abwartend. Wir werden uns das nächste Woche und die nächsten zwei Wochen sehr intensiv ansehen müssen. Ich persönlich mache mir schon Sorgen. Bislang ist es abgekoppelt zwischen Inzidenz und Hospitalisierung, der Krankenhausbereich ist nach wie vor sehr entspannt und ich finde das ist auch das Entscheidende – steigt aber auch leicht.

Inzidenzwerte in Bremen und Bremerhaven

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Warum machen Sie sich dann Sorgen?
Weil ich glaube, dass es weiter raufgehen wird. Wir haben ja durchaus europäische Länder, bei denen das inzwischen schon ganz anders durchschlägt. Wir haben nach wie vor den Vorteil einer relativ hohen Impfrate, aber was die Zweitimpfung anbelangt sind wir trotzdem erst bei knapp 50 Prozent.
Wie wollen Sie darauf reagieren?
Erstens sollten wir die Masken- und Abstandspflicht beibehalten und auch die Kontaktbeschränkungen wieder nach oben korrigieren. Also entsprechend Zulassungen halbieren und auch was bei Veranstaltungen zugelassen ist. Dieses ganze Setting werden wir uns nochmal zu Gemüte führen müssen.
Das heißt Sie können sich vorstellen, die Inzidenz-Schwelle von 35 nach unten zu korrigieren?
Da würde ich mich ungern festlegen. Weil wir es an der 10er- oder 20er-Grenze – die wäre dann ja auch völlig neu definiert – nicht festmachen können ohne einen ganzheitlichen Blick. Flankierend muss man sich auch ansehen, wie es mit Krankheitsbildern aussieht. Gibt es wieder schwere Infektionen, gibt es entsprechende Auswirkungen? Das finde ich, ist nach wie vor das Wichtigste in dem Zusammenhang.

Ich glaube, dass wir mit Lockerungsfantasien, die nochmal weitergehen, viel zu früh dran sind.

Claudia Bernhard (Linke), Bremer Gesundheitssenatorin
Welche Parameter spielen für diesen ganzheitlichen Blick eine Rolle?
Es kommt darauf an, was mit den infizierten Menschen passiert. Sind die wieder im Krankenhaus? Müssen die wieder auf Intensivstationen? Brauchen Sie Beatmung? Das sind, finde ich, die wichtigen Fragen, die sich daran knüpfen. Und: In welcher Altersklasse findet das statt.
Das heißt, wir gucken in Zukunft vielleicht weniger auf Inzidenzen, sondern eher auf die Situation in den Krankenhäusern?
Das wird zumindest ein wichtiger Indikator sein, der mehr und mehr an Bedeutung gewinnt im Zusammenhang mit der Impfquote.
Wie ist denn die aktuelle Situation in den Bremer Krankenhäusern?
Entspannt. Es gibt tatsächlich zwischen fünf und zehn Personen, die in den Krankenhäusern gerade wegen Covid-19 sind. Das ist überschaubar. Aber das ist das Entscheidende und wenn das steigt, müssen wir reagieren.

Die Lage in den Bremer Krankenhäusern

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Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet höhere Inzidenzen vor allem bei jungen Erwachsenen. Wie beobachten Sie das in Bremen?
Das ist völlig identisch. Das ist bei uns auch so. Es ist leider auch im Zusammenhang zu sehen, dass die Impf-Bereitschaft auch dort am geringsten ist.
Wie groß oder klein ist die Impf-Bereitschaft in welcher Altersgruppe?
Naja, wir haben beispielsweise bei den 16- und 17-Jährigen relativ wenig Rücklauf. Da ist das gerade mal bei einem Fünftel. Wir haben sie alle angeschrieben und trotzdem ist es nicht so, dass sie uns das Impfzentrum überrennen. Das andere ist: Wir müssen weiter dafür werben und tatsächlich an die Orte gehen, wo die Menschen auch sind, um die Impf-Bereitschaft zu erhöhen.
Noch einmal einen Blick ins Nachbarbundesland, das spezielle Impfangebote für Kinder ab zwölf Jahren anbieten. Ist das in Bremen auch geplant?
Ja, nach anfänglicher Diskussion, wie sinnvoll und nicht sinnvoll, weil ja die Stiko-Empfehlung dafür erneut nicht ausgesprochen wurde, werden wir im Impfzentrum auch unter Hinzuziehung von Kinder- und Jugendärzten auch eine Impfmöglichkeit einrichten.
Ab wann?
Das weiß ich noch nicht genau. Aber wir werden am Freitag noch einmal darüber beraten. Und dann werden wir sehen, dass wir das relativ kurzfristig umsetzten.
Dann gibt es ein Impfangebot für alle Kinder in Bremen und Bremerhaven ab zwölf Jahren?
Die 12- bis 15-Jährigen würden dann letztendlich die Möglichkeit bekommen.
Welche Auswirkungen werden die steigenden Inzidenzen für Events in Bremen haben?
Hygienepläne. Hygienepläne. Hygienepläne. Und tatsächlich die Frage, wie wir das entsprechend beschränken. Weil ich glaube, es hängt immer noch damit zusammen, wie viele Menschen an einem Ort zu einem Zeitpunkt sind. Das ist das Entscheidende.
Das heißt, aktuell überlegen Sie solche Events zu beschränken?
Die Sommerwiese wird es geben. Unter den bestimmten Kriterien, die auch eingereicht worden sind. Das ist ähnlich bei Fußballspielen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem dann wirklich durchgeführt wird, wird es die Frage sein zwischen Inzidenz- und Krankenhaus-Quote.
Das heißt, sie wollen dann spontan entscheiden und anpassen?
Wir werden anpassen müssen. Das hängt von der Entwicklung ab. Wenn die Sommerferien zu Ende sind, wird das massiv noch einmal die Herausforderung sein.
Was ist nach den Sommerferien?
Das wird eine Herausforderung. Wir haben die Reiserückkehrer, da wird man sehen, was sich herauskristallisiert. Ich glaube, da werden wir durchaus einen Schub bekommen. Die Delta-Variante ist mehrheitlich überall verankert. Ich gehe davon aus, dass wir zwar viele Menschen geimpft haben, aber trotzdem immer noch zu wenig, um gar nicht reagieren zu müssen.

Autorin

  • Lea Reinhard Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Juli 2021, 19:30 Uhr