Weihnachten hinter Gittern: Geschenk-Aktion für Häftlinge

Dank der Weihnachtstüten-Aktion bekommen auch Gefangene der JVA Bremen Geschenke. Drei Insassen erzählen, was das für sie bedeutet und wie sie Weihnachten erleben.

Weihnachtstüten in der JVA Bremen
Weihnachtstüten füllen den Raum in der JVA Bremen.

Es war eine Weihnachtskarte mit zwei aufgemalten Herzen und einer kurzen Grußbotschaft, die ihm vergangenes Jahr am meisten Freude bereitete. Und das obwohl er den Menschen, der die Karte geschickt hatte, gar nicht kannte. Er – Rico*, 49 Jahre alt – sitzt im Gefängnis. Ein Knastkind sei er, etwa 30 Jahre habe er drinnen verbracht, sagt er.

Rico weiß, was es bedeutet, an Weihnachten eingesperrt zu sein. Für Menschen wie ihn, die keine Möglichkeit haben, sich zu Weihnachten Geschenke zu kaufen oder welche zu erhalten, werden von der evangelischen und der katholischen Kirche in Bremen sogenannte Weihnachtstüten gesammelt. Spenden in Form von Süßigkeiten, die in eine Tüte eingepackt und bedürftigen Insassen überreicht werden. "Viele haben kein Geld mehr, um sich etwas zu Weihnachten zu kaufen“, erläutert Diakon Richard Goritzka, der als katholischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen die Initiative betreut.

Es ist wie eine ausgestreckte Hand, ein Gruß über die Mauer hinaus.

Richard Goritzka, Diakon

Das Gefühl, dass jemand an einen denkt

Die Geschenke werden in der einzelnen Zelle übergeben. Die Betreuer versuchen, sie in den Tagen vor Weihnachten zu überreichen. Meistens geschehe das während der Einschlüsse, erzählt Rico. Vergangenes Jahr saß er in seiner Zelle, als die Tür plötzlich aufging. Vor ihm stand der Seelsorger mit der Tüte in der Hand. "Man freut sich, es ist eine schöne Überraschung“, sagt er. Hinter Gittern passiere es nicht oft, dass Türen aufgemacht werden.

Das, was mich am meisten gefreut hat, ist zu sehen, dass man draußen an uns denkt.

Rico, Insasse

Rico sitzt in einem Kirchenraum der JVA, die Hände im Schoß gefaltet. Er überlegt kurz: Etwa dreimal habe er draußen Weihnachten gefeiert, seitdem er kein Kind mehr sei. Er sei religiös, ein Kirchengänger. Weihnachten bedeute für ihn nicht nur die Geburt Christi, sondern auch eine Möglichkeit, mit Leuten zusammenzukommen, die ähnliche Gedanken haben. "Es ist auch eine Umgangsform mit den anderen Inhaftierten“, sagt er.

Sehnsucht nach der Familie

Unter den Insassen befindet sich auch Nasser*, 37 Jahre alt, im offenen Vollzug. Er habe noch keine Tüten bekommen, doch auf Kaffee freue man sich immer, sagt er mit einem Lächeln. Er pflichtet Rico bei: "Das Schönste bei den Weihnachtstüten ist, dass man an uns denkt, obwohl wir der Gesellschaft geschadet haben.“ Was die Menschen hier vermissen, das wird aus den Gesprächen klar, ist nicht so sehr das Materielle, sondern die Familie, das "Unter-sich-sein“, sagt Nasser.

Ein Gefängniswärter öffnet eine Tür, dahinter befindet sich ein Weihnachtsbaum.
Für Insassen ist Weihnachten oft eine schwierige Zeit. Bild: Imago | Klaus Haag

Nasser erzählt, er habe zwei kleine Kinder. Ihnen hat er gesagt, dass er fort sei, um auf einem Bauernhof zu arbeiten. Bei Besuchen versucht er, die Lüge aufrechtzuhalten. So, als würde er in der Freiheit der Natur leben, und nicht zwischen Mauern. Weihnachten möchte Nasser mit ihnen verbringen, das sei schließlich das Fest der Liebe.

"Verwandte, die sich lange nicht gesehen haben oder miteinander Ärger hatten, gehen aufeinander zu, vertragen sich, entspannen sich – das ist für mich der Sinn der Feier.“ Der junge Mann mit kurzen Haaren und ruhiger Stimme rückt sich auf der Holzbank in der Kapelle zurecht und verschränkt die Arme vor dem Oberkörper. Er sei Muslim, sagt er, aber Weihnachten habe er schon mal mit seiner deutschen Ehefrau gefeiert.

"Manche wollen nur vergessen"

An den Feiertagen werden in seiner Station gemeinsame Mahlzeiten organisiert, erzählt Nasser. Mit 17 anderen Gefangenen hat er sich schon das Menü überlegt: Ente am ersten Weihnachtstag, Gans am zweiten Tag. Für die Gefangenen wird ein Theaterstück organisiert. Und Gottesdienste. Doch manche wollten an diesem Tag nur vergessen, sagt Rico.

Diakon Richard Goritzka mit einer Weihnachtstüte
Seelsorger Richard Goritzka wird dieses Jahr die Weihnachtstüten an die Gefangenen austeilen.

Auch Kai*, 24, hat schon viermal Weihnachten hinter Gittern verbracht. Das Fest zu feiern, hier an diesem Ort, mag er nicht, obwohl er es zu Hause immer zelebriert hatte. "Mit einem echten Weihnachtsbaum, den ich mit meiner Mutter in den vierten Stock gebracht und geschmückt habe“, sagt er. Mit den Insassen sei es etwas anders als zu Hause. Doch die Spenden seien eine gute Unterstützung, sagt er. Zu sehen, dass die Menschen etwas schenken, obwohl keiner sie dazu zwingt.

Aktion ist mit den Jahren gewachsen

Und gespendet haben die Bremer – auch dieses Jahr, vielleicht noch mehr als in den Vorjahren. "Die Resonanz in der Bevölkerung ist gewachsen“, sagt Goritzka. Ein Blick in den Raum, in dem die Tüten vorläufig aufbewahrt werden, bestätigt das Ausmaß der Großzügigkeit. Wie in einem kleinen Meer aus Glitzer- und Geschenkpapier, weißen Weihnachtsmännern und roten Hintergründen, tastet sich der Diakon vorsichtig voran.

Bis zum 17. Dezember sind dieses Jahr die Tüten gesammelt worden. Empfohlen waren etwa Kaffee, Schokolade und Süßigkeiten sowie eine Weihnachtskarte ohne vollständigen Namen. Alkohol oder Bargeld sind nicht erlaubt, jede Tüte wird von den Beamten penibel inspiziert. "Sie müssen noch vom Drogenhund beschnüffelt werden, dann können wir anfangen, sie zu verteilen“, sagt Goritzka und legt ein weiteres, offenes Paket in die Menge. Wie viele Tüten sie erreicht haben, habe er noch nicht gezählt. Für die Bedürftigen sei jedenfalls genug vorhanden, sagt er. Darauf werden sich auf jeden Fall auch Rico, Nasser und Kai freuen.

*Auf Nachnamen wurde aufgrund des Persönlichkeitsschutzes verzichtet.

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. Dezember 2018: 23:30 Uhr