So schwer haben es Einzelhändler im Bremer Viertel

Zwar hat das Bremer Viertel wieder einen neuen Plattenladen, ein Bier-Fachgeschäft hat dafür jetzt geschlossen. Was entscheidet über den Erfolg auf Bremens Einkaufsmeile?

Marc Braun vor Schallplattenregal hält Schallplatte in die Kamera
Schallplatten sind sein Leben: Marc Braun.

"Mit so einer Schallplatte, da hältst Du etwas in der Hand. Die fühlt sich nach etwas an", schwärmt Marc Braun. Der 54-Jährige weiß, wovon er spricht: Seit fast 35 Jahren verkauft er Schallplatten, unterhielt zeitweise in Lissabon zwei eigene Plattenläden. Jetzt arbeitet Braun als Angestellter in einem neuen Schallplatten-Geschäft Am Dobben. "Black Plastic" heißt der Laden.

In gewisser Weise, berichtet Braun, trete Black Plastic das Erbe von Ear an. Der legendäre, bereits in den siebziger Jahren gegründete Plattenladen hat mit Beginn des Jahres dicht gemacht. Braun, der dort arbeitete, hätte das Ear zwar übernehmen können, sagt er. Doch das habe er nicht gewollt: "Ich bin selbstständig mit meinem Online-Plattenhandel. Das reicht mir", erklärt er.

Kleine Brötchen backen – auf 35 Quadratmetern

Dennoch sei er mit seinem Freund Guido Gulbins, einem bekannten Bremer DJ, schnell darin übereingekommen, das Bremen wieder einen richtigen Plattenladen brauche. "Wir führen Rockmusik in allen Facetten, außerdem Jazz, Reggae, Hip-Hop und Electro", sagt Braun. Inhaber des Geschäfts sind allerdings zwei Unternehmer aus Dortmund. Dort betreiben sie bereits seit einigen Jahren erfolgreich einen weiteren Plattenladen.

Mit Plattenläden kann man nicht viel Geld verdienen.

Valentin Gube, Inhaber von Black Plastic

"Wir machen das hier in Bremen, weil wir uns sicher sind, dass sich Marc und Guido reinhängen werden", sagt Inhaber Gube. Mit Plattenläden könne man nicht viel Geld verdienen, so viel sei klar. Verluste wolle er allerdings auch nicht machen. Wie in Dortmund, so werde Black Plastic auch in Bremen kleine Brötchen backen.

Bei uns sollen sich die Leute austauschen: das Publikum genau wie die Musiker.

Marc Braun, Verkäufer bei Black Plastic Bremen

Rund 35 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen der Filiale am Dobben zur Verfügung: nicht viel zwar, aber genügend Platz, um hin und wieder sogar kleine Konzerte zwischen den Verkaufsregalen auszurichten, findet Marc Braun: "Das gehört irgendwie dazu. Der Laden soll ein Kommunikationszentrum für Musik werden."

Nach nur fünf Jahren schließt das Brolters

Derweil schließt keinen Steinwurf entfernt ein anderes Spezialitäten-Geschäft: das Brolters. Bis zu 300 Sorten Bier hatte der Laden zeitweise im Sortiment: ausschließlich handwerklich hergestelltes Bier. Die meisten Sorten stammten aus der Region. "Der Laden hat anfangs hervorragend als Treffpunkt funktioniert. Die Leute haben sich bei uns über Bier ausgetauscht", berichtet Janka Bracke-Wolter, die das Geschäft zusammen mit ihrem Mann, dem einstigen Getränkegroßhändler Frank Wolter, führt.

Doch so gut das Brolters in den ersten drei Jahren auch gelaufen sei, so steil sei es dann bergab gegangen, räumt Bracke-Wolter ein. Denn zu diesem Zeitpunkt habe ein "Hype" um vermeintliche Craft-Biere eingesetzt: "Die großen Märkte sind auf den Zug aufgesprungen", sagt sie. Seitdem suchten die meisten Kunden das Brolters nur noch auf, um ausgefallene Biere – meist einzelne Flaschen – als Geschenke zu kaufen. Denn mit den Preisen der großen Märkte könne der Einzelhandel nicht konkurrieren.

Du musst die Leute bespaßen, bespaßen und wieder bespaßen.

Janka Bracke-Wolter, Betreiberin des Brolters
Janka Bracke-Wolter zieht Bierflasche aus Verkaufsregal
Verkauft die Restbestände des Brolters: Janka Bracke-Wolter.

Aus diesem Grund schließt das Brolters am 15. August, verkauft derzeit seine Restbestände. Dabei mangelt es Bracke-Wolter keinesfalls an Ideen. Sie glaubt zu wissen, was nötig wäre, um einen Laden wie den ihren erfolgreich fortzuführen: "Man braucht Sonderaktionen, immer wieder neue Angebote, muss ständig im Internet auf sich aufmerksam machen", sagt die Unternehmerin: "Du musst die Leute bespaßen, bespaßen und wieder bespaßen."

Zu diesem Zweck sei eine Schanklizenz für möglichst viele Verkostungen und Seminare im Laden nahezu zwingend erforderlich, so Bracke-Wolter. Außerdem müsste sie parallel zum Ladengeschäft einen Onlinehandel betreiben und die Getränke auf Wunsch direkt zum Kunden liefern. Das Problem sei jedoch: "Das alles schafft man nicht allein und auch nicht zu zweit."

Handelsverband: Einzelhändler brauchen Nischen

Mit ihrer Analyse steht Janka Bracke-Wolter nicht allein da. Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen, bestätigt: "Ein Einzelhändler braucht auf jeden Fall eine Nische." Das könnten Produkte sein, aber auch kleine Extras wie Reparatur-Leistungen oder Know-how: "Es sollte sich allerdings um Fachwissen handeln, das sich die Leute nicht auch einfach über das Internet aneignen können", schränkt Krack ein.

Die Schlagzahl, in der sich Betriebe verabschieden, hat sich im Zuge der Digitalisierung erhöht.

Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen

Krack ist überzeugt davon, dass kaum ein Einzelhändler umhin kommt, über soziale Netzwerke immer wieder auf sich aufmerksam zu machen. Unabhängig von der Frage aber, wie geschickt ein Händler das Netz für sich nutze, sei klar: "Die Schlagzahl, in der sich Betriebe verabschieden, hat sich im Zuge der Digitalisierung erhöht". Nahezu jeder spüre, wie sich der Konkurrenzkampf durch große Anbieter im Internet verschärft habe.

Interessengemeinschaft "Das Viertel" hofft auf Fördermittel

Lastenfahrrad auf mäßig belebtem Ostertorsteinweg, im Hintergrund sitzen Gäste vor Cafe.
Ohne professionelles Standortmarketing könnte es selbst am Ostertorsteinweg, der Flaniermeile des "Viertels", ruhig werden, fürchten dort die Kaufleute.

In Bremens Steintor- und Ostertor-Viertel sei der Konkurrenzkampf mit dem Onlinehandel zwar "noch nicht ganz so stark" zu spüren wie etwa in der Innenstadt, sagt Norbert Caesar, Vorstand der Interessengemeinschaft "Das Viertel" (IGV). Im Bremer Viertel habe die Mehrheit der Geschäfte einer Umfrage der IGV zufolge zuletzt sogar leicht zugelegt.

Caesar sagt aber auch: "Wir haben von Januar bis Mai 84.000 Passanten am Ostertorsteinweg gezählt. Das ist zwar okay. Aber dauerhaft brauchen wir mehr."

Wir wünschen uns eine projektbezogene Kofinanzierung für die nächste Legislaturperiode.

Norbert Caesar, Vorstand der Interessengemeinschaft "Das Viertel" (IGV)

Um es weiterhin mit dem Onlinehandel aufnehmen zu können, müsse das Viertel sein Standortmarketing intensivieren. Habe sich die IGV bislang aus eigener Kraft finanziert, so hoffe man nun auf die Hilfe des Bremer Wirtschaftsressorts: "Wir wünschen uns eine projektbezogene Kofinanzierung für die nächste Legislaturperiode. Das ist notwendig, damit wir das Viertel so bunt erhalten können, wie es ist", sagt Caesar. Für die restlichen Monate des laufenden Jahres habe das Wirtschaftsressort der IGV bereits Zuschüsse gewährt.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, buten un binnen, 29. Juli 2019, 14:40 Uhr