Gerechtigkeit – eigentlich kinderleicht

Geschwister ärgern und Süßigkeiten teilen – Kinder wissen früh, was ungerecht oder gerecht ist. Bremer Forscher untersuchen, ob das angeboren oder anerzogen ist.

Zwei Kinder sitzen und schauen in die Kamera

Gerechtigkeit liegt offensichtlich immer im Auge des Betrachters. Die Kinder der Bremer KiTa 'Bei den drei Pfählen' haben buten un binnen ihre Vorstellung von Fairness erklärt, und die sind ziemlich unterschiedlich. Manchmal waren sich die Fünf- und Sechsjährigen aber auch einig: Klauen galt bei fast allen Kindern als ungerecht.

Aber ab wann empfinden Kinder überhaupt, ob etwas ungerecht ist? Forscher sagen, sie spüren schon mit vier Jahren, wenn sie benachteiligt werden. Die Wissenschaft ist sich nicht ganz einig, wie viel von diesem Gerechtigkeitsinn angeboren und wie viel davon anerzogen ist. Die Universität Bremen geht dem Empfinden der Kleinen mit Forschungen auf den Grund: Wann und wie entwickeln Babys und Kleinkinder Mitgefühl, erkennen soziale Normen und so etwas wie Moral?

Früh übt sich, wer gerecht sein will

Inwiefern Gerechtigkeit angeboren ist, kann laut Katrin Alt von der Universität Bremen nicht wirklich beantwortet werden.

Im frühen Kita-Alter können Kinder zwar noch nichts mit dem abstrakten Begriff der Gerechtigkeit anfangen, sind sich aber dennoch schon früh bewusst, was es bedeutet, gerecht oder ungerecht zu handeln. Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie eine Idee von Gemeinschaft haben.

Katrin Alt, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Bremen

Um zu beobachten, was Kinder als gerecht empfinden, hat Alt folgende Praxisübung mit ihnen gemacht: Kinder wurden befragt, ob ein "kleiner frecher Schlingel" alle Pflaumen alleine aufessen darf. Einige der Kinder waren der Meinung, dass man die Pflaumen lieber gerecht aufteilen solle. Zwei Kinder waren dafür, dass er alle Pflaumen bekommen sollte. Die Argumente waren überraschend: Er muss noch wachsen und außerdem sollen sich die Großen immer für die Kleinen einsetzen.

Für die Forscher ein spannendes Ergebnis, denn Kinder haben damit schon eine Vorstellung von 'Verteilungsgerechtigkeit' (Jeder sollte gleichviel bekommen) und von 'Bedarfsgerechtigkeit' (Jeder sollte unabhängig von seiner Leistung das bekommen, was er zum Leben braucht).

Wie gerecht sind wir von Natur aus?

Dr. Natacha Mendes vom Max-Planck-Institut in Leipzig hat Kinder verschiedenen Alters verglichen. Vierjährige konnten bereits erkennen, ob eine Handpuppe gerecht und sozial handelt oder nicht – und sie zeigten auch schon Mitleid bei Ungerechtigkeit. Sechsjährige gingen einen Schritt weiter: Sie wollten ungerechtes Verhalten bestrafen und zeigten Schadenfreude, wenn die ungerechte Handpuppe bestraft wurde.

Haben Kinder erst mal einen eigenen starken Gerechtigkeitssinn entwickelt, gibt es kaum noch ein Zurück: Dann erwarten sie auch von Erwachsenen ein faires Verhalten. Die gute Nachricht: Erziehungswissenschaftler bestätigen, dass auch schon kleine Kinder verstehen, dass ältere Geschwister mehr dürfen – wenn das von Anfang an gut erklärt und gut begründet wird.

  • Eva Linke

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. November 2018, 19:30 Uhr