Wie Bremerinnen und Bremer Juden vor der Nazi-Verfolgung schützten

Melida Palme und Tochter Martha Heuer (geborene Palme) 1946 am Herdentor in Bremen
Martha Heuer, (rechts) und ihre Mutter Melida Palme versteckten während der deutschen Besatzungszeit sechs Menschen in ihrer Warschauer Wohnung. Bild: Staatsarchiv Bremen

Sie halfen Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nazi-Regimes mit Essen, versteckten sie oder wurden sogar zur Schlüsselfigur für die Rettung Tausender Menschen. Drei Geschichten von mutigen Bremerinnen und Bremern.

Henriette Brunken

"Eine israelische Justizangestellte in Tel Aviv sucht eine Bremer Familie, die ihr und ihrer Schwester im Kriegswinter 1944/45 durch heimliche Speisungen Kraft und auch weiteren Lebensmut gespendet hatte." So beginnt eine Suchanzeige, die 1967 im Bremer "Weser Kurier" erscheint. Ella Kozlowski, eine junge Jüdin aus Berlin, die Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Schwester Eva in Bremen zur Zwangsarbeit abgestellt war, sucht nach einer Frau, die ihr nicht aus dem Kopf geht, dabei kennt sie nicht einmal deren Namen.

Diese Bremerin ist Henriette, genannt Henny, Brunken. Im Winter 1944/45 sieht sie die jungen Schwestern bei den Aufräumarbeiten auf einem Trümmergrundstück und hat Mitleid, erzählt sie später dem "Weser Kurier". Sie will ihnen helfen, so wie sie auch hofft, dass jemand ihrem in Russland vermissten Bruder helfen würde. Da sie sich der Zwangsarbeiterkolonne nicht nähern kann, ohne Verdacht zu erregen, gibt ihre erst fünfjährige Tochter Erika den Essenskurier. "Sie füllte eine Flasche mit warmer Milch und Haferflocken in einen unschuldig aussehenden Wollstrumpf, hängte den Strumpf an Erikas Roller und schickte das Kind zu den jüdischen Mädchen", ist über Brunken in der Datenbank der "Gerechten unter den Völkern" der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu lesen. Eine Kommission ehrt im Auftrag dieser Gedenkstätte Menschen, die Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus unter großer Gefahr für sich selbst halfen.

Henny Brunken erklärt damals ihrer Tochter: "Wir müssen das heimlich machen, weil es so wenig ist." Erst auf ein Zeichen, das Mutter Brunken vom Fenster aus gibt, lässt Erika das Essenspaket unauffällig fallen. Die jungen Frauen können es sich nehmen, wenn niemand sonst zu sehen ist. Als Brunken vom bevorstehenden Geburtstag der jüngeren Schwester Eva erfährt, stickt sie deren Namen auf ein Stofftaschentuch und gibt es Erika mit – für Eva Kozlowski ist es das erste Geburtstagsgeschenk seit Jahren.

Die Erinnerung an die gütige Bremerin bleibt bei den beiden Schwestern, die nach Israel fliehen können, auch viele Jahre später haften. Als Ella Kozlowski, mittlerweile Justizangestellte in Tel Aviv, bei der Arbeit einem Bremer Staatsanwalt begegnet, der für einen NS-Kriegsverbrecherprozess Zeugen vernimmt, erzählt sie ihre Geschichte. Die Juristen aus Bremen schalten die Anzeige im "Weser Kurier", Henny Brunken liest sie und schreibt an Ella Kozlowski. Ein Briefwechsel beginnt, dann laden die Kozlowski-Schwestern Brunken nach Israel ein. Bei diesem Besuch wird Henny Brunken 1968 in Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Am Ende ihres Besuchs in Israel schenkt Henny Brunken ihrer Gastgeberin wieder ein Taschentuch mit dem eingestickten Namen "Eva".

In Hastedt erinnert seit Ende Mai 2021 der Henriette-Brunken-Weg an die mutige Bremerin. Die Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Kai Wargalla, Sprecherin ihrer Fraktion für Strategien gegen Rechtsextremismus, hatte den Stein für die Benennung des Weges jetzt mit einer Senatsanfrage ins Rollen gebracht, nachdem sie Hemelinger darauf angesprochen hatten, schreibt Wargalla bei Twitter. Der Beirat Hemelingen hatte die Benennung bereits 2013 beschlossen.

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Martha Heuer, geborene Palme, und Melida Palme

Martha Heuer beim Pflanzen eines auf ihren und den Namen ihrer Mutter getauften Baumes in der Allee der Gerechten in Israel
Martha Heuer pflanzt 1975 bei der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem einen Baum. Ihre Mutter Melida Palme wird posthum geehrt. Bild: Staatsarchiv Bremen

Martha Heuer, geborene Palme, und ihre Mutter Melida Palme, sind Bürgerinnen von Warschau, als Polen 1939 von der deutschen Wehrmacht überfallen wird. Vater und Sohn Palme melden sich bei Kriegsbeginn zum Militär, Mutter und Tochter verlassen ihre Wohnung und kommen bei Verwandten unter, heißt es über sie in der Datenbank der "Gerechten unter den Völkern". Die leere Wohnung wird 1942 zum Unterschlupf für sechs Jüdinnen und Juden, nachdem sich die Palmes mit Maria Abramska angefreundet haben, einer Jüdin, die mit falschen Papieren in Warschau lebt und für ihren Mann und fünf weitere Familienmitglieder ein Versteck sucht.

Die Palmes stellen den Nachbarn Maria Abramska als Verwandte vor, die in der leerstehenden Wohnung regelmäßig saubermacht. Tatsächlich versorgt sie die versteckten Familienmitglieder, die sich nicht vor die Tür wagen können. Zwei der Versteckten werden in der Zeit des Warschauer Aufstands 1944 gegen die deutschen Besatzer als Juden identifiziert und ermordet, die anderen vier werden nicht als Jüdinnen und Juden enttarnt und als Polen in deutsche Konzentrationslager deportiert. Von dort aus gibt es wieder Kontakt zu Melida und Martha Palme, die mittlerweile auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik leben. Die beiden Frauen geben sich als Verwandte ihrer Schützlinge aus und schicken Essenspakete.

1950 zieht Martha Heuer nach Bremen. Drei Jahre später heiratet sie den späteren Bürgerschaftsabgeordneten Heinz Heuer (1930-2005), weiß das Bremer Staatsarchiv über sie. "Im Frühjahr 1975 kam es bei dem Besuch einer bremischen Parlamentariergruppe in Israel zu einem Wiedersehen mit den Geretteten", teilt die Senatspressestelle 2019 mit. Dabei erhalten Martha Heuer und die mittlerweile verstorbene Melida Palme posthum die Ehrung als "Gerechte unter den Völkern".

Der Journalist Kurt Nelhiebel hatte, wie er selbst in seinem Artikel "Kennen Sie Martha Heuer?" 2013 schrieb, durch Zufall von der Geschichte Martha Heuers erfahren und regte 2013 die Benennung einer Straße an. 2013 fasste der Gröpelinger Beirat einen entsprechenden Beschluss. Seit März 2019 erinnert die Martha-Heuer-Straße in Bremen-Gröpelingen an das Engagement Heuers.

Georg Ferdinand Duckwitz

Ansprache von Staatssekretär Georg Ferdinand Duckwitz 1970 zum Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto im jüdischen Gemeindehaus in Berlin (Archivbild)
Georg Ferdinand Duckwitz bei einer Ansprache als Staatssekretär im Jahr 1970. Duckwitz warnte 1943 vor der bevorstehenden Deportation dänischer Jüdinnen und Juden. Bild: DPA | akg-images/Gert Schütz

Der mit Abstand bekannteste "Gerechte unter den Völkern" aus Bremen ist sicher Georg Ferdinand Duckwitz. "Retter der dänischen Juden", als solcher ist Duckwitz in die Geschichte eingegangen und diesen Titel trägt er zu Recht, schreibt der Historiker Hans Kirchhoff über den ehemaligen Staatssekretär im Außenministerium und Berater Willy Brandts in Fragen der Ostpolitik. Duckwitz stammt aus einer Bremer Patrizier- und Kaufmannsfamilie und arbeitet nach einem abgebrochenen Studium der Nationalökonomie für eine große Import-/Exportfirma, die ihn 1928 als Filialdirektor nach Kopenhagen schickt. In dieser Zeit beginnt seine Liebe zu Dänemark.

Jahre später, 1943, ist Duckwitz als Schifffahrtssachverständiger bei der Deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen beschäftigt, als er Informationen zur geplanten Deportation der rund 7.800 jüdischen Bürgerinnen und Bürger Dänemarks erhält. Da er über sehr gute Kontakte verfügt, kann er an entscheidender Stelle einen Hinweis geben, so dass mehr als 7.000 Jüdinnen und Juden auf Schiffen über den Öresund nach Schweden fliehen und der Ermordung entgehen können. "Mit seinem diplomatischen Talent, seiner Fähigkeit, Vertrauen herzustellen und seiner Ablehnung des Nationalsozialismus schrieb sich Duckwitz in die Geschichte der Besatzungszeit als der ‚gute Deutsche‘ ein, der an Dänemark und den Dänen hing und tat, was er konnte, um sie vor einem härteren Kurs der Besatzungsmacht zu bewahren", schreibt Kirchhoff.

Doch dieser Weg war nicht vorgezeichnet. So beginnt Duckwitz‘ politische Ausrichtung als rechtsradikaler Korpsstudent, schreibt Kirchhoff. 1932 tritt er der NSDAP bei, wird aber in den folgenden zwei Jahren desillusioniert. Dennoch bleibt er Parteimitglied, was ihm später, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, häufig vorgeworfen wird. Duckwitz selbst verteidigt sich damit, dass es eine unnötige Provokation gewesen sei, aus der Partei auszutreten. Da Quellen fehlen, die Auskunft darüber geben könnten, wie sich die politische Ausrichtung von Duckwitz Ende der 1930er Jahre entwickelt hat, bleiben viele Fragezeichen. Duckwitz‘ Biografie weise Unklarheiten und Ambivalenzen auf, schreibt Historiker Kirchhoff. Er stellt zugleich die Frage, ob es nicht diese Ambivalenz war, die erst dazu geführt hat, dass er überhaupt zu dieser Schlüsselfigur in der Geschichte werden konnte.

An Georg Ferdinand Duckwitz erinnert der Botschafter-Duckwitz-Platz in Bremen-Vegesack.

Autorin

  • Verena Patel Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 14. Juni 2021, 23:30 Uhr