Das "Titanic", das "Seute Deern": Werden Schiffe bald gegendert?

Ein schottisches Museum hat nach Protesten seine Schiffe "neutralisiert". Geht die Weiblichkeit auch im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven über Bord?

Alexander von Humboldt II
Es heißt DIE "Alexander von Humboldt", obwohl es DAS Schiff und der Namensgeber ein Mann ist.

Warum heißt es eigentlich DIE "Bounty", obwohl es doch DAS Schiff ist? Woher kommt diese Geschlechterzuordnung? Ist das gendertechnisch überhaupt noch zeitgemäß? Nach massiven Protesten "neutralisiert" ein Museum in Schottland nun Schiffe und verzichtet auf den weiblichen Genus. Eine traditionsreiche englische Marine-Fachzeitschrift tut dies schon seit 2002.

Wie sieht es damit hierzulande aus? Eine Nachfrage beim Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven.

Wie sind "weibliche Schiffe" historisch begründet?
Schiffe hatten bereits in der Antike weibliche Namen. Ihnen wurden Eigenschaften nachgesagt, die Frauen zugeschrieben wurden: Schönheit, mütterlicher Schutz in den Wogen der See. Aber auch eine gewisse Launenhaftigkeit, da es nicht immer einfach war, sie durch die Meere zu navigieren.
Thomas Joppig schaut im Porträt in die Kamera
Thomas Joppig vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven ist gendergerechte Sprache ein Anliegen, er sieht sie bei Schiffen als Herausforderung. Bild: FS Winkler
Das schottische Seefahrtsmuseum und die englische Fachzeitschrift "Lloyd’s List" neutralisieren Schiffe, "um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen". Inwiefern ist dieser Schritt nachvollziehbar?
Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Schiffe in der englischen Sprache eine deutlich auffälligere Sonderrolle haben als in der deutschen. Zwar sind Schiffe sowohl im Deutschen als auch im Englischen weiblich. Im Englischen ist das jedoch eine große Besonderheit, denn im angelsächsischen Sprachraum sind Gegenstände normalerweise geschlechtsneutral. Ein Schiff wird jedoch traditionell mit "she" statt mit "it" bezeichnet. Das ist deutlich ungewöhnlicher als in der deutschen Sprache, wo sich die Artikel "der", "die" oder "das" vor Gegenständen ohne erkennbare Systematik abwechseln – zum Leidwesen vieler Nicht-Muttersprachler.
Gibt es beim Deutschen Schifffahrtsmuseum ähnliche Überlegungen?
Gendergerechte Sprache ist auch uns als Museum ein Anliegen. Sie ist jedoch eine Herausforderung für die Gegenwart und darf die authentische Darstellung von historischen Quellen und Objekten nicht beeinträchtigen. Wir würden zum Beispiel auf keinen Fall historische Schiffe in unserem Museumshafen wie etwa die "Seute Deern" umbenennen. Denn auch der Name von Schiffen ist Teil ihrer Geschichte und Ausdruck ihrer einstigen gesellschaftlichen Wahrnehmung und Bedeutung.

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Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 21. Juni 2019, 23:30