Vom Geflüchteten zum Chef: So fand ein Bremer Maler seinen Nachfolger

Malermeister Ringe ist 72 Jahre alt, er sucht schon lange einen Nachfolger. Mit Saimir Haxhija hat er ihn gefunden. Der Geflüchtete soll die Nachfolge des Betriebs in Bremen sichern.

Saimir Haxhija bearbeitet eine Wand.
Saimir Haxhija hat große Pläne. Er will den Malerbetrieb in Bremen-Arbergen übernehmen, in dem er seine Ausbildung gemacht hat. Bild: Radio Bremen

 

Ein verschmitztes Lächeln im Gesicht und strahlend stolze Augen hat Saimir Haxhija, als er sein Gesellenstück präsentiert – Streichtechniken und Muster. Es hängt im Eingangsraum des Malereibetriebes von Rolf Ringe in Bremen-Arbergen. Im Sommer hat Saimir nach drei Jahren erfolgreich seine Ausbildung abgeschlossen und jetzt haben die beiden Männer einen Plan.

180.000 Handwerksunternehmen suchen Nachfolger*innen

Malermeister Ringe sucht mit seinen inzwischen 72 Jahren schon lange nach einem Nachfolger, der seinen Betrieb übernehmen will. Die beiden Töchter haben ihr eigenes Leben und kein Interesse an dem Familienbetrieb, den Ringes Vater 1949 gegründet hat. Nach Angaben der Handwerkskammern ist er damit bei weitem nicht allein. In den kommenden Jahren suchen deutschlandweit 180.000 Handwerksunternehmen Nachfolger*innen für eine Betriebsübernahme.

Saimir Haxhija
Saimir Haxhija kam 2015 nach Europa. Bild: Radio Bremen

So reifte der Plan, direkt an den Gesellenbrief die Meisterschule zu hängen. Seit Ende August paukt der 25-jährige Haxhija neben dem Vollzeitjob an zwei Abenden die Woche und am Wochenende im Kompetenzzentrums der Handwerkskammer Bremen Themen wie Buchhaltung, Unternehmensformen und Deutsches Steuerrecht. Das klappt ganz gut, nur manche Begriffe sind noch schwer für ihn zu verstehen, sagt Haxhija.

Das war kein Traumjob, das war so eine Glückssache am Anfang und mit der Zeit hat alles gut geklappt und das macht mir auch Spaß.

Saimir Haxhija

2015 ist Saimir Haxhija alleine wie viele andere Geflüchteten nach Deutschland gekommen. Sein Heimatland Albanien gilt als korrupt und als Armutshaus Europas. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt im Ausland, viele in den Nachbarländern Kosovo, Nordmazedonien oder Griechenland. In Deutschland sind mehr als 300.000 Albaner*innen auf der Suche nach einem besseren Leben. Viele versuchen sich so aus der Armut zu befreien. Bei ihm war das nicht so, sagt Haxhija. Er hatte einen guten Job in der Gastronomie.

Man hat immer so gesagt, in Deutschland kann man gut leben und ich wollte einfach nur probieren, was ich schaffen kann.

Saimir Haxhija

 

Ohne die deutsche Sprache geht es nicht 

Claudia Jacob vom Paritätischen Bildungswerk Bremen.
Claudia Jacob vom Paritätischen Bildungswerk Bremen half ihm Deutsch zu lernen. Bild: Radio Bremen

Der Anfang war nicht leicht, er konnte nicht arbeiten und hatte keinen Anspruch auf einen Sprachkurs. Ohne den geht es nicht, sagt Haxhija. Mit Hilfe von Büchern und deutscher Musik hat er versucht, die Sprache zu lernen. Eine Chance hat er durch Claudia Jacob vom Paritätischen Bildungswerk Bremen erhalten, die Geflüchteten bei der Integration hilft. Sie war es, die ihm erst einen achtmonatigen Deutschkurs besorgte und ihn dann mit Malermeister Ringe zusammen brachte. Bei einem Praktikum haben sich beide beschnuppert, geschaut, ob sie zueinander passen. Denn die Chemie zwischen Auszubildendem und Meister muss stimmen, das ist dem Malermeister wichtig. Ist der Lehrling dann noch fleißig und freundlich zu den Kunden, dann ist der Meister glücklich und der Lehrling in spe kann bleiben. Genau das hatte mit deutschen Auszubildenden in der Vergangenheit nicht geklappt. Deshalb und weil er Zugezogenen eine Chance geben will, hat sich Malermeister Ringe ganz bewusst für einen Geflüchteten als Lehrling entschieden. Er selbst hat sich nach seiner eigenen Ausbildung in der Schweiz als Handwerker versucht und weiß deshalb, wie schwer es ist, als Fremder in einem anderen Land zurecht zu kommen.

Wir hatten ja auch in den 60er/70er Jahren schon mit Gastarbeitern zu tun. Erst waren es die Italiener, dann die Spanier, dann die Portugiesen, die Jugoslawen, die Griechen, dann die Türken, dann kamen anschließend noch die Polen. Alles Mögliche kam. Wir sind in Deutschland abhängig von unseren Mitbürgern, die aus dem Ausland hier irgendwelche Arbeiten verrichten möchten.

Malermeister Rolf Ringe.
Malermeister Rolf Ringe

Und so haben sich beide durch anfängliche Sprachbarrieren gekämpft, sich mit Händen und Füßen geholfen, einander zu verstehen und planen jetzt die gemeinsame Zukunft. Geplant ist, dass Meisterschüler Saimir Haxhija nach bestandener Prüfung den Betrieb übernimmt und Malermeister Ringe dann als Angestellter bei ihm seine Rente aufbessert und ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. Eine Win-Win-Situation für Beide: Denn der rüstige 72-Jährige sucht schon lange einen Nachfolger. Für Saimir Haxhija ist das die Chance, in Deutschland zu bleiben und für seine kleine Familie eine Zukunft in Bremen aufzubauen. Wenn er dann selbst Malermeister ist und seinen eigenen Betrieb hat, will er die Tradition seines Chefs fortsetzen und ebenfalls anderen Geflüchteten eine Chance auf einen guten Job geben. 

Am Anfang ich hatte nichts, konnte nicht die Sprache und ich weiß wie das ist. Und deswegen, wenn ich mit der Zeit die Chance habe, egal, ob das ein Flüchtling oder egal, was das für ein Landsmann ist, wenn ich die Möglichkeit habe, eine Chance zu geben, werde ich das auf jeden Fall machen.

Saimir Haxhija

Der Bund bestimmt weiter allein über die Aufnahme von Geflüchteten

Video vom 18. September 2020
Der Innensenator der Berliner SPD Andreas Geisel im Bundesrat.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Katharina Guleikoff

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 12. Oktober 2020, 11:40 Uhr