Kommentar

Die Weser ist gefährlich, und das ist keine Panikmache!

Wer kann wirklich behaupten, dass er am Weserstrand jederzeit für die Sicherheit seines Kindes sorgen kann? Er selbst jedenfalls nicht, schreibt unser Redakteur Milan Jaeger.

Badende Menschen am Strand beim Café Sand an der Weser, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen.
Wie gefährlich das Baden in der Weser werden kann, machen sich die wenigsten bewusst.

Mein erster Gedanke nachdem der Schock über die traurige Nachricht etwas abgeklungen war: "Wie kann das denn sein?" Dass ein Kind am Café Sand in der Weser ertrinkt, erscheint mir im ersten Moment tatsächlich als ziemlich unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich. Zum Glück passiert es ja auch nicht oft, was den tödlichen Unfall von vergangener Woche nur um so tragischer erscheinen lässt.

Schnell bin ich in solchen Momenten dabei, andere wegen ihrer vermeintlichen Fahrlässigkeit in Gedanken vorzuverurteilen. Nach dem Motto: "Die Eltern haben bestimmt gemütlich ein Bier getrunken oder nur auf ihr Handy geguckt, statt ihr Kind im Blick zu behalten." Doch wenn ich in Gedanken all die Situationen durchgehe, die ich bisher in diesem Sommer mit meinem zweijährigen Sohn am Café Sand am Weserufer erlebt habe, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Es ist auf gut Deutsch ein Scheißgefühl. Ein Gefühl, das in mir eine Beklommenheit verursacht. Es sagt mir, dass im Prinzip keiner davor gefeit ist, solch ein schreckliches Ereignis erleben zu müssen.

Ein paar Sekunden Unaufmerksamkeit können reichen

Im Prinzip ist die Sache ja klar: Eltern müssen auf ihre Kinder achten und sie vor Gefahren schützen. Ganz generell. Am Wasser, zumal einem fließenden Gewässer gilt das ganz besonders und vor allem natürlich, wenn die Kinder noch nicht schwimmen können. Wenn ich ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass ich nicht ausschließen kann, in der Vergangenheit das ein oder andere Mal unaufmerksam gewesen zu sein. Und wenn es nur ein paar Sekunden waren. Im Zweifelsfall reicht das ja schon. Ein paar Sekunden, in denen das Kind von der Strömung mitgenommen wird, untergeht und nicht mehr zu sehen ist.

Was könnte mich alles dazu verleiten, den Blick für ein paar Sekunden von meinem Kind zu nehmen? Ein Flugzeug am Himmel, ein spektakulärer Ballwechsel auf dem Beachvolleyballfeld und – ja auch das – mein vibrierendes Handy. Es läuft doch immer wieder so: Einmal rumgedreht, ein Wort gewechselt oder eine Tasche in den Kofferraum gepackt, schon ist der Kleine ein paar Meter weit weg gelaufen. Was am Festland schon gefährlich werden kann, ist am oder im Wasser umso schwieriger zu kontrollieren. Das finde ich, sollten sich all jene, die in solchen Fällen allzu schnell Vorwürfe gegen die Eltern, Großeltern oder wen auch immer richten, ins Gedächtnis rufen. Zuallererst ich selbst.

Eltern und Freizeitschwimmer unterschätzen die Weser

Außerdem kommt ja noch etwas anderes zum Tragen. Viele Eltern, ich schließe mich hier mit ein, wollen ihren Kindern ja nicht mit ständigen Verboten, Ermahnungen und Belehrungen begegnen. Gehört es nicht zu einem entspannten Umgang mit seinem Kind dazu, dass man dieses auch einfach mal machen lässt? Zumal die Weser im Bewusstsein der Bremer ja viel mehr einem Planschbecken im Garten gleicht, als einem gefährlichen Gewässer, in dem man sterben kann. Hand auf's Herz: Wem ist klar, dass die DLRG generell und ganz besonders für Kinder, davon abrät am Café Sand in der Weser zu baden? Mir nicht. Es macht ja jeder. Und was jeder macht, kann doch nicht verboten sein.

Hier kommt der Haken: Das Baden in der Weser am Café Sand ist auch gar nicht verboten. Im Gegenteil: Es ist sogar ausdrücklich erlaubt, weil der Strand schon seit Ewigkeiten als Badestelle ausgewiesen sei, heißt es von der zuständigen Behörde. Trotzdem wird das Gebiet von der DLRG aber nicht überwacht. An dieser Stelle steige ich aus. Was denn nun? Entweder ist das Baden erlaubt und dann müsste die DLRG in meinen Augen auch vor Ort sein, oder es ist verboten.

Es ist ein bisschen wie auf der Autobahn

So aber setzt ein gefährlicher Gewöhnungseffekt ein: Je häufiger ich in der Weser geschwommen bin und keinerlei Probleme mit der Strömung hatte, desto ungefährlicher erscheint sie mir. Und wenn mein Sohn in einiger Zeit tiefer rein will ins Wasser, könnte ich die Gefahr unterschätzen. Zumal am Café Sand in meinen Augen nicht prominent genug auf die Gefahren hingewiesen wird. Außerdem frage ich mich als völlig ungeübter Feierabendschwimmer, der noch nie mit gefährlichen Strömungen in Kontakt gekommen ist, schon auch irgendwie, wie man von einer solchen unter die Wasseroberfläche gezogen werden kann.

Es ist ein bisschen wie auf der Autobahn: Auch wenn ich noch nie auf einer Rennstrecke war, fahre ich, wenn es die Verkehrslage zulässt und erlaubt ist, auch mal Tempo 200. Völlig ahnungslos, wie leicht ein Fahrzeug bei hohem Tempo ausbrechen kann oder was ich tun muss, um in einer solchen Situation die Kontrolle zu behalten. Sicherheitsgurt und Airbag bieten mir hier wenigstens einen minimalen Schutz. In der Weser habe ich weder das eine noch das andere. Und ich behaupte: Wie mir geht es den meisten.

So, und jetzt hoffe ich, dass mich meine Frau noch allein mit unserem Sohn an den Bremer Weserstrand gehen lässt. Ich werde ihr natürlich versprechen, jetzt ganz bestimmt noch viel besser aufzupassen. Und dann wird es wieder in mir hochsteigen, dieses Gefühl der Beklommenheit.

  • Milan Jaeger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 2. August 2018, 17 Uhr