Kommt der Gedenkort für die Bremer Brechmittel-Opfer?

Eine Kundgebung erinnerte Dienstag an Laye-Alama Condé, der vor 15 Jahren nach einem Brechmitteleinsatz starb. Eine Initiative fordert einen Gedenkort – nicht nur für ihn.

Ein Holzsockel ist zu sehen. Er trägt die Aufschrift: "Gedenkort für Laye Condé und die zwangsweise Brechmittelvergabe in Bremen".
Seit einigen Jahren stellt die Initiative in Gedenken an Laye Alama Condé ein mobiles Mahnmal in Bremen-Mitte auf. Bild: Radio Bremen

Es ist kurz nach Mitternacht, am 27. Dezember 2004, als Laye-Alama Condé an der Sielwallkreuzung festgenommen wird. Der aus Sierra Leone stammende 35-Jährige hat Asyl in Deutschland gesucht. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme besitzt er lediglich eine Duldung. Die Beamten wollen gesehen haben, wie er etwas herunterschluckt, und denken, es seien in Plastik eingewickelte Kokain-Kügelchen. Sie bringen ihn zum Polizeipräsidium in der Vahr. Damit er die vermuteten Drogen ausspuckt, werden ihm gegen seinen Willen ein Brechmittel und mehrere Liter Wasser verabreicht.

Condé spricht kaum Deutsch und kann sich mit den Polizisten nur schwer auf Englisch verständigen. Er verweigert die Einnahme des Brechmittel-Sirups. Seine Füße werden mit Kabelbinder fixiert, die Hände mit Handschellen. Er wehrt sich gegen die Einführung der Magensonde durch die Nase, die Beamten halten ihm den Kopf gegen die Stuhllehne fest.

Ein Verstoß gegen das Folterverbot

Obwohl er sich mehrmals erbricht, nur schwer atmen kann und nicht mehr ansprechbar ist, wird die Prozedur vom Arzt fortgesetzt. Er denkt, dass Condé eine Ohnmacht simuliert. Das Verfahren dauert über eine Stunde. Erst als der Mann ins Koma fällt, wird er ins Krankenhaus St.-Joseph-Stift gebracht. Elf Tage später stirbt Condé. Als Ursache wird "cerebrale Hypoxie als Folge von Ertrinken nach Aspiration bei forciertem Erbrechen" angegeben. Durch die Prozedur ist Wasser in seine Lunge gelangt, der dadurch entstandene Sauerstoffmangel hat das Hirn geschädigt. Fünf Kügelchen Kokain sind insgesamt aus seinem Körper entnommen worden.

Anderthalb Jahre nach dem Tod Condés hat der Europäische Gerichtshof die zwangsweise Brechmittelvergabe als "unmenschliche und erniedrigende Behandlung" eingestuft, die gegen das Folterverbot verstößt. Die Praxis wurde eingestellt, doch Aktivisten bemängeln, dass eine adäquate Entschädigung der Opfer ausgeblieben sei.

Kundgebung findet vor dem Gerhard-Marcks-Haus statt

In diesem Jahr fand eine Gedenkkundgebung vor dem Gerhard-Marcks-Hauses statt. Ein "mobiler Gedenkort" wurde dabei von der "Initiative in Gedenken an Laye Alama Condé" aufgestellt. Er soll dort sechs Wochen bleiben und dann an weitere Orte in der Stadt gebracht werden. Der Direktor des Museums, Arie Hartog, sagt dazu: "Es ist der Initiative gelungen, mit dem Gedenkort Öffentlichkeit und Bewusstsein in dieser Stadt zu schaffen."

Heute besteht ein Konsens darüber, dass der Einsatz von Brechmitteln abgelehnt wird. Der Ort lässt aber auch über selbstverständliche alltägliche rassistische Gewalt nachdenken. Es tut einer Gesellschaft gut, daran zu erinnern, was hier falsch war und ist.

Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses

Initiative: Es geht nicht nur um Condé

Die Initiative fordert seit Jahren einen Gedenkort in Bremen. Dabei solle es nicht um die persönliche Lebensleistung Condés gehen, sagt Sprecherin Gundula Oerter, sondern um "ein würdevolles Gedenken an ihn als Person und an die Umstände" seines Todes sowie "an die vielen anderen Betroffenen der Brechmittelfolter in Bremen". Zwischen 1992 und 2004 soll in mehr als 800 Fällen eine Brechmittelvergabe im Zusammenhang mit vermuteten Drogendelikten stattgefunden haben, wie aus einer Antwort des Senats im April 2005 hervorgeht. In wie vielen davon der Einsatz gegen den Willen des Inhaftierten erfolgte, ist unklar. Die Initiative geht davon aus, dass sich die Zahl zwischen 60 und 180 bewegt.

Doch der Initiative geht es nicht nur um die mittlerweile verbotene Praxis. "Wir wollen bei der heutigen Gedenkveranstaltung auch die rassistische Gewalt thematisieren, die zum Beispiel im Polizeigewahrsam oder in Psychiatrien stattfindet, wie einige Fälle der vergangenen Jahre zeigen", sagt Oerter. Sie erwähnt unter anderem das Hamburger Opfer des Brechmitteleinsatzes, Achidi John, sowie den 2005 in seiner Zelle in Sachsen-Anhalt verbrannten Oury Jalloh.

Koalition unterstützt einen Gedenkort, die Form ist aber noch unklar

Vor einigen Jahren hatte sich der jetzige Polizeipräsident Lutz Müller für den Tod Condés entschuldigt. Auch die damaligen Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Justizsenator Henning Scherf (SPD) haben mittlerweile Reue gezeigt. Von der Initiative wird jedoch kritisiert, dass die anderen Opfer der damaligen Brechmittelvergabe bislang weder eine Entschädigung noch eine persönliche Entschuldigung erhalten haben.

Die rot-grün-rote Regierungskoalition hat jetzt die Einrichtung eines Gedenkortes im Koalitionsvertrag festgelegt. Wann und wie das konkret aussehen soll, ist momentan noch offen.

Die Koalitionspartner sprechen sich anlässlich des Todes von Laye-Alama Condé am 7. Januar 2005 in Folge zwangsweise verabreichter Brechmittel im Polizeigewahrsam für die Errichtung eines Gedenkortes aus, um daran zu mahnen, dass niemand in polizeilicher Obhut nachhaltig zu Schaden oder ums Leben kommen darf.

Auszug aus dem Regierungskoalitionsvertrag für die Wahlperiode 2019-2023

Kai Wargalla, Grünen-Fraktionssprecherin für Kulturpolitik, sagt dazu: "Wir bereiten gerade einen Antrag vor. Der sollte aber dann an die Beiräte gehen." Die Entscheidung liege letztendlich bei den Stadtteilparlamenten, eventuell unter Einbezug der Initiativen. Wichtig sei jedoch, dass die Koalition sich darauf geeinigt habe, das Vorhaben zu unterstützen. Zum Thema Diskriminierung sagt die Abgeordnete, Condé stehe für ein größeres Problem.

Der SPD-Abgeordnete Arno Gottschalk findet hingegen, die Frage nach der Form des Denkmals müsse zuerst in der Bürgerschaft geklärt werden. "Dieser Prozess muss noch beginnen", sagt er. Es dürfe nicht passieren, dass das Denkmal als Mahnmal für einen Dealer missverstanden werde. "Es geht um ein Mahnmal, das zeigt, dass so etwas nicht mehr passieren darf, dass jemand in polizeilichem Gewahrsam stirbt oder schwer verletzt wird." Die Bremer Linke-Fraktion hat ebenfalls kürzlich für die Errichtung eines Gedenkortes plädiert – sogar binnen eines Jahres.

CDU lehnt Denkmal für Condé ab

Anders sieht es die Bremer CDU-Fraktion. "Wir finden es gut, dass die Brechmittelvergabe abgeschafft wurde. Was passiert ist, war schrecklich", sagt der innenpolitische Sprecher, Marco Lübke. Ein Denkmal für Condé lehne die Fraktion trotzdem ab.

Es hätte nicht passieren dürfen, aber Condé war ein Drogendealer, schwerkriminell, und ein Denkmal halten wir für falsch.

Marco Lübke, innenpolitischer Sprecher der Bremer CDU-Fraktion

Über die Idee eines allgemeinen Gedenkortes für die Opfer der Brechmittelvergabe habe man sich noch keine Gedanken gemacht. "Man muss schauen, wie er konkret aussieht", so Lübke.   

Die Initiative hatte vor einigen Jahren einen Vorschlag eingereicht. Eine Audiosäule mit Aufnahmen von Opfern der Brechmittelvergabe sowie der Rekonstruktion des Todes Condés und vier Stühle aus Westafrika. Einer davon umgeworfen – ein Symbol für den Tod Condés. Auf den Stühlen sollten sich Menschen hinsetzen und diskutieren können. "Wir halten aber nicht daran fest und beteiligen uns auch gerne an einer öffentlichen Ausschreibung", sagt Oerter.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Januar 2020, 19:30 Uhr