Interview

Gärtnern fürs Wohlbefinden? Das rät eine Therapeutin aus Thedinghausen

Susanne Büssenschütt erklärt den Blütenaufbau
Susanne Büssenschutt nutzt Gärten, um Menschen zu helfen. Bild: Susanne Büssenschütt

Susanne Büssenschütt hat ein Herz für Pflanzen und Menschen. Die Gartentherapeutin hilft Menschen mit psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen.

Frau Büssenschütt, kann das Gärtnern heilen?
In meiner Arbeit würde ich nicht von Heilen sprechen, aber von Therapieren. Einerseits gebe ich Kurse zum Thema Gartentherapie, andererseits gestalte ich Gärten und arbeite mit Senioren, Kindern und Jugendlichen. Mit Menschen, die zum Beispiel an Burnout oder Depressionen leiden, mit Demenzkranken und Schlaganfall-Patienten. In der Gartentherapie werden Gärten genutzt, um Menschen Lebensqualität zu geben oder um Fähigkeiten zu trainieren.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Wir nutzen die Natur, um etwas Sinnhaftes zu machen. Bei Parkinson-Patienten beginnen Arme und Beine zu zittern. Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, kämpfen unter anderem auch häufig mit einer Sensibilitätsstörung in den Händen. Wichtig ist es in diesen Fällen, die Feinmotorik zu trainieren. Das geht zum Beispiel indem man sie Kräutersträußchen pflücken lässt und die Blätter für einen Tee abzupfen lässt. Die Menschen merken durch solche sinnhaften Aufgaben kaum, dass sie therapiert werden. Und Alltagsfähigkeiten bleiben möglichst lange erhalten.
Ob nun mit beiden Händen in der Erde oder mit den Fingerspitzen im Kräuterbeet: Warum tut das Werkeln im Garten so gut?
Corona hat deutlich gemacht, dass wir die Natur brauchen, um zu entspannen, um ruhig zu werden und zu regenerieren. Andererseits fordert ein Garten auf, etwas zu tun und zu beobachten. In der Natur sinkt nachweislich der Blutdruck und der Puls, Aufenthalte im Garten sind also stressmindernd.
Also Rückzugsort und Abenteuer-Spielplatz in einem?
Ja! Sinneseindrücke wie Riechen, Schmecken, Hören, Fühlen werden gefördert, ebenso Feinmotorik, körperliche Ausdauer und Selbstbestätigung. Kinder können spielerisch an das Thema Natur herangeführt werden, Jugendliche lassen sich über das Thema Ernährung und selbst gebaute Paletten-Möbel für die Chill-Ecke motivieren. Bei Senioren spielt die Biografiearbeit und das Gedächtnistraining eine große Rolle. Das Pflanzen-Wissen dieser Menschen ist oft groß. Früher spielten Gärten noch eine andere Rolle. Es ging nicht nur um ein paar Hochbeete und schöne Stauden, sondern darum, die Familie zu ernähren. Wenn man sie beispielsweise zur Kohlanzucht befragt, kommen ihnen Erinnerungen und Gartentipps in den Sinn. Ich mache diese Arbeit nun seit zehn Jahren und bin von der therapeutischen Arbeit begeistert, weil es so unverfälscht ist. Man kann es fast überall machen, braucht nur geringe finanzielle Mittel und Natur gibt es fast überall.
Sie sind nicht nur Gartentherapeutin, sondern auch Floristin. Wie sieht eigentlich Ihr Garten aus?
Unser Garten ist 12.000 Quadratmeter groß und darin gibt es einen Gemüsegarten, wilde und gestaltete Bereiche, einen Schattengarten, einen Waldgarten und einen großen Teich. Es ist kein Therapiegarten im klassischen Sinne, wie ich ihn in einer Rehaklinik vorfinde. Es ist ein Garten, wo man viele Dinge findet, denn ich nutze gerne Bespiele in meinen Kursen und inspiriere mit gestalteter Natur.
Da haben Sie einen sehr vielfältigen Garten. Hatten Sie schon immer einen grünen Daumen?
Ich bin in der Schweiz aufgewachsen. Meine Oma hatte einen tollen Selbstversorger-Garten mit vielen Blumen und mit Blick in die Berge. Dort habe ich viel mitbekommen. Eigentlich wollte ich schon früh Floristin werden, machte dann aber eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete später bei Caritas Bremen als Pflegemanagerin. Dabei habe ich oft gedacht, dass optische Reize in den Gärten fehlen, um die Menschen vom Innen ins Außen zu locken. Die Gärten sind in den Bremer Einrichtungen, aber ich war der Meinung, dass das mehr genutzt werden sollte. Da ich schon immer eine Gartenleidenschaft hatte, habe ich recherchiert und eine Ausbildung zur Gartentherapeutin gefunden und absolviert.
Dann haben Sie angefangen, Gärten umzugestalten?
Ja, der erste war der im Caritas Stadtteilzentrum St. Michael in Bremen. Dort habe ich vor zwölf Jahren mit den Bewohnern, Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen einen Demenzgarten angelegt und danach die Mitarbeiter angeleitet, wie sie ihn mit den Bewohnern nutzen können. Einen Garten zu haben reicht nicht, auch die Mitarbeiter müssen herangeführt werden und wissen, was man mit den Dingen machen kann. Später habe ich den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Die Ausbildung zur Floristin habe ich dann auch nachgeholt und mit 48 Jahren abgeschlossen.
Was raten Sie grundsätzlich bei der Gartengestaltung?
Man sollte den Garten so gestalten, dass man sich wohl fühlt. Man sollte sich nicht übernehmen und nur das wählen, was einem von Herzen gut tut. Das ist wichtig, dann pflegt man es gerne und es tut gut. Dabei sollte man natürlich auf eine standortgerechte Auswahl achten, um die Pflege der Pflanzen zu erleichtern.

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 10. Juni 2021, 18:05 Uhr