Alles verloren: Familie erholt sich in Bremerhaven von Flutkatastrophe

Opfer der Hochwasserkatastrophe erholen sich in Bremerhaven

Video vom 28. Juli 2021
Fünf Personen sitzen auf einem Sofa.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Die Flutkatastrophe hat ihnen alles genommen. Doch dank der Hilfe engagierter Bremerhavener können eine Mutter und ihre Töchter nun an der Küste etwas durchatmen.

Als die Wassermassen kamen und das Chaos ausbrach, mussten Mutter Angelika Hommes und die Schwestern Aurelia und Amalia Hals über Kopf fliehen. Ihr Zuhause in Bad Neuenahr-Ahrweiler gab es danach nicht mehr, ihre Heimatstadt liegt in Trümmern. Allein in Rheinland-Pfalz sind 134 Menschen ums Leben gekommen. Als das Wasser in die Wohnung der Familie eindrang, konnte die Mutter gerade noch die Kinder wecken und die Katze mitnehmen. Am Auto standen bereits die Fluten. Während die Flucht gerade noch gelang, schaffte es eine Nachbarin nicht mehr und musste gerettet werden. In der Nachbarschaft ertranken zwei Kinder in einem Auto, erzählt Hommes.

Wie im Erdbebengebiet sieht es da aus. Es ist alles kontaminiert. Man soll Masken tragen, weil der Staub giftig ist. Man hat jetzt Angst, dass Seuchen ausbrechen, weil die Bevölkerung noch nicht mit Wasser und Strom versorgt ist, nur Teile die etwas weiter weg vom Geschehen sind.

Angelika Hommes, Flutopfer

Von der Erdgeschosswohnung der Familie ist praktisch nichts übrig, 1,80 Meter hoch stand darin das Wasser. Seit Sonntag sind Hommes und ihre sieben und neun Jahre alten Töchter nun in einer Ferienwohnung in Bremerhaven-Suhrheide untergekommen – und können erstmals seit Tagen innehalten, sich von den schrecklichen Erlebnissen ablenken. Möglich macht das die private Initiative "Bremerhaven und umzu hilft".

Hilfstransporte aus Bremerhaven ins Katastrophengebiet

Ein Mann mit Bart und Brille steht in einem Lager.
Lars Harms koordiniert die Bremerhavener Hilfe im Katastrophengebiet. Bild: Radio Bremen

Er habe eigentlich nur vor gehabt, ein paar Hilfsgüter nach Ahrweiler zu bringen, sagt Lars Harms. Doch die Spendenbereitschaft sei so enorm gewesen, dass die Aktion richtig groß wurde. "Mich hat gestört, dass es so schleppend voran gegangen ist", so der THW-Mitarbeiter – bei allem Verständnis für die Größe der Lage. "Ich habe dann irgendwann gesagt, jetzt müssen wir selbst tätig werden." Mittlerweile hat die Initiative bereits acht Lkw in das Krisengebiet geschickt. "Natürlich ist es auch stressig, was wir da unten gesehen haben", sagt Harms. "Die Leute brauchen wirklich ganz dringend diese Hilfe und ihre Dankbarkeit ist einfach grandios."

Wenn man so etwas erlebt hat, braucht man mal etwas anderes. Und dafür ist die Nordsee am besten. Man setzt sich an den Deich, die Sonne geht unter und man kann den Kopf ausschalten.

Lars Harms, Helfer

Über fünf Ecken sei schließlich die Vermittlung des Zufluchtsorts für Angelika Hommes und die Schwestern zustande gekommen. Das Haus haben Ali Kocaslan und Maria Fernandes Dos Santos innerhalb der Bremerhavener Initiative für Menschen angeboten, die alles verloren haben. Vor Ort wurde ein Kontakt geknüpft und die Familie eingeladen. Das Paar wollte die leerstehenden Zimmer ursprünglich als Wochenendwohnung nutzen oder vermieten.

Bremerhavener wollten sofort helfen

"Dann ist die Katastrophe passiert und wir waren uns direkt einig, das Haus zur Verfügung zu stellen", sagt Kocaslan. "Wir arbeiten sehr viel und hart, aber wenn wir irgendwo unterstützen können, machen wir das", fügt seine Partnerin hinzu. "Uns wurde nichts in den Schoß gelegt, wir mussten letztes Jahr zwei Filialen schließen." Nun hätten sich die Geschäftsleute, die einen Lagerverkauf betreiben, so weit stabilisiert, dass sie anderen helfen können.

Eine Frau und zwei Kinder sitzen nebeneinander.
Mutter Angelika Hommes und die Schwestern Aurelia und Amelia. Bild: Radio Bremen

Hommes ist froh erstmal aus dieser furchtbaren Situation und Umgebung heraus zu sein. "Hier zu sein ist unglaublich toll", sagt die Mutter. "Vor allem für die Kinder." Sie selbst sei nicht wirklich in Urlaubsstimmung, aber den Töchtern tue es gut. "Die haben so viel verloren, mussten mit ansehen, wie ihr Spielzeug auf den Müll geflogen ist", sagt sie. "Die brauchen dringend ein bisschen Abwechslung." Inzwischen hätten sie viel Kleidung und Spielzeug geschenkt bekommen. "Ich bin so dankbar. Es ist einfach überwältigend, was man hier erlebt", sagt Hommes.

Wir haben zwar alles verloren, aber wir leben. Und das ist für uns das Allergrößte. Alles ist irgendwie ersetzbar, aber das Menschenleben halt nicht.

Angelika Hommes, Flutopfer

Für die große Hilfsbereitschaft finde sie kaum Worte. "Ich habe gleichzeitig aber auch ein schlechtes Gewissen, dass ich jetzt hier bin, wo so viele noch im Dreck wühlen." Ein bis zwei Wochen wollen Angelika Hommes, Aurelia und Amalia noch in Bremerhaven bleiben. Dann geht es in eine Ferienwohnung in die Eifel. Langfristig soll ihre Wohnung wieder hergestellt werden. "Aber ganz ehrlich glaube ich nicht, dass wir dorthin zurückkehren", sagt die Mutter. Sie weiß nicht, ob sie sich dort noch einmal sicher und wohl fühlen könnten.

Helfer Harms würde am liebsten noch viel mehr Betroffenen auf diesem Wege helfen. "Ich würde ganz Ahrweiler hier aufnehmen, wenn ich den Platz hätte", sagt er. "Damit die Leute ein bisschen runterkommen können." Dass dies für sie möglich ist, bedeutet Hommes viel. Sie habe einfach Glück gehabt, diese Chance bekommen zu haben, ist sich die Mutter sicher. Und der Moment, in dem sie all das Erlebte realisiere, stehe ihr wohl noch bevor.

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Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juli 2021, 19:30 Uhr