"Wie wohnt man in diesem Land?" – Hilfe für Geflüchtete in Bremen

Grauhaarige Frau mit Brille legt strahlend ihre Hand auf die Schulter eines jungen, offenbar südländischen Mannes mit Bart
Wie Mutter und Sohn: Petra und Ahmad. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Um bei uns Tritt zu fassen, brauchen Geflüchtete Hilfe. Doch es gibt zu wenig Mentoren. Dabei kann das Engagement viel Freude machen. Ein Beispiel zum Weltflüchtlingstag.

Rund 80 Millionen Menschen sind am heutigen 20. Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen auf der Flucht. Durch die Corona-Pandemie hat sich die ohnehin kritische Situation vieler zusätzlich verschärft. Auch Geflüchtete im Land Bremen leiden unter den Folgen der Seuche. Wegen der Kontaktbeschränkungen sind viele Sprach- und Integrationskurse monatelang weitgehend ausgefallen, die Wohnungssuche gestaltet sich seit Corona noch schwieriger als sonst.

Hinzu kommt: Der Mangel an ehrenamtlichen Begleitpersonen ist seit Ausbruch der Seuche größer geworden. So ist die Zahl der neuen Mentorinnen und Mentoren, die junge Geflüchtete begleiten, beim gemeinnützigen Fluchtraum Bremen im Jahr 2020 und rund 50 Prozent gegenüber den Vorjahren zurückgegangen. Dabei sei es nicht nur für die Flüchtlinge wichtig, Menschen zu finden, die ihnen dabei helfen, sich bei uns zurechtzufinden, sagt Hannah Dehning vom Fluchtraum Bremen. Auch für die Mentorinnen und Mentoren sei das Engagement oft ein großer Gewinn in ihrem Leben. Davon zeugt die Geschichte Petras und Ahmads.

Wie Mutter und Sohn

Eine Familienfeier ohne Ahmad? Das kann sich Petra Goosmann-Karsten nicht mehr vorstellen. "Ahmad gehört dazu. Immer, wenn uns etwas wichtig ist, ist er dabei", stellt sie klar.

Knapp sechs Jahre ist es her, da lernte die Architektin aus Bremen den damals 16-jährigen gebürtigen Afghanen kennen: bei einem Treffen, das der Fluchtraum Bremen eingefädelt hatte, um minderjährige Geflüchtete mit möglichen Mentoren bekannt zu machen. Petra wurde Ahmads Mentorin. Später übernahm sie auch die Vormundschaft des Jungen, der die meiste Zeit seines Lebens im Iran verbracht hat. Heute sind Petra und Ahmad wie Mutter und Sohn.

"Ich würde mich sofort wieder für diese Mentorenschaft entscheiden", sagt Petra. Zum einen, weil ihr Ahmad sehr ans Herz gewachsen sei. Zum anderen, weil sich ihr Horizont durch ihr Ehrenamt erheblich erweitert habe: "Ich wusste vorher nichts über die persische Kultur. Und das, obwohl ich doch so neugierig bin! Inzwischen koche ich nur noch persischen Reis", sagt sie beispielhaft.

"Wie wohnt man in diesem Land?"

Doch nicht nur über die Kultur Persiens habe sie in den vergangenen sechs Jahren viel erfahren. Auch das deutsche Rechts- und Wertesystem schätze sie nun umso mehr: "Wie frei unser Leben doch im Vergleich zu dem im Iran ist!", schwärmt die Mentorin, fügt aber sofort hinzu: "Die deutsche Gesellschaft ist in sich geschlossen. Wer hierher kommt, braucht Hilfe, um Zugang zu finden."

Um welche Hilfestellungen es dabei konkret geht – das hat sie durch die Begleitung Ahmads gelernt: "Wie wohnt man in diesem Land? Wie bedient man eine Waschmaschine? Warum sollte man schmutzige Sportklamotten nicht eine Woche in der Tasche liegen lassen?" - All dies habe sie Ahmad nach und nach beigebracht, wie einem eigenen Sohn: "Es war nicht immer einfach. Natürlich haben wir uns auch mal gestritten. Aber das gehört in jeder Familie dazu", findet Petra.

"Kann sie immer fragen, wenn ich etwas nicht weiß"

Tatsächlich fallen auch Ahmad zuerst die Worte "Familie" und "Mutter" ein, wenn er über sein Verhältnis zu Petra spricht. "Ich kann sie immer fragen, wenn ich etwas nicht weiß", sagt er. Und genau von dieser Option habe er vom ersten Tag an reichlich Gebrauch gemacht. Wohl nur deshalb stehe er heute so gut da, sagt Ahmad.

Seit August 2020 macht er eine Ausbildung zum Elektriker, die ihm viel Freude bereitet. Den schulischen Teil seines Fachabiturs hat er bereits bestanden – nicht zuletzt dank Petras Hilfe: "Sie hat ganz viel mit mir geübt, vor allem Wirtschaft und Deutsch", blickt er zurück.

Teil der Gesellschaft

Am höchsten aber rechnet Ahmad seiner Mentorin an, dass sie ihm beigebracht habe, wie die Menschen in Bremen und in Deutschland ticken, und wie er mit ihnen ins Gespräch kommen könne. Ahmad versteht es, sich in Bremen mit Deutschen zu vernetzen. Und das sei nicht selbstverständlich, findet er. Viele andere Geflüchtete täten sich damit schwer. Hätten auch sie eine Mentorin oder einen Mentor, fiele es ihnen vermutlich leichter, in der bremischen Gesellschaft anzukommen, glaubt er.

Ahmad sieht sich inzwischen als Teil der bremischen Gesellschaft. "Ich fühle mich hier wohl", sagt er. Neben seiner Ausbildung jobbt er. Sofern Corona es gerade zulässt, spielt er zudem viel Fußball: sowohl im Verein als auch in einer Freizeitmannschaft. Wenn dann noch Zeit bleibt, sieht Ahmad gern den Profis beim Fußball zu, allerdings nicht allein, sondern unter Leuten, am liebsten in einer Kneipe, zusammen mit Petras Mann Uwe. Mit ihm tauscht er sich obendrein in einer Tippgruppe über Fußball aus.

"Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Familie kennengelernt habe", sagt Ahmad. Er wünsche sich, dass bald wieder mehr Geflüchtete in Bremen ähnlich viel Glück hätten wir er 2015, als er Petras Mentee wurde.

Zehn Mentees warten auf Bremer Mentoren

Wer mit dem Gedanken spielt, die Mentorenschaft eines jungen Geflüchteten zu übernehmen, wird im Fluchtraum Bremen offenen Armes empfangen. Derzeit stünden etwa zehn Geflüchtete auf der Warteliste für eine Mentorin oder einen Mentor, teilt Hannah Dehning mit. Dehning berät Interessierte ausführlich in einem Erstgespräch: "Wir erwarten keine Expertinnen und Experten, sondern Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, offen und empathisch sind", skizziert sie das Anforderungsprofil. Weitere Informationen stehen auf dieser Website.

Was bedeutet die Corona-Krise für Geflüchtete in Bremen?

Video vom 20. Juni 2021
Eine Frau in Kopftuch und ein Mann, der neben ihr sitzt, führen ein Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Juni, 19.30 Uhr