Senatorin ehrt Flüchtlingshelfer – und verärgert sie

Mit einem Festakt hat Bremens Sozialsenatorin Stahmann ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gewürdigt. Nicht alle freuen sich – einige sagen: Die Behörde behindere ihre Arbeit.

Zwei junge geflüchtete Frauen sitzen an einem Tisch und schreiben etwas auf.
Minderjährige Flüchtlinge dürften nicht zur Schule, kritisieren Flüchtlingshelfer in Bremen. (Symbolbild) Bild: DPA | Britta Pedersen

In der Oberen Rathaushalle hat Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) am Donnerstagabend Bürgerinnen und Bürger gewürdigt, die sich in der Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit engagieren. Laut Stahmann machen sie Bremen zu einer lebenswerten Stadt für Menschen aus aller Welt. "Unterstützung bei Behördengängen oder beim Ausfüllen von Formularen, gemeinsamer Sport, die unverbindliche Begegnungen in Sprachcafés oder die ganz verbindliche Aufnahme eines unbegleiteten Minderjährigen", spielten eine besondere Rolle bei der Integration, so die Senatorin.

Doch nicht alle der 350 Gästen waren über die Einladung erfreut. Andrea Munjic ist Kulturmanagerin in Gröpelingen und setzt sich im Verein "Fluchtraum" für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge ein. Seit zwei Jahren betreut sie dort als Mentorin ehrenamtlich junge Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind. Munjic ist verärgert über die Behörden und fordert ein Umdenken.

"Jugendlichen werden Rechte verwehrt"

Andrea Munjic
Andrea Munjic fühlt sich von der Sozialebehörde in ihrer Arbeit behindert. Bild: Johanna Ahlert

Freiwilligen Helferinnen wie sie würde die Arbeit nur unnötig schwer gemacht, sagt Munjic. "Für viele Jugendliche aus der ehemaligen Unterkunft in der Gottlieb-Daimler-Straße gibt es nach wie vor keine Perspektive", so die Helferin weiter. Die Unterkunft in Oslebshausen war nach Protesten der Bewohner im Oktober vergangenen Jahres geschlossen worden. Jetzt würden den Jugendlichen "einfach Rechte verwehrt, wie eine Wohnung und Bildung, und das, obwohl sie schon so lange in Bremen sind." Für Munjic sind die Menschen, um die es geht, Minderjährige, die unter dem Schutz der Jugendhilfe stehen und zur Schule gehen müssten.

Die Sozialbehörde weist die Kritik zurück. Diese sei "maßlos und sachlich größtenteils falsch", sagt Sprecher Bernd Schneider. Das Recht auf staatliche Schulbildung stehe jedem Minderjährigem in Deutschland zu. Das Recht auf eine Wohnung sei zudem an einen legitimierten Aufenthalt nach dem Aufenthaltsgesetz gebunden, so Schneider weiter. Doch die ehemaligen Bewohner der Unterkunft in der Gottlieb-Daimler-Straße seien "keine Jugendlichen, sondern junge Erwachsende, die angeben, minderjährig zu sein". Viele von ihnen seien 25 Jahre oder älter. Sollte ein Antragsteller im Verfahren rückwirkend als minderjährig anerkannt werden, würde er einen Schulplatz bekommen.

Zudem handelt es sich laut Sozialressort überwiegend um junge Männer aus den Ländern Westafrikas. Menschen aus diesen Herkunftsländern hätten in der Regel aus gesetzlichen Gründen kaum Chancen, in Bremen zu bleiben. Daran müsse sich die Behörde halten.

Streit um Altersuntersuchungen

Wie alt die Bewohner sind, darüber wird seit langem gestritten. Munjic meint, die Sozialbehörde sollte dabei ihre Spielräume nutzen: "Statt auf fragwürdige Altersuntersuchungen zu setzen, könnte sie in Zweifelsfällen zugunsten der Jugendlichen entscheiden. Leider wird stattdessen auf Volljährigkeit beharrt, selbst wenn es Geburtsurkunden, Schulunterlagen oder andere Hinweise auf Minderjährigkeit gibt."

Auch den Vorwurf der fragwürdigen Altersuntersuchungen weist die Behörde als "haltlos" zurück. Die Praxis der Altersfeststellung sei durch Gerichtsverfahren bestätigt. Pressesprecher Bernd Schneider räumt ein: "Problematisch ist allenfalls, dass es eine objektive Feststellung nicht gibt. Medizinische Verfahren lassen aber die Abschätzung eines Mindestalters zu."

Doch das Verfahren ist umstritten. So lehnt die Bundesärztekammer die Untersuchungen ab. Sie seien aufwendig, teuer und mit großen Unsicherheiten belastet. Die Ethikkommission der Bundesärztekammer fordert, dass bei nicht auszuräumenden Zweifeln am Lebensalter zu Gunsten des Betroffenen entschieden werden solle.

Helfer stoßen an persönliche Grenzen

Zurück zum Fall von Munjic. Bei ihrem Zögling habe das Verfahren dann so lange gedauert, bis er schließlich nach dem von ihm angegebenen Geburtsdatum tatsächlich volljährig war. Munjic sagt, sie stoße bei ihrer Arbeit als Mentorin in den Behörden ständig auf Widerstände.

Eine Einschätzung, die auch Anna Schröder teilt. Sie ist wie Munjic im Verein Fluchtraum aktiv und berät Menschen in Asylverfahren. Schröder sagt: "Das ist kein Einzelfall. Wir begleiten viele solche Jugendliche."

Mentorinnen und Mentoren stoßen manchmal an psychische Grenzen, weil sie die Situation nicht aushalten und Schwierigkeiten mit den Behörden haben."

Anna Schröder, Verein Fluchtraum

Auch an Munjic ist ihr Engagement nicht spurlos vorbeigegangen. Sie sagt: "Ich engagiere mich gerne. Die Arbeit ist eine unglaubliche Bereicherung für mich, aber sie belastet mich auch stark." Als Mentorin sei sie für ihre Zöglinge ständige Ansprechpartnerin. Tag und Nacht. "Einige sind inzwischen meine Freunde geworden. Die Ungewissheit ist für mich ein wirklich hartes Brett. Das Mitgefühl abzustellen, fällt mir schwer." Gerichtet an die Sozialbehörde fordert sie: "Macht eure Arbeit, damit ich meine machen kann."

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  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 15. Februar 2019, 23:30 Uhr