Aus Wut und Verzweiflung – Hochseefischer blockierten Fischereihafen

Tausende trieb es vor 40 Jahren zu Protesten auf die Straße. Sie befürchteten, die Nordsee würde zum Armenhaus der Republik. 15.000 Arbeitsplätze waren gefährdet.

Protest in Bremerhaven.
Die Fischer waren sauer. Bild: Radio Bremen

Die Wut auf Europa, die Wut auf die Bundesregierung war immens unter den deutschen Hochseefischern im Februar und März 1981. Bonn, Brüssel, Bremerhaven: Die Fischer und ihre Gewerkschaften mobilisierten überall zum Protest. 5.000 Menschen demonstrierten auf dem Theodor-Heuss-Platz in Bremerhaven, berichtete damals die Nordseezeitung.

Der Grund des Zorns: Die deutschen Hochseefischer befürchteten, dass ihre Branche stirbt. Denn sie durften nicht in ihre gewöhnlichen Fanggebiete, weil es auf europäischer Ebene keine Einigung darüber gab, welches Land wo wieviel fischen darf. Vor allem Frankreich und Großbritannien verhinderten eine Einigung in der Europäischen Gemeinschaft. Die deutschen Hochseefischer konnten nicht genug fangen, um zu überleben. Viele Trawler blieben im Hafen.

Armenhaus der Republik?

Von 15.000 gefährdeten Arbeitsplätzen war in einer Radio-Bremen-Sendung damals die Rede. Auf den Transparenten fragten die Hochseefischer deshalb, ob die deutsche Nordseeküste zum Armenhaus der Republik werden soll, wenn die Jobs wegfallen.

Uwe Beckmeyer (SPD) vor der Schleuse zum Fischereihafen Bremerhaven
Unterstützte die Proteste damals: der Bremerhavener Politiker Uwe Beckmeyer (SPD) Bild: Radio Bremen | Rainer Kahrs

Im Februar 1981 blockierten die Hochseefischer sogar die Zufahrt zum Fischereihafen in Bremerhaven. Uwe Beckmeyer, zuletzt Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin und damals SPD-Chef in Bremerhaven, erinnert sich: "Die haben die Schleuse blockiert, ich glaube für drei Tage. Also das war richtig Blockade!"

Die Blockade richtete sich gegen Schiffe und auch LKW aus dem Ausland. Die Deutschen wollten den Fisch, den sie bringen, selbst fangen. Die Arbeit des Fischereihafens wurde jedoch nicht maßgeblich gestört, schließlich wollten die Arbeiter im Hafen, dass weiter Frischfisch kommt – sonst wären auch ihre Jobs bedroht gewesen, erzählt der damalige Leiter der Fischereihafen-Betriebsgesellschaft Reinhard Meiners.

Ein wütender Mann bei den Protesten der Hochseefischer
Die Auseinandersetzungen wurden emotional geführt. Bild: Radio Bremen | Archiv

Wie europafeindlich die Stimmung war, zeigt eine Archivaufnahme. Ein Mann sagt in die Kamera: "Wir bezahlen 38 Prozent von dem ganzen Sauhaufen von 9 EG-Staaten. Und dieses kleine Belgien und Holland, die kommen hier bis bei uns vor die Tür und fischen Seezunge und alles. Die sollten sie raushauen, mit einem Knüppel." Als sich die Europäische Gemeinschaft endlich auf neue Fangrechte geeinigt hatte, hieß das: weniger Rechte für Deutschland.

200-Seemeilen-Schutzzonen werden weltweiter Standard

Das eigentliche Problem der deutschen Hochseefischerei lag jedoch weiter zurück: Schon ab den 50er-Jahren weiteten Länder wie Island ihre nationalen Schutzzonen aus, auf bis zu 200 Seemeilen, also 370 Kilometer. Und behielten so die Kontrolle über ihre fischreichen Gewässer. Frühere Fanggebiete der Deutschen fielen weg, immer mehr deutsche Hochseefischer gaben auf. Beckmeyer zufolge bestand die deutsche Hochseefischerei-Flotte in den 70er-Jahren noch aus 50 Schiffen, 1981 aus 27 und heute sind es dem Hochseefischer-Verband zufolge noch sieben. Sie fahren unter deutscher Flagge, gehören aber zu Unternehmen aus Island und den Niederlanden.

Hochseefischer stehen mit Plakaten auf der Schleuse zum Fischereihafen in Bremerhaven
Im Februar 1981 blockierten Hochseefischer in Bremerhaven sogar zeitweise die Schleuse zum Fischereihafen. Bild: Radio Bremen | Archiv

Bremerhaven erfasste in der Folge ein tiefgreifender Strukturwandel: Der Fisch kam nicht mehr als Frischware, sondern hauptsächlich gefroren. Damit der Fischereihafen in Bremerhaven überlebt, habe man zunehmend auf Lieferungen aus Island gesetzt, sagt Beckmeyer, der bis heute Vorsitzender der deutsch-isländischen Gesellschaft ist. Zudem entwickelte sich der Fischereihafen auch zum Ort der Lebensmittelproduktion. Aus der Hochseefischerei Nordstern etwa ging die Tiefkühlkost-Firma Frosta hervor.

Fisch gehört zur Identität an der Küste

Die Hochseefischer kämpfen bis heute mit den Fischerei-Streitigkeiten innerhalb der EU. Der Brexit bedeutete weitere Einbußen. Zudem können die Trawler seit Jahresbeginn nicht vor Grönland und Norwegen fischen, weil neue Abkommen auf sich warten lassen. "Die Situation ist momentan äußerst angespannt", sagt Uwe Richter vom Hochseefischerei-Verband.

Protestierende Hochseefischer in Brüssel 1981
"Bremerhaven bald Armenhaus der Nation?": Bis nach Brüssel trieb der Protest die Hochseefischer. Bild: Radio Bremen | Archiv

Die Blockaden und Proteste vor 40 Jahren konnten die sich damals schon abzeichnende Entwicklung nicht aufhalten. Die breite Zustimmung für die Proteste in der Bevölkerung und die hitzige Debatte während der Brexit-Verhandlungen zeigten aber, wie emotional das Thema ist, sagt Kai Kähler vom Historischen Museum Bremerhaven. "Da geht es einfach auch um Identität", sagt Kähler. Bis heute versteht sich Bremerhaven als Ort des Fisches, ob frisch vom Kutter, gefroren oder als Fischstäbchen.

So sah die Fischereihafenblockade 1981 aus

Video vom 27. Februar 2021
Zwei Fischer, sie tragen beide eine Mütze.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 26. Februar 2021, 10.40 Uhr