Interview

Wie sich Fake News zu Corona in Bremen ausbreiten

Video vom 27. Juni 2021
Flyer von Corona Leugner zum Thema Impfen
Bild: SWR | Wolfgang Wanner
Bild: SWR | Wolfgang Wanner

Der eine Flyer rät von Impfungen ab, der nächste behauptet, Corona sei erfunden. Forscher der Uni Bremen untersuchen Fake News in der Pandemie. Ein Zwischenstand.

Wie sich welche gezielte Fehlinformation in der Seuche unter den Menschen verbreitet – das interessiert den Gesundheitspsychologen Benjamin Schüz, Professor am Institut für Publik Health der Uni Bremen. Mit seinen Studentinnen und Studenten untersucht er seit Wochen alle fragwürdigen Flugblätter zum Thema Corona, die bei uns im Umlauf sind.

Herr Schüz, Sie haben im April die Bevölkerung gebeten, Ihnen Flyer und Broschüren mit Fehlinformationen zu Corona und zu Corona-Impfungen zu schicken. Sie wollten die Flyer wissenschaftlich analysieren. Wie viele haben Sie bekommen?
Wir haben mittlerweile knapp 80 Einsendungen überwiegend aus Bremen und dem Umland bekommen mit Fotos von insgesamt etwa 20 unterschiedlichen Flyern. Wobei es von einigen Flyern mehrere unterschiedliche Versionen gibt.
Kann man immer gleich erkennen, ob ein Flyer Fake News verbreitet?
Bei vielen Flyern ist schon ziemlich offensichtlich, dass sie Fehlinformationen transportieren. Sie greifen Themen großer Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel den Great Reset, also, grob gesagt: die Behauptung, dass es sich bei der Corona-Pandemie um eine Erfindung handelt, die dazu dient, irgendetwas an der Herrschaftsstruktur auf unserem Planeten zu verändern.

Bei anderen Flyern kann es schwieriger werden. Sie sehen seriöser aus, führen Quellen auf der Rückseite an, sind professionell gemacht. Zum Teil bedienen sie sich auch der Informationen des Robert Koch-Instituts. Etwa um zu zeigen, dass man in Deutschland Corona anfangs anders beurteilt hat als heute. Das wird dann aber nicht als wissenschaftlicher Fortschritt betrachtet, sondern als Widerspruch gebrandmarkt. Meistens kann man aber auch bei diesen Flyern erkennen, dass sie Fehlinformationen enthalten. Denn sie behandeln immer die gleichen Themen.
Welche Themen sind das?
Die Flyer raten stark von Impfungen ab oder stellen die Risiken von Impfungen völlig überzogen dar. Dann gibt es auch Flyer, die behaupten, dass es gar keine Pandemie gibt, dass alles nur eine große Verschwörung sei mit dem Ziel, bestehende Machtverhältnisse zum Nachteil der meisten von uns zu verändern.
Wer verbirgt sich hinter solchen Flyern und hinter solchen Behauptungen?
Es gibt natürlich Flyer, da weiß man es einfach nicht. Da steht kein Impressum drauf. Dann gibt es aber auch Flyer von bekannten Vereinen oder Gruppen, die als Urheber draufstehen. Beispielsweise die "Freiheitsboten" und die "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie". Die sind für ihre Fehlinformationen bekannt. Gern treten auch Einzelpersonen von ihnen mit Fotos auf den Flyern auf. Darunter der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg oder der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi.
Was sind aus Ihrer Sicht die bislang wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus der Flyer-Analyse haben ziehen können?
Ein wichtiger Punkt ist, dass die Flyer mehr Informationen übermitteln als eine Fake-News-Botschaft in sozialen Netzwerken. Die Flyer, die wir bisher untersucht haben, versuchen letztlich alle durch irgendwelche Infografiken oder in längeren Texten glaubhaft zu machen, dass es die Pandemie gar nicht gebe, oder dass die Impfstoffe nicht sicher seien, oder dass es um irgend eine Art von Verschwörung gehe. Der Hauptunterschied zwischen den Flyern und den Messages im Internet besteht aber darin, dass der Flyer versucht, die ganze Botschaft zu vermitteln, während die Message im Netz in der Regel auf einen Link führt, der den User wiederum beispielsweise auf ein Youtube-Video lenkt.
Smartphone mit aufgedeckter Falschinformation in einem sozialen Netzwerk (Symbolbild)
Längst nicht immer informiert das Handy den Nutzer über Fehlinformationen. Bild: Imago | Christian Ohde
Es heißt immer wieder, dass gerade die Kürze in den sozialen Medien die Verbreitung von Fake News sehr begünstige. Ist das bei Corona etwa nicht so?
Das würde ich so nicht sagen. Die Messages in den sozialen Medien sind so kurz, weil die Nachrichten dort einfach so aufgebaut sind, meist stark bildbasiert. Daher wollen sie erst einmal Aufmerksamkeit erregen, wollen erreichen, dass man den mitgeschickten Link anklickt.

Flyer sind ein anderes Medium. Es steht mehr Platz zur Verfügung. Daher versuchen sie zu erklären, weswegen die Impfung gefährlich sei. Bei Corona kommt aber natürlich hinzu: Es betrifft viel mehr Leute als bei anderen Themen, zu denen Fake News verbreitet werden. Und über die Flyer kann man auch Leute erreichen, die sich nicht in sozialen Medien tummeln. Zum Beispiel mich.
Was erzielt die stärkere Wirkung: Der Flyer mit Fake News oder die Message im Internet mit Fake News?
Über das Internet erreicht man natürlich mehr Menschen, vor allem, wenn solche Messages in Foren mit einer entsprechenden Mitgliederzahl gepostet werden. Flyer erreichen nur die, bei denen sie im Briefkasten landen, oder die den Aushang sehen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Voraussetzungen der Zielgruppen für Flyer und Messages in sozialen Netzwerken auch unterschiedlich sind: Im Internet richten sich solche Messages viel an Menschen, die diese Meinung ohnehin schon teilen, die Flyer versuchen, grundlegende Überzeugungsarbeit zu leisten.
Heißt das, dass Fake News im Internet nicht nur geteilt werden, um andere Menschen von etwas zu überzeugen?
Man muss sich klarmachen: Das Teilen von Informationen, auch von Fehlinformationen ist ein sozialer Akt. Ich teile etwas im Internet unter Umständen einfach nur, um meine Überzeugungen herauszustellen oder zu zeigen, dass ich die gleichen Werte und Überzeugungen wie andere in meiner Gruppe teile. Ich hoffe, dass die Anderen mich aufgrund dessen, was ich teile, gut finden. Anders gesagt: Ich teile im Internet eine Information nicht unbedingt deshalb, weil ich von ihrem Inhalt überzeugt bin.

Vorsicht Fake: Impfgegner verbreiten offenbar gefälschte Schreiben

Video vom 17. Dezember 2020
Mehrere Briefkästen gefüllt mit Zetteln und Zeitungen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Juni, 19.30 Uhr