Bremer Experten warnen vor Blase aus Fake News und Corona-Leugnern

Video vom 27. Juni 2021
Teilnehmer einer Demonstration der Initiative „Querdenken“ maschieren durch die Innenstadt von Heubach
Bild: dpa | Marius Bulling
Bild: dpa | Marius Bulling

Jeder kann sich aussuchen, wie er sich informiert. Doch meist hören wir nur, was wir eh glauben, sagen Bremer Medienforscher. Dadurch würden wir empfänglich für Fake News.

Smartphones und soziale Medien böten beste Voraussetzungen für Fake News, findet die Bremische Landesmedienanstalt. Der Bremer Soziologe Jakob Fruchtmann erklärt, woran das liegt. Selbst der Kurznachrichtendienst Twitter, der von Geschwindigkeit lebe, fordere die Nutzer inzwischen dazu auf, einen Beitrag erst zu lesen, ehe man ihn teilt, betont Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt: "Das ist eine Lehre aus der Zunahme von Fake News", sagt sie.

Holsten ist überzeugt davon, dass sich Fehlinformationen heute häufiger und schneller verbreiten könnten als je zuvor. Das habe sich in der Pandemie gezeigt: "Corona hat zu einer Masse an Verschwörungsmythen geführt. Die Pandemie wurde systematisch genutzt, um weitere Ängste zu schüren", sagt Holsten.

Mit dieser Einschätzung steht sie keinesfalls allein dar. Im Gegenteil: Über die Hälfte der Deutschen empfindet die Zunahme an Falschmeldungen seit Corona als beunruhigend, wie eine vorigen Sommer publizierte Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung ergeben hat. Holsten fürchtet nun, dass auch die Bundestagswahl am 24. September stärker als bisherige Wahlen in Deutschland von Fake News beeinträchtigt werden könnte. Als Hauptgründe für ihre Sorge nennt sie den Siegeszug des Smartphones und damit einhergehend einen veränderten Umgang vieler Menschen mit Medien.

"Der ideale Nährboden für Fake News"

Blonde Frau mittleren Alters mit Mikrophon in der Hand
Glaubt, dass die Geschwindigkeit sozialer Medien der Verbreitung von Fake News in die Karten spielt: Cornelia Holsten. Bild: Bremische Landesmedienanstalt | Matthias Kneppeck / FOX

"In den sozialen Medien ist vieles auf Tempo aufgebaut: auf einen kurzen Klick, der zum schnellen Weiterleiten verführt. Das ist der ideale Nährboden für Fake News", sagt Holsten. Man kenne den typischen Ablauf etwa durch Kettenbriefe mit vermeintlichen Gesundheitstipps, die über Whatsapp verbreitet würden, und die sich hinterher als Fake herausstellten.

"Eine gute Nachrichtenkompetenz der Menschen wird immer wichtiger. Dazu gehört auch, dass sich die Leute öfter mal aus ihrer gewohnten Blase heraus bewegen und gucken: Wie berichten andere Medien über das Thema?", beschreibt Holsten einen möglichen Ausweg.

"Wir hören, was wir hören wollen"

Grauhaariger Mann in Rollkragen-Pulli und Jacket blickt vor Kirschbaumblüten für Foto in die Kamera
Sieht die Mediennutzer in Echokammern gefangen: der Bremer Soziologe Jakob Fruchtmann. Bild: Jacobs University Bremen | Muhammad Abdullah Shah

Dass aber tatsächlich viele Menschen dazu bereit sein werden, die "gewohnte Blase" zu verlassen, von der Holsten spricht, ist allerdings fraglich. Zumindest der Bremer Soziologe Jakob Fruchtmann glaubt nicht daran: "Wir neigen dazu, nur das zu hören, was wir hören wollen", sagt er und ergänzt: "Daher tendieren wir dazu, genau die Quellen zu nutzen, die am ehesten das verbreiten, was wir ohnehin schon glauben." Für die Verbreitung von Fake News, gerade im Internet, spiele dieser Umstand eine entscheidende Rolle, so Fruchtmann.

Denn in ihrem Bestreben, in der eigenen Meinung bestärkt zu werden, richteten sich die Menschen, meist ohne es zu merken, in so genannten Echokammern ein, um sich zu informieren. Diese Echokammern setzten sich aus diversen selbstgewählten, vermeintlich eigenständigen, oft aber eng miteinander verwobenen Informationsquellen zusammen, die sich gegenseitig bestärkten und in der Regel von denselben oder zumindest gleichgesinnten Netzwerken gesteuert würden. Youtube-Kanäle könnten ebenso Teil solcher Echokammern sein wie andere Social-Media-Kanäle, Chatrooms und Foren.

Die Folge: Der Nutzer bekomme immer wieder die gleichen oder ähnliche Positionen vorgesetzt. "Und je öfter ich mich in meiner Meinung bestätigen lasse, desto weiter verfestigt sie sich", beschreibt Fruchtmann den Teufelskreis. Da könne das Angebot an seriösen und leicht zugänglichen Informationsquellen so vielfältig sein, wie es wolle: "Ich habe keinen Anreiz dazu, dieses Angebot zu nutzen, wenn ich mich in meiner Echokammer wohl fühle", sagt der Soziologe.

Die Strategie hinter der Verschwörungstheorie

Um ihre Positionen auch in den Echokammern zu verfestigen, bedienten sich die Anhänger von Verschwörungstheorien zudem immer wieder der gleichen Strategie: "Man stellt sich auf den Standpunkt, dass Quellen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder überregionale Zeitungen Teil der großen Verschwörung seien und man ihnen schon deshalb nicht glauben könne. Umso mehr seien alternative Fakten gefragt." Mit dieser Behauptung verwahrten sich etwa Corona-Leugner gegen die Faktenchecks seriöser Quellen, erklärt Fruchtmann.

Klassischer Weise stießen derartige Argumentationen gerade in solchen Bevölkerungsgruppen auf besonders fruchtbaren Boden, für die ein tiefes Misstrauen gegenüber herrschenden Eliten kennzeichnend sei, oft aus der Sorge heraus, dass diese Eliten Deutschland verrieten. "Wer so denkt, ist empfänglicher für alternative Fakten als andere Menschen", stellt Fruchtmann fest. Zugleich sieht er in diesem Verhaltensmuster den Grund für die offensichtlich großen Schnittmengen zwischen Corona-Leugnern und ausländerfeindlichen Gruppierungen.

Mit Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl befürchtet der Bremer Soziologe, dass insbesondere Gruppierungen aus dem Umfeld der rechtspopulistischen AfD die Wahl mithilfe gezielt gestreuter Fehlinformationen beeinflussen könnten. Hinweise auf entsprechende Netzwerke im Hintergrund gebe es schon länger.

Vorsicht Fake: Impfgegner verbreiten offenbar gefälschte Schreiben

Video vom 17. Dezember 2020
Mehrere Briefkästen gefüllt mit Zetteln und Zeitungen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Juni 2021, 19.30 Uhr