5 Jahre nach Explosion: Neues Leben am Unglücksort in Ritterhude

Der Knall war kilometerweit zu hören und ist den Anwohnern bis heute unvergessen geblieben. Dort, wo die Chemiefabrik stand, soll demnächst neu gebaut werden.

Feuerwehrmann beobachtet die Löscharbeiten auf dem Gelände der Chemiefirma.
Wohnhäuser wurden bei der Explosion zerstört. Bild: DPA | Ingo Wagner

Es ist Ruhe eingekehrt rund um das Grundstück der Entsorgungsanlage für Chemikalien, "Organo Fluid", in Ritterhude. Die Schäden an den umstehenden Wohnhäusern sind lange beseitigt, die Firma ist aufgelöst. Doch bis heute ist nicht offiziell geklärt, wer die Schuld an der Explosion trägt.

Blick auf die eingezäunte Wiese um das ehemalige Gelände einer Chemieentsorgungsfirma.
Es ist zwar Gras über die Unglücksstelle gewachsen, aber viele Fragen blieben ungeklärt. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Auf den ersten Blick scheint Gras über die Sache gewachsen zu sein. Wo früher technische Anlagen, Tanks und Häuser standen, ist jetzt eine grüne Wiese an der Kiepelbergstraße. Nur die langen Metallrohre der Schadstoffmessstationen deuten darauf hin, dass hier mal etwas anderes gewesen ist.

Doch hier, mitten in einem Wohngebiet gab es vor genau fünf Jahren, am 9. September 2014, eine Explosion bei "Organo Fluid". Der anschließende Großbrand zerstörte die Gebäude und Anlagen auf dem Betriebsgelände fast vollständig. Ein Mitarbeiter des Unternehmens wurde so schwer verletzt, dass er später starb. Durch umherfliegende Trümmerteile waren auch umliegende Wohnhäuser zum Teil stark beschädigt worden. Ein Großteil der Geschäftsunterlagen des Unternehmens wurden bei dem Brand vernichtet. Die Häuser sind inzwischen repariert, dafür zahlten die Versicherungen.

Vier Jahre danach wurde das Verfahren eingestellt

Gegen zwei Geschäftsführer und die Sachbearbeiterin bei der Gewerbeaufsicht Cuxhaven wurde zwar ermittelt, aber laut Staatsanwaltschaft konnte der Tatverdacht nicht nachgewiesen werden. Ihnen wurde fahrlässige Tötung des verstorbenen Mitarbeiters und fahrlässige Körperverletzung an weiteren Personen, die an der Unglücksstelle waren, vorgeworfen. Die Sachverständigen haben demnach einen technischen Defekt nicht ausgeschlossen. Insofern hatte die Staatsanwaltschaft nicht genügend Indizien, die zu einer Verurteilung der Beschuldigten hätte führen können. Außerdem gab es keine Anhaltspunkte, dass es zu der Explosion kam, weil Abfälle falsch gelagert worden waren. Das Verfahren wurde 2018 eingestellt.

Nach fünf Jahren sind noch immer viele Fragen ungeklärt

Anwohner Karl-Friedrich Brust ist von den Behörden enttäuscht. Es habe weder eine Aufarbeitung gegeben, noch seien Konsequenzen gezogen worden. Zudem findet er es auch ziemlich unverschämt, dass er als Anwohner seinen vollen Anteil für die anstehende Straßensanierung zahlen soll. Täglicher Lastwagenverkehr über viele Jahre habe die Straße kaputt gemacht, sagt er, und die Gemeinde hat nur die Gewerbesteuer kassiert. Jetzt hätten die Anwohner erwartet, dass die Behörde ein Teil übernehmen würde.

Anwohner Karl-Friedrich Brust steht in seinem Wintergarten, von dem man auf das ehemaligen Gelände einer Chemieentsorgungsfirma blicken kann.
Karl-Friedrich Brust von der Interessengemeinschaft der Anwohner Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Sauer sind die Anwohner auch immer noch auf die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Verden hat die Ermittlungen letztes Jahr eingestellt. Auch jene gegen den Firmenchef wegen Korruption – gegen eine Geldauflage von 5.000 Euro. Champagner, Cognac, Whiskey – er soll Behördenvertretern großzügige Geschenke gemacht haben. Bereits 2008 wurden Korruptions-Ermittlungen gegen den Mann nach einer Zahlung von 7.500 Euro eingestellt.

Vorboten einer großen Veränderung

Trotz all der Fragen ist hinter dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik wieder Leben eingekehrt. Bauarbeiter kümmern sich um die alten Gebäude, räumen auf, bereiten den Abriss vor, bauen Industrieeinbauten zurück. Vorboten einer großen Veränderung. Bis Anfang des Jahres hat die längst an einen anderen Standort umgezogene Lackfirma Bergolin das Gelände hinter dem Unglücksort noch als Lager genutzt. Zum 1. April hat es eine Kapitalgesellschaft übernommen und will es neu entwickeln – das komplette Gelände mit rund 60.000 Quadratmetern und einigen noch nutzbaren Hallen und Gebäuden.

"Ein großes Haus mit 24 Wohneinheiten könnte zum Beispiel entstehen", sagt Projektentwickler Horst Kammeier mit Blick auf das rund 3.000 Quadratmeter große Gelände der ehemaligen Chemiefabrik. "Das ist aber erst einmal nur angedacht." Möglicherweise kommen auch vier einzelne Wohngebäude. Einzug soll in zwei, drei Jahren sein.

Bebauungsplan fehlt noch

Auf dem gesamten Gelände sei auch ein Gewerbegebiet mit "ruhigen" Nutzern denkbar. Beispielsweise ist eine Autowerkstatt speziell für Oldtimer angedacht, sagt Kammeier. Im ehemaligen Bürogebäude könnten ein Hotel, Schulungsräume, Büros und Therapieräume entstehen. Auch ein Bäcker sei geplant. Wenn die Ideenentwicklung abgeschlossen ist, soll ein Bebauungsplan aufgestellt werden.

Alle Spuren der Bergolin-Fabrik sollen aber nicht verschwinden. Der Schornstein von 1951 soll bleiben. "Ursprünglich wollten wir ihn abreißen", sagt Kammeier. Stattdessen könnte er zu einem Wahrzeichen für Ritterhude werden.

Ein buten un binnen-Extra: Ein Jahr nach der Explosion in Ritterhude

Video vom 3. September 2015
Trümmerfeld in Ritterhude aus der Luft

Autor

  • Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. September 2019, 19:30 Uhr