"Wie im Gefängnis, nur ohne Gitter": Leben in der Quarantäne

Wegen eines Corona-Verdachts hat sich unsere Autorin freiwillig einige Tage in Quarantäne begeben. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt, aber die Quarantäne hat Spuren hinterlassen.

Video vom 19. März 2020
Ein Plakat mit Informationen zur Corona-Ambulanz im Klinikum Bremen Mitte

Ich liebe es, zu reisen. Früher klang dieser Satz noch cool. Bevor in Europa und der Welt ein neuer, unsichtbarer Feind herumgeisterte. Ich bin in letzter Zeit mehrmals geflogen. Vor wenigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass sich auf einem dieser Flüge ein mit Corona infizierter Mann befand. Irgendwo im Flugzeug. Nicht neben mir, doch wie weit oder wie nah, ist schwer zu sagen.

Ich hatte noch nie große Angst vor Krankheiten. Jetzt spürte ich jedoch ein Unbehagen. Die Luft im Flugzeug soll zwar sauberer als die Luft in den meisten Großstädten sein, aber sie zirkuliert in der Kabine. Ich hatte zudem eine Erkältung entwickelt – allerdings bereits vor dem Flug.

Zur Arbeit konnte ich jetzt jedenfalls nicht mehr. Plötzlich klang der Satz "Ich komme in die Redaktion" wie eine Bedrohung. Ich rief bei der Corona-Hotline an. Mir wurde geraten, eine Mail an das Gesundheitsamt zu schicken. Ich tat das – und rief den Hausarzt an. Er entschied, dass ich den Test machen durfte. Ich bekam eine Überweisung.

Auf dem Weg ins Krankenhaus dachte ich nach. Man bekommt in solchen Momenten komische Gedanken. Schuldgefühle. Was ist mit der netten, älteren Frau, die gestern vor mir in der Straßenbahn saß? Habe ich sie angesteckt? Sollte ich meinen Freunden vom Test erzählen?

In der Corona-Ambulanz

Vor der Ambulanz standen die Menschen schon Schlange. Ein Meter Abstand. Männer, Frauen mit Kindern, Ältere. Es nieselte. Zwei Ärztinnen mit Mundschutz gingen an uns vorbei. Nach etwa zwanzig Minuten konnte ich rein – in  den Vorraum. Die Fläche war relativ voll besetzt, es gab keinen Stuhl. Ein Kind weinte. Die Ärzte versuchten zu lächeln unter den Atemmasken, Ruhe auszustrahlen.

Ich wurde ins Wartezimmer begleitet. Eine Frau sprach am Handy offenbar mit einer Kollegin. Sie empfahl ihr, dem Arzt zu sagen, dass sie das Kind im Kindergarten persönlich betreut hatte. Ich schaute die Menschen an. Es ist schwer, unter dem Mundschutz Gefühle abzulesen. Im Raum herrschte eine merkwürdige Stille.

Vor dem Abstrich musste ich mir die Hände desinfizieren. Der Arzt sagte, es sei eine gute Idee gewesen, den Test zu machen. Gerade Flüge mit infizierten Passagieren und überfüllte Flughäfen würden derzeit als riskant eingestuft. Sollte der Abstrich positiv sein, würde mich jemand bis Samstagabend anrufen. Bis dahin, sollte ich am besten zu Hause bleiben und den Kontakt zu anderen Menschen meiden. Es war sowieso schon Freitag. Anderthalb Tage vergehen schnell.

Freiwillige Quarantäne in 26 Quadratmetern

Jetzt ist es Samstagabend, 21 Uhr. Niemand hat mich angerufen. "Ich bin gesund. Das wusste ich doch. Endlich kann ich wieder raus. Menschen sehen, hören." Das habe ich zumindest gedacht, bis sich ein Kollege bei mir gemeldet hat. Er hat gesagt, dass das Gesundheitsamt erst am Dienstagabend die Tests der vergangenen Tage vollständig ausgewertet haben wird. Die Labore seien überlastet. Das heißt für mich: noch drei Tage freiwilliger Isolierung.

Quarantäne in einem 26-Quadrat-Meter-Raum – geht das? Die erste Frage, die sich im Wirrwarr meiner Gedanken durchkämpft. Acht Schritte von Wand zu Wand in der Breite, neun in der Länge. Kein Garten, kein Balkon. Kein Dachboden, kein Keller. Dafür die Möglichkeit, im Kreis zu laufen. Parcours zwischen den Möbeln? Nicht empfehlenswert, da eine erhöhte Verletzungsgefahr besteht. 

Ich kriege leichte Angstzustände. Vielleicht lohnt es sich, diese Erfahrung zu dokumentieren. Für bessere Zeiten, in denen man über Quarantäne-Erfahrungen lachen wird. Ich rufe Freunde in Italien an. Sie befinden sich seit einer Woche in einer ähnlichen Situation. Diejenigen, die einen Garten oder einen Balkon besitzen – denen geht es besser. Sie können das Sonnenlicht auf der Haut spüren. Sich auf der Terrasse mit den Nachbarn unterhalten. Die Kinder malen den Satz "Es wird alles gut gehen" in bunten Farben in ihre Hefte. Irgendwie beruhige ich mich: Wir sitzen alle im selben Boot. Irgendwie werden wir das überstehen. Jetzt ist es vor allem wichtig, dass sich die Lage nicht wie in Italien zuspitzt.

"Man hat das Gefühl, für irgendetwas bestraft worden zu sein"

Montag, 15 Uhr: Es ist nicht einfach, tagelang alleine in einem begrenzten Raum zu bleiben. Man hat das Gefühl, man sei irgendwie für irgendetwas bestraft worden. Wie im Gefängnis – nur ohne Gitter. Der Versuchung ist groß, sich einfach hinzulegen und nichts zu tun. 48 Stunden ununterbrochen schlafen.

Doch das ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht ratsam. Bloß nicht den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen. Wobei "herumlaufen" hier schon ein großes Wort ist. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich in Parfüm gehüllt, um den Müll herunterzutragen.

Da meine Quarantäne nicht vom Amt angeordnet wurde, erlaube ich mir nächtliche Spaziergänge, kurz vor Mitternacht, wenn die Straßen leer sind. Doch selbst das fühlt sich wie ein Hofgang an. Zehn Minuten laufen, dann wieder rein.

Singen mit den Nachbarn?

Für alleinstehende Menschen ist eine Quarantäne sicherlich nicht leicht. Wahrscheinlich auch nicht für Familien. Wie überwindet man dann den "Quarantäne-Blues"? Ich fange an zu recherchieren. In Italien singen mittlerweile die Leute auf den Balkonen, spielen Tennis, veranstalten Partys. Und zwar jeden Tag. In Spanien trainieren sie, meint meine Facebook-Timeline. Ich male mir einen deutschen Schlager-Chor am Fenster aus. Daran könnte man vielleicht arbeiten. 

Man sollte das Positive sehen – in jeder Situation, in jeder Lebenslage. Ratschlag Nummer eins aller Ratgeber-Handbücher (fast aller). In Quarantäne hat man viel Zeit zum Nachdenken. Über sein Leben, zum Beispiel. Was nicht immer gut ist. Man kann Freunde und Verwandte per Videochat anrufen. Mehrmals am Tag. Sie werden sich riesig freuen.

Man hat außerdem endlich die Zeit, um die Vor- und Nachteile seines nächsten Smartphones in aller Ruhe abzuwägen. Dutzende Reviews lesen. Und sich dann für ein anderes Modell entscheiden.

Kaufen, lesen, schreiben, einen Film anschauen, Videogames spielen, Freunde anrufen, schlafen. Repeat. Diesmal ohne Film aber mit Staubsauger und Putzlappen.

Nur nicht zu viel nachdenken

Vorräte anordnen und analysieren. Gegebenenfalls online nachbestellen – allerdings nicht am Sonntag. Arbeiten: Die fehlende Trennung zwischen "Erholung" und "Arbeit" macht es nicht gerade einfach. Am besten nicht zu viel nachdenken und sich einfach vor den Computer setzen.

Dienstag, 20 Uhr: Das Handy klingelt nicht. Ich habe gewonnen. So fühlt es zumindest an. In Isolation wird jedes Gefühl wie durch ein Glasrohr vergrößert. Verstärkt. Alles wird lustiger, trauriger, bedrohlicher.

Sechs Tage lang war ich fast ununterbrochen zu Hause. Mir ist jetzt klar, dass eine Quarantäne mental belastend sein kann. Vor allem Menschen, die alleine sind, könnten psychologische Unterstützung benötigen. Denn nicht nur die Gefühle, sondern auch die Probleme treten in den Vordergrund. Wer in einer kleinen Wohnung oder gar einem Raum lebt, könnte es deutlicher spüren. Ältere Menschen, WG-Bewohner, Studenten. Auch die logistischen Aspekte sollten mitbedacht werden: Einkaufen, Waschen, Reparaturen erledigen.

Noch ist es bei uns zum Glück nicht so weit, dass sich alle zu Hause isolieren müssen. Ich werde diese Erleichterung heute genießen, auf die Straße gehen und "Endlich Freiheit!" in den Himmel schreien. Und dann wieder nach Hause zurückkehren.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. März 2020, 19:30 Uhr