So ging Bremerhaven knapp 200 Jahre vor Corona mit einer Epidemie um

1827 brach eine Fieber-Epidemie unter Hafenarbeitern aus. Ein Briefwechsel des jungen Amtmanns Johann Heinrich Castendyk mit den Behörden zeigt, wie groß das Elend war.

Eine Darstellung des Alten Hafens in Bremerhaven. Zu sehen sind Schiffe und Menschen, die einen Weg entlanggehen.
Bilder von damals gibt es im Stadtarchiv in Bremerhaven nicht. Diese Darstellung zeigt den Alten Hafen im Jahr 1845. Bild: Stadtarchiv Bremerhaven

Der Alte Hafen in Bremerhaven ist heute ein ruhig daliegendes Hafenbecken, in dem einige Museumsschiffe auf Touristen warten. Früher aber schlug hier das wirtschaftliche Herz der Stadt. Der Hafen war überhaupt erst der Grund für die Gründung Bremerhavens 1827. Gebaut wurde er von zeitweise 600 Arbeitern – in Knochenarbeit und unter harten Bedingungen. Die wurden sogar noch härter, als unter den Arbeitern 1827 eine Fieber-Epidemie ausbrach. Für Bremerhaven zuständig war damals der junge Amtmann Johann Heinrich Castendyk. Aus seinem Schriftwechsel mit den bremischen Behörden geht hervor, wie man knapp 200 Jahre vor Corona mit Epidemien umging.

Zunächst sieht alles nach den üblichen Widrigkeiten bei öffentlichen Großbauprojekten aus: "Die Arbeiter sind in dieser Woche auffallend faul gewesen, und es lässt sich daher mit Bestimmtheit voraussetzen, dass es Morgen mit der Bezahlung schlecht aussehen wird", schreibt Johann Heinrich Castendyk im Juli 1827 an die Senatskommission. Erst wenige Wochen zuvor hat der junge Jurist aus Bremen und Neffe des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt seine Stelle als erster Amtmann des neu gegründeten Bremerhaven angetreten.

Das erste Todesopfer

Bald aber ist seine Unzufriedenheit mit den Bauarbeitern nicht mehr sein größtes Problem. Das Amt Stotel, eine Gemeinde südlich von Bremerhaven, beschwert sich: Ein todkranker Arbeiter sei über die Geeste – damals gehörte das linke Geesteufer zum Königreich Hannover – geschafft worden, dort hilflos liegen geblieben und in Stotel gestorben. Castendyk weist das als Gerücht zurück, der Mann habe zuletzt nicht mehr am Hafen gearbeitet. Anfang August treten weitere Fälle auf:

Mit den Krankheiten sieht es nachgerade sehr bedenklich aus; denn unter den sechs Kranken, die in diesem Augenblick noch von dem Dr. Müller behandelt werden, sind zwey mit dem gefährlichen Fieber, welches hier im vorigen Jahr pressirt hat, behaftet.

Johann Heinrich Castendyk in einem Brief an die bremischen Behörden im August 1827

Immer wieder breiten sich damals in den Marschen und Mooren an der Küste und an den Flussläufen Mücken aus, die Malaria übertragen. 1826 hatte es eine große Epidemie nach einer Sturmflut im Vorjahr gegeben. Die Symptome waren Schwäche und Fieberschübe, viele Menschen starben am "kalten Fieber“.

Die Fallzahlen steigen

Castendyk sollte eigentlich den Hafen und die junge Stadt aufbauen. Nun muss er mit einer Epidemie fertig werden. "Die Arbeiter, welche hier krank werden, sind fast alle ohne die geringsten Mittel und würden im größten Elende umkommen müssen, wenn ich nicht für ärztliche Hilfe, unentgeltliche Medizin und nothdürftigen Unterhalt Sorge trüge.“ Castendyk bittet in seinen Schreiben nach Bremen mehrfach um Unterstützung:

Auf der anderen Seite kann man die Menschen doch auch nicht verhungern oder im Elende umkommen lassen. […]. Es lässt sich keinem Arbeiter, welcher nach Bremerhaven kommt, ansehen, ob er Anlage zum Fieber hat, da oftmals die robustesten Leute damit befallen werden und dem Uebel ist daher von vornherein schwer vorzubeugen.

Johann Heinrich Castendyk in einem Brief an die bremischen Behörden im Jahr 1827

Die Fallzahlen steigen. Auch einen Polizisten und einen Bauunternehmer befällt das Fieber, ebenso den Hafenmeister. Bald müssen 20 kranke Arbeiter versorgt werden. Hilfe aus Bremen, darauf deutet die Korrespondenz mit den bremischen Behörden hin, lässt offenbar auf sich warten. Castendyk streckt eigenes Geld vor.

Endlich Hilfe aus Bremen

Anfang September erklärt sich der Senat schließlich einverstanden, die Behandlungskosten zu übernehmen. Eine Krankenhütte wird gebaut. Besonders wetterfest scheint die aber nicht zu sein. Das zeigt sich bei einem Sturm im November:

Gegen 5 1/2 Uhr klappte ein Windstoß die Hospitalhütte zusammen und fünf Fieberkranke, die sich darin befanden, sammelten ihre letzten Kräfte, um mit der äußersten Schnelligkeit halb angezogen oder bis aufs Hemd entkleidet, die Bude von König zu erreichen.

Johann Heinrich Castendyk in einem Brief an die bremischen Behörden im Jahr 1827

Die Arbeiter überwintern in ihren Schilfhütten, drei von ihnen frieren im Januar die Füße ab. Im Frühjahr wird beschlossen, ihnen für einen Fonds zur Krankenversorgung einen Teil ihres Lohns abzuziehen. Falls der nicht ausreicht, soll Bremen einspringen – eine frühe Art der Krankenversicherung, mehr als 50 Jahre vor der Bismarcks. Endlich wird eine Hospitalbaracke gebaut und ein Pfleger eingestellt.

Auch Castendyk selbst wird am Ende Opfer des "kalten Fiebers“. Er erkrankt 1828 und erholt sich nie mehr so richtig. Ende 1830 lässt er sich beurlauben, 1832 entlassen. 1833 stirbt er – in Baden-Baden, nicht in Bremerhaven, im Alter von 38 Jahren.

Autoren

  • Catharina Spethmann
  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Schauplatz Nordwest, 9. Juni 2020, 14:38 Uhr