Wie der erste Fastentag für eine Bremer Muslima verlief

Mit Anbruch des Fastenmonats Ramadan verzichten gläubige Muslime tagsüber auf Essen und Trinken. Unsere Reporterin Sophie Labitzke hat eine Muslima am ersten Tag begleitet.

Bilge Gümüs
Für Bilge Gümüs ist das Fasten schon Routine, trotzdem ist jedes Mal eine neue Herausforderung.

Für rund 40.000 Bremer hat jetzt der Ramadan begonnen. Auch für Bilge Gümüs. Heute beginnt ihr Tag sehr früh: Um 3:30 Uhr, noch vor Sonnenaufgang, ist sie mit ihrer Familie aufgestanden und hat ein kleines Frühstück gemacht. Für sie war aber weniger das Essen wichtig, sondern sie hat sehr viel getrunken. Auf ihre nächste Mahlzeit und den nächsten Schluck Wasser muss sie noch zirka neuneinhalb Stunden warten. Erst nach Sonnenuntergang darf sie ihr Fasten brechen.

Die 22-jährige Bremerin arbeitet neben dem Lehramt-Studium gleich in zwei Jobs. Jeden Mittwochvormittag, um 10:30 Uhr, gibt sie einen Englisch-Kurs in der Schwachhauser Kindergruppe "Kauderwelsch". Die Kinder, die sie betreut, sind bis zu drei Jahre alt. Bilge Gümüs läuft viel mit den Kindern durch den Raum, spielt Verstecken, singt und redet fast ununterbrochen. Fast eine ganze Stunde lang.

Danach fährt sie direkt mit dem Bus in die Universität. Jetzt würde sie am liebsten ganz viel Trinken, sie lässt es aber. Mit dem Fasten hat sie schon viel Routine. Schon mit zehn Jahren hat sie angefangen, unregelmäßig zu fasten. Ihre Eltern wollten damals nicht, dass sie vom Schulalltag abgelenkt wird. Mit 14 Jahren hat sie sich dann dazu entschieden, durchgängig zu fasten. Das Fasten ist für sie eine große Herausforderung und bedeutet vor allem Kontrolle.

Es geht nicht nur darum, dass ich nichts esse und nichts trinke, sondern ich darf auch nicht schimpfen oder andere beleidigen. Ich muss mich in jeder Hinsicht ein bisschen mehr kontrollieren als sonst.

Bilge Gümüs
Raum der Stille mit Sitzkissen und Teppich
In den Raum der Stille können sich nicht nur Moslems zurückziehen, sondern auch alle anderen.

An der Uni angekommen, geht es für Bilge in die Bibliothek zum Lernen. Ramadan bedeute für sie nicht, die Arbeit herunterzufahren. Sie nehme sich sogar besonders viel Zeit, um sich weiterzubilden, beispielsweise den Koran auf Arabisch zu lesen. Das Lernen muss sie am frühen Nachmittag unterbrechen. Sie muss beten. An der Universität Bremen steht ihr dazu der Raum der Stille zur Verfügung. Dieser Raum ist für alle Religionen da, erklärt Bilge. "Da sind manchmal auch Leute, die da nur sitzen und vielleicht ein bisschen nachdenken."

Jeden Tag, auch außerhalb des Ramadans, betet Bilge fünfmal. Jetzt spricht sie ihr zweites Gebet. Dabei ist sie sehr konzentriert; verbeugt sich, sodass die Handballen die Knie berühren können, geht anschließend wieder auf die Knie und neigt ihren Oberkörper. Sie wiederholt die Bewegungen auf dem Teppich, den sie unter sich gelegt hat, immer wieder. Der jungen Frau mit dem Kopftuch sieht man nicht an, dass sie schon fast zehn Stunden auf Essen und Trinken verzichtet hat.

Um 16 Uhr wird Bilge dann immer ruhiger. Sie ist müde geworden und redet deshalb weniger. Sie schwärmt von der Iftar am Abend, dem täglichen Fastenbrechen, das sie nach Sonnenuntergang mit ihrer Familie feiert. Das sei jedes Mal wieder ein neues Gefühl, obwohl sie es schon hundertmal erlebt hatte. Der erste Schluck Wasser sei für sie "so eine Art Erlösung". Doch davor muss sie noch bis 20:30 Uhr arbeiten und auch erneut beten. Erst eine Stunde später wird die Sonne in Bremen untergehen – und Bilge Gümüs wieder trinken dürfen.

  • Sophie Labitzke

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. Mai 2018, 7:37 Uhr