"Anfangs wie eine Vollbremsung": Nico über seine Vater-Kind-Kur

Nico aus Osterholz-Scharmbeck fühlte sich erschöpft. Die Kur mit seinen Kindern war eine Wende. Warum er sich dafür entschied und wie er die Zeit erlebte, erzählt er selbst.

Zwei Kinder stehen auf einem Aussuchtspunkt und schauen in die Ferne
Mit seinen beiden Kindern fuhr Nico aus Osterholz-Scharmbeck zur Vater-Kind-Kur und kam mit neuer Kraft zurück nach Hause. Bild: Nico

Die Liebe war schon lange erloschen. Gut ein Jahr vor der Kur trennten sich meine Frau und ich uns schließlich. Davor hatten wir noch wegen der Kinder zusammengewohnt, eine schwierige Situation für uns beide. Diese rund zwei Jahre waren sehr anstrengend. Gemeinsam haben wir lange und intensiv geplant, wie eine Trennung funktionieren kann. Die Kinder würden bei mir bleiben, da waren wir uns einig. Das hatte seine Gründe und war für uns die einzige sinnvolle Lösung. Dann war der Tag gekommen.

Mit dem Auszug veränderte sich für mich alles. Ich war völlig auf mich allein gestellt, was die Bewältigung des Alltags betraf. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, was bei der zeitlichen Organisation half. Mit meinem Arbeitgeber sprach ich ein Modell ab, mit dem ich zwar Vollzeit arbeiten, aber trotzdem immer zu Hause sein sein konnte, wenn auch die Kinder da sind. An den beiden Tagen ohne Ganztagsschule war ich im HomeOffice, an den anderen drei bin nach den Kindern ins Büro gefahren und am frühen Nachmittag nach Hause, um dann im Homeoffice weiterzuarbeiten. Jeder Handgriff war geplant, wie ein Uhrwerk lief das.

Nico Eich
Nico aus Osterholz-Scharmbeck weiß heute, dass er den Alltag bewältigen kann. Bild: Nico

Und dann funktionierte das trotz guter Planung doch nicht immer reibungslos. Der Alltag ist mehr, als das, was täglich anliegt. Mehr und mehr kämpfte ich mit Zusatzterminen, Überschneidungen von Arbeitskonferenzen und privaten Terminen. Nichts Außergewöhnliches, nur immer wieder irgendwas, bei dem ich zusätzliche Energie reinstecken musste. Diese Energie bezog ich aus meinen Reserven, immer und immer wieder. Das ging natürlich nicht spurlos an mir vorüber. Ich wurde immer gereizter, immer wieder katapultieren mich Kleinigkeiten in einen Modus der Überforderung. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Angst, in eine Depression zu verfallen. Negative Gedanken überragten die positiven seit langem, ich war ständig gereizt und ausgelaugt. "Das wird schon besser", dachte ich mir. Wurde es nicht. Ich fühlte mich am Ende meiner Kräfte.

Eine liebe Freundin erzählte mir dann von ihrer Kur, und wie gut diese ihr getan hatte. Was ich sah, war eine kleine Auszeit. Dass die Kinder mich begleiten werden, war mir von Anfang an klar.

Die Kur

Sechs Monate später, im November 2019 ist es soweit, wir drei setzen uns in Bewegung. Wie immer bin ich aufgeregter als die Kinder. Natürlich bin ich extrem gestresst, weil ich durch eine Straßensperre später ankomme als ich will. Es stresst mich auch, dass ich mit den Kindern auf meinen ersten Untersuchungstermin warten muss. Zu dieser Zeit stresste mich einfach alles.

Der Anfang ist sehr spannend für uns drei. Für die Kinder, zu der Zeit 10 und 12 Jahre alt, war es wie Urlaub. Ich bin der einzige Vater von 20 neuen Kurgästen an diesem Anreisetag. Schade, wäre doch schön gewesen, sich auch mit anderen Vätern austauschen zu können. Apropos Sozialkontakte. Ich tue mich schon mein ganzes Leben lang damit schwer, andere Menschen kennenzulernen. Ja, ich bin auch gerne für mich, ich brauche aber auch die Gesellschaft anderer. Meine Angst, keinen Anschluss zu finden, ist dann aber schnell verflogen, weil man beim "Nichtstun" und auch bei den gemeinsamen Kursen einfach so ins Gespräch kommt.

Eine Angst blieb: Irgendwann ist dieses Paradies wieder vorbei, dann ist alles so wie früher.

Nico, Vater von zwei Söhnen

Die ersten Gehversuche mit der Kinderbetreuung am nächsten Tag sind, sagen wir: interessant. Meine beiden Jungs sind eine echte Herausforderung. Aber ich spüre Erleichterung, die sich in mir ausbreitet. Keiner fordert mich am ersten Tag auf, bitte eines der Kinder – oder gleich alle beide – abzuholen. Kein hektischer Alltag, keine verantwortungsvollen Aufgaben. Menschen, die für mich da sind, sich um mich und meine Kinder kümmern. Ich kann meine Seele baumeln lassen. Wie gut das tut. Die Kinder haben plötzlich wieder einen entspannten Papa.

Die Betreuung gefällt meinen Jungs leider nicht sehr gut, das Angebot passt nicht. Sie versuchen trotzdem, das Beste daraus zu machen. Da das riesige Gelände sicher ist, bekommen sie einen eigenen Zimmerschlüssel und dürfen die Betreuung jederzeit verlassen. Anfangs noch mit strengen Regeln meinerseits, die aber immer mehr aufweichen. Nicht nur ich kann mich langsam entspannen, sondern dadurch auch unser Miteinander.

Die Kur war anfangs wie eine Vollbremsung, an die man sich auch erstmal gewöhnen musste. Aber eine Angst blieb: Irgendwann ist dieses Paradies wieder vorbei, dann ist alles so wie früher.

Die Wende

Ich habe um psychologische Betreuung gebeten, ich brauche Hilfe. Jedoch läuft das Gespräch völlig anders, als ich mir das vorgestellt habe. Ich würde zusammenzubrechen, wenn ich mich all meinen Gedanken stellen müsste, dachte ich. Doch überraschenderweise passiert genau das gar nicht. Ich bin völlig perplex, als das sehr intensive Gespräch beendet ist. Danach habe ich viel Zeit zum Nachdenken.

Jetzt wird mir eines glasklar: Ich bin nicht am Ende. Es ist anstrengend, und es wird auch so bleiben, aber es ist nichts, an dem ich kaputt gehe. Ich habe es immer noch selbst in der Hand, wie es mir geht.

Nico, Vater aus dem Bremer Umland

Ich gehe in den Pausen zwischen Sport und anderen Veranstaltungen immer wieder stundenlang im Wald spazieren, ohne irgendjemandem zu begegnen. Einen Spaziergang werde ich nicht vergessen: Ich habe auf einmal unglaubliche Lust, wieder "meine" Musik zu hören – also Ohrstöpsel rein, warm angezogen und raus in die Natur. Es ist sehr laut, aber die Welt ist für mich in dem Moment still. Jetzt wird mir eines glasklar: Ich bin nicht am Ende. Es ist anstrengend, und es wird auch so bleiben, aber es ist nichts, an dem ich kaputt gehe. Ich habe es immer noch selbst in der Hand, wie es mir geht.

Ein Junge mit Jacke, von hinten gesehen, läuft durch einen Wald
Spaziergänge mit den Kindern – und oft auch ganz allein – gaben Nico aus Osterholz-Scharmbeck wieder Kraft. Bild: Nico

Danach verbrachte ich eine richtig tolle Zeit mit den Kindern, in der es nicht um Regeln, Erziehung, Schule oder Probleme ging. Wir haben viel erlebt, unter anderem miteinander Körbe geflochten, Mosaiksteinchen geklebt und spontane Ausflüge gemacht. Etwas, was ich im "normalen" Leben niemals gemacht hätte, weil ich dafür keine Zeit oder Energie hatte. Selbst die Mahlzeiten waren einfach eine gemeinsame tolle Zeit.

Und ich habe echt tolle Menschen kennengelernt. Ich hatte Glück, dass wir eine kleine Gruppe von vier Leuten waren, in der wir uns, als auch die Kinder untereinander, sehr gut verstanden hatten. Dass ich ein Vater war und sonst nur Mütter spielte keine Rolle. Das hat mir unheimlich geholfen, wieder mich selbst zu sehen, als Mensch mit eigenen Bedürfnissen. Wir haben vieles gemeinsam unternommen und uns fast täglich abends mit Kindern getroffen. Meine Kinder werden gespürt haben, wie gut mir das tat.

Bis heute haben sich all diese positiven Gefühl gehalten. Ab und zu muss ich mir auch dessen wieder bewusst werden, aber ich fühle mich nach wie vor wie ausgewechselt. Ich bin seitdem weniger gereizt und kann das Leben viel lockerer angehen.

Der Alltagsstress ist geblieben, aber der Papa weiß jetzt, wie er damit umgehen kann.

Steigender Bedarf an Eltern-Kind-Kuren während Corona

Video vom 9. Mai 2021
Die Eltern Norma und Sebastian Theis im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Mai 2021, 19:30 Uhr