Interview

Professor von Carola Rackete: Kriminalisierung von Kapitänen ist unerträglich

Der Fall um die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete wird kontrovers diskutiert. Einer ihrer ehemaligen Professoren in Elsfleth sieht die 31-Jährige in einem Dilemma.

Carola Rackete, die Kapitänin der Sea-Watch 3, wird in Lampedusa von der Polizei von ihrem Schiff eskortiert.
Carola Rackete wurde im Hafen von Lampedusa festgenommen, ist aber inzwischen freigelassen worden. Bild: Reuters | Guglielmo Mangiapane

Der 12. Juni 2019 ist ein Tag, der die Crew der Sea-Watch 3 nicht mehr so leicht vergessen wird. Etwa 47 Seemeilen vor der Küste Libyens nimmt das Rettungsschiff 53 Migranten auf. Die deutsche Kapitänin, Carola Rackete, möchte im Hafen von Lampedusa anlegen, erhält aber keine Erlaubnis von den italienischen Behörden. Zwei Wochen lang harren die Geretteten auf dem Schiff aus. Einige müssen wegen medizinischer Notfälle an Land gebracht werden. Am 29. Juni beschließt Rackete, unerlaubt in den Hafen von Lampedusa einzulaufen.

Beim Anlegemanöver touchiert die Sea-Watch ein Schnellboot der Finanzpolizei. Rackete wird noch im Hafen festgenommen. Inzwischen ist sie wieder frei. Es droht aber ein juristisches Nachspiel.

Rackete, die in der Nähe von Celle aufgewachsen ist, hat in Elsfleth an der Jade Hochschule studiert. Buten un binnen hat mit einem ihrer ehemaligen Professoren, Christoph Wand, gesprochen.

Einige Fluchtlinge bei einer Seenotrettung
Der Verein Sea-Watch ist seit mehreren Jahren mit Rettungsaktionen von Geflüchteten im Mittelmeer beschäftigt. (Symbolbild)
Herr Wand, wie beurteilen Sie das Vorgehen von Frau Rackete ab dem Augenblick, in dem sie die Geretteten an Bord aufgenommen hat, bis zum Anlegen im Hafen von Lampedusa? 
Das Bergen von Schiffbrüchigen ist Pflicht für alle Seeleute. Dieser Teil der Aktion ist ja auch unstrittig. Strittig – und von hier aus nicht zu klären – ist die Frage der Legitimität des Einlaufens. Um dies zu beurteilen, sollte man die Kommunikation zwischen Schiff und Hafen, mögliche Angebote des Hafenstaates und vor allem die Situation an Bord kennen. Klar ist, dass Frau Rackete in einem Dilemma zwischen moralischem Anspruch und legitimem Handeln stand. Ich bin mir aber sicher, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen fundiert entschieden hat.   
Und wie schätzen Sie das Vorgehen der italienischen Behörde sowie die aktuelle Lage im Mittelmeer ein?
Der Erste ist der Punkt, den wir von hier aus nicht beurteilen können. Zur aktuellen Lage im Mittelmeer kann ich sagen: Das Versagen der EU führt dazu, dass der Spagat zwischen moralischem und legitimem Handeln auf Kapitäne als Einzelpersonen abgewälzt wird und diese so kriminalisiert werden. Das ist unerträglich.
Wie haben die Studierenden der Hochschule auf den Vorfall reagiert? 
Die Studierenden verfolgen das Geschehen im Mittelmeer sehr aufmerksam. An diesem Fall sind sie einerseits besonders interessiert, weil Frau Rackete "eine von ihnen" ist. Auch, wenn sie sie persönlich gar nicht kennen. Andererseits aber auch, weil jede Schiffsbesatzung in diesem Seegebiet in eine ähnliche Situation kommen könnte. 
Beeinflusst die Situation im Mittelmeer auch die Ausbildung der Kapitäne an der Hochschule?
Die allgemeine Rolle von NGOs wird in einigen Modulen angesprochen, ist aber nicht Kern der Lehrveranstaltungen. Es gab am Fachbereich schon mal abendliche Einzelvorträge von NGO-Mitarbeitern, eine Vertiefung des Themas wäre aber im Rahmen des Studiums nicht zu schaffen. Das Manövrieren bei der Übernahme von Schiffbrüchigen und die entsprechenden Themenbereiche aus dem Seerecht gehören jedoch natürlich zum Standard-Curriculum. Auch werden ethische Fragen teilweise in Seminaren zur Verkehrssicherung oder zum interkulturellen Management angesprochen. 
Sie haben Frau Rackete unterrichtet. Wie würden Sie sie beschreiben? 
Zu ihr persönlich darf ich als einer ihrer Lehrer wegen der Datenschutzverordnung nichts sagen. Sagen kann ich aber, dass ich sie an Bord des Schulschiffes als gewissenhafte angehende Nautikerin kennengelernt habe. Dass diese Einschätzung stimmte, bestätigt ja auch ihr weiterer Lebenslauf.
Wenn Sie sie jetzt treffen würden, was würden Sie ihr sagen?
Dafür möchte ich jetzt meine Rolle wechseln; ich bin schließlich auch Theologe. Als solcher würde ich anerkennen, dass sie im Dilemma zwischen der moralischen Verpflichtung eines Kapitäns für die Personen an Bord und dem Handeln nach Gesetz die Priorität ihres Handels richtig gesetzt hat. Und als einer ihrer ehemaligen Lehrer bin ich mir sicher, dass sie diese auch fundiert begründen kann.  

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Autorin

  • Serena Bilanceri