5 ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel angeklagt

  • Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Totschlag durch Unterlassen
  • Trotz deutlicher Hinweise hätten Högels frühere Chefs ihn nicht gestoppt
  • Es geht um mehrere Dutzend Fälle
Niels Högel sitzt im Gerichtssaal vor einem Mikrofon.
Niels Högel ist im Juni wegen 85 Morden an Patienten verurteilt worden. Jetzt wurden fünf ehemalige Vorgesetzte angeklagt. (Archivbild) Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat fünf ehemalige Vorgesetzte des wegen Mordes verurteilten früheren Krankenpflegers Niels Högel angeklagt. Ihnen werde Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Trotz deutlicher Hinweise hätten sie Högel nicht gestoppt. Zuerst hatte die Oldenburger "Nordwest-Zeitung" darüber berichtet.

Högel wurde Anfang Juni wegen 85 Morden an Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt angeklagt sind der langjährige Geschäftsführer der Krankenhäuser Oldenburg und Delmenhorst, Rudolf M., der heute das Klinikum Dortmund leitet, die damalige Pflegedirektorin, der ehemalige Chefarzt der Herzchirurgie, der Chefarzt der Anästhesie sowie ein Stationsleiter. Dem Geschäftsführer und der Pflegedirektorin werden jeweils 63 Fälle vorgeworfen, einem Chefarzt 60 Fälle, dem zweiten Chefarzt und dem Stationsleiter je drei Fälle.

Vorgesetzte sollen entschieden haben, Polizei nicht zu informieren

Die Anklage gehe davon aus, dass die Verantwortlichen spätestens ab Ende Oktober 2001 die von Högel ausgehende Gefahr erkannt hätten, hieß es. Zu diesem Zeitpunkt habe eine interne Liste vorgelegen, aus der ersichtlich gewesen sei, dass Högel weit häufiger bei Reanimationen mit Todesfolge dabei war als andere Pflegekräfte.

In der Folge sei es zu mehreren Besprechungen gekommen, bei denen auch das Einschalten der Strafverfolgungsbehörden thematisiert worden sei. Doch es sei entschieden worden, die Polizei nicht zu informieren. Laut der Anklage blieben die Angeschuldigten "aus Sorge um ihre persönliche Reputation, die Reputation der kardiochirurgischen Intensivstation und des Klinikums Oldenburg insgesamt" untätig.

Niels Högel hatte zwischen 2000 und 2005 in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst 85 Patienten ermordet. Laut Feststellung des Gerichts vergiftete er seine Patienten mit Medikamenten, die zum Herzstillstand führten, um sie anschließend reanimieren zu können. So wollte er vor Kollegen als kompetenter Retter glänzen. Wegen sechs weiterer Taten war er bereits in früheren Prozessen verurteilt worden.

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier News, 26. September 2019, 11 Uhr

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