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Faktencheck: "Wie verlogen ist das Netz, Frau Echtermann?"

Alice Echtermann: "Wie lässt sich Desinformation im Netz eindämmen?"

Video vom 16. Oktober 2021
Zwei Menschen sitzen nebendem Titel: Wie verlogen ist das Netz, Frau Echtermann?
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

buten-un-binnen-Moderator Felix Krömer spricht mit der Journalistin Alice Echtermann von Correktiv über Desinformationen und Konsequenzen für unsere Demokratie. Die fünf wichtigsten Aussagen.

Schon seit Jahren spielen falsche Informationen in sozialen Medien eine zentrale Rolle. Themen wie Klimawandel oder Migration waren hier besonders präsent. Doch gerade seit Corona hat sich die Dynamik noch weiter intensiviert. Die Journalistin Alice Echtermann ist stellvertretende Leiterin von Correktiv, einer gemeinnützigen Organisation, die Fakten checkt und investigativ recherchiert. Wie sieht ihre Arbeit aus und welche Entwicklungen lassen sich feststellen?

1 Warum Faktenchecks immer wichtiger werden

Immer mehr Menschen informieren sich über die Sozialen Medien – Zeitungen werden weniger gelesen und im Netz mischen sich die Informationen von etablierten Medien mit allen anderen. Hier ist es oft schwer, zu unterscheiden, welche Informationen wahr sind oder nicht. Das Problem: "Wir sehen, dass es zunehmend Kräfte gibt, die auf Lügen im Netz setzen, um die Gesellschaft zu spalten", berichtet Alice Echtermann. Es gehe darum zu verwirren, Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben und Menschen generell zu verunsichern. "Das ist schädlich für unsere Gesellschaft", so Echtermann. Deshalb versucht das Team vom Correktiv, mit allen journalistischen Mitteln Informationen nachzurecherchieren, die viral gegangen sind. Warum sie ihre Arbeit als wichtig empfindet und wie frustrierend das oft ist, erzählt die Journalistin ab Minute 4:30.

2 Falscher Kontext oder falsche Bilder – wie "Fakenews" aufgebaut sind

Manche Behauptungen sind eindeutig als Lüge zu enttarnen, aber bei anderen ist es nicht so klar. Denn oft stimme zwar eine Meldung, werde aber in einem falschen oder verkürzten Kontext präsentiert. Extrem häufig würden Behauptungen beispielsweise so aus dem Kontext gerissen, dass falsche Schlüsse gezogen werden. Häufig sei im Internet auch Bild- und Videomaterial vorhanden, das in falschem Kontext gezeigt werde: "Beim Hochwasser gab es dann zum Beispiel Videos von einem brechenden Damm, die von ganz wo anders stammten." Um solche Desinformationen aufzudecken, greife das Rechercheteam auf gängige journalistische Standards zurück: Primärquellen, also Quellen aus erster Hand, sind die wichtigste Ressource. "Wenn es heißt, dass in einem Krankenhaus Mitarbeiter nach einer Impfung gestorben sind, fragen wir dieses Krankenhaus." Darüber hinaus sollten mehrere Quellen genutzt werden. Welche das sind, zeigt die Redaktion immer transparent. Ab Minute 12:44 spricht Echtermann über diese Themen.

3 Faktenchecks werden oft nicht geglaubt

In den Kreisen, in denen solche Falschinformationen verbreitet werden, wird auch aktiv Stimmung gegen "Faktenchecker" gemacht. Redaktionen wie das Correktiv werden dann in mögliche Verschwörungen mit eingebaut. Drohungen sind inzwischen an der Tagesordnung. Dagegen anzugehen, ist kaum möglich und Echtermann ist sich sicher: "Eine Person, die da so drinsteckt, wird unserem Faktencheck nie glauben." Hier sei es vor allem für das Umfeld gut, wenn es durch die Faktenchecks beispielsweise eine Diskussionsgrundlage gäbe. Wenn plötzlich mit Fachbegriffen und falschen Informationen um sich geworfen wird, sind Familienangehörige sonst schnell überfordert. Welche skurrilen Dynamiken gegen Faktenchecker in den sozialen Medien exisitieren, erzählt Alice Echtermann ab Minute 25.

4 Wie gefährlich sind die Konsequenzen von falschen Informationen?

Zuletzt konnten die Faktenchecker am Beispiel der Bundestagwahl sehen, wie sich Desinformationen verbreiten. Schon vor der Wahl wurde via Telegram von Wahlbetrug gesprochen, der mit verschiedensten falschen Hinweisen angeblich nachweisbar sein sollte. Bevor dann beispielsweise der überarbeitete Lebenslauf von Annalena Baerbock medial zum großen Thema wurde und parallel die Umfragewerte der Grünen sanken, gab es bereits Desinformationen im Internet, dass Annalena Baerbock ihren Abschluss erfunden habe. "Dadurch ist die Lawine ins Rollen gekommen, es wurde mehr gegraben und dann wurde der überarbeitete Lebenslauf gefunden", berichtet Echtermann. Das sei natürlich keine Desinformations-Kampagne, aber es habe damit angefangen. Wie groß die Konsequenzen tatsächlich seien, lasse sich aber leider nicht messen. "Es ist schwierig nachzuweisen, ob die Wahl wegen Desinformationen anders ausgefallen ist. Aber im Wahlkampf sieht man: Es schadet der Demokratie." Was für eine Rolle soziale Medien bei dieser Bundestagswahl gespielt haben, erzählt Echtermann ab Minute 31.

5 Was abseits von Faktenchecks passieren muss

Dass so viele Personen auf falsche Informationen reinfallen, liege laut Echtermann vor allem an einer fehlenden Medienkompetenz. Hier müssten mehr Maßnahmen getroffen werden, wie beispielsweise ein Schulfach, das darüber aufklärt. Außerdem sei das Löschen von Desinformationen nicht der richtige Weg. Hierbei kann es schnell zu genau der gerade nicht erwünschten Reaktion kommen: ein Zensurvorwurf und dadurch ein verstärkter Glaube an versteckte Mächte. Deshalb appelliert Echtermann vor allem an Aufklärung, und zwar in allen Medien. Auf der einen Seite seien mehr Faktenchecks eine Lösung, aber auch Transparenz: "Die Menschen sind misstrauisch geworden." Deshalb müssten Medien zeigen, wie sie journalistisch arbeiten. Beispielsweise dadurch, dass sie ihre Quellen, solange sie nicht aus bestimmten Gründen geschützt werden müssen, offenlegen. Welche Plattformen Alice Echtermann für noch intransparenter hält als Facebook und Youtube, erzählt sie ab Minute 49:30.

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Autorinnen und Autoren

  • Felix Krömer Redakteur und und Autor
  • Laura Lippert Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Oktober 2021, 19:30 Uhr