Infografik

Schulanfang: Nimmt Bremen eine Durchseuchung der Schüler in Kauf?

Zwei Schüler sitzen mit Masken in einem Klassenraum.
Masken im Unterricht soll es an den Schulen in in der Stadt Breen zunächst nicht geben, wohl aber in Bremerhaven. (Symbolbild) Bild: DPA | Eibner-Pressefoto/Fleig

Die Schulen in Bremen starten heute. Gleichzeitig steigen die Inzidenzen und viele Kinder sind ungeimpft. Trotzdem soll Präsenzunterricht die Regel sein. Mit welchen Folgen?

Im kleinsten Bundesland gilt zum Schulstart: Präsenzunterricht soll die Regel sein, sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven. Ausnahmen gibt es für Risikopatienten, die weiterhin von zu Hause aus am Lerngeschehen teilnehmen, genauso wie für Kinder, die sich nicht testen lassen wollen. "Präsenzunterricht – so lange es geht" lautet das Motto.

Angesichts steigender Coronazahlen und niedriger Impfquoten bei Kindern, für die es sowieso erst ab zwölf zugelassene Impfungen gibt, warnen manche Experten bundesweit vor einer Durchseuchung an Schulen.

Bildungsressort: bei den Regeln ein gutes Mittelmaß finden

Das Bremer Bildungsressort sagt, eine Durchseuchung sei nicht hinnehmbar – auch, wenn schwere Verläufe bei Kindern selten sind. Die Behörde zielt nach eigenen Angaben darauf, ein "gutes Mittelmaß" bei den Corona-Regeln zu finden.

Unsere Aufgabe ist es, die Kinder zu schützen und ein gutes Mittelmaß zu finden.

Aygün Kilincsoy, Sprecher der Bildungssenatorin

Denn einerseits litten die Kinder unter der Isolation und den Coronamaßnahmen, andererseits wäre es fahrlässig, eine Durchseuchung einfach zuzulassen. Klar sei, dass man das Schutzniveau nicht so hochziehen könne, dass sich kein Kind mehr infiziert. "Mit den aktuellen Regeln hoffen wir, ein gutes Mittelmaß zu finden", wiederholt der Sprecher.

Inzidenz steigt vor allem bei 10- bis 19-Jährigen

Momentan steigen die Inzidenzwerte in der Stadt Bremen vor allem bei den 10- bis 19-Jährigen. In dieser Gruppe betrug die Inzidenz in der vorigen Woche 132,7. In Bremerhaven lag sie bei 263. Allerdings muss dabei erwähnt werden, dass in kleineren Gruppen bereits niedrige Fallzahlen für sehr hohe Inzidenzen sorgen können.

Wie das Gesundheitsressort betont, sorgt ein einziger Fall in der Altersgruppe 6-9 in Bremerhaven direkt für eine Inzidenz von 23,5. In der vorherigen Kalenderwoche gab es in der Gruppe der 10- bis 19-Jährigen in Bremen insgesamt 67 Fälle, in Bremerhaven 29. Bei den Kindern zwischen sechs und neun Jahren waren es in Bremen 16 Fälle für eine Inzidenz von 84,2, in Bremerhaven 8 für eine Inzidenz von 188,3.

Inzidenzen in den verschiedenen Altersgruppen in Bremen

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Inzidenzen in den verschiedenen Altersgruppen in Bremerhaven

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Stecken sich alle Ungeimpften irgendwann an?

Der Sprecher des Bremer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Marco Heuerding, weist daraufhin, dass die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Beginn der Schule höchstwahrscheinlich weiter steigen werden. Vor allem aus dem Grund, dass Schüler und Schülerinnen, anders als die Erwachsenen, dann regelmäßig getestet werden. Bei Kindern kommen asymptomatische oder milde Verläufe häufig vor, die sonst möglicherweise unerkannt blieben.

Die Tendenz geht dahin, dass alle Ungeimpften sich im Laufe der nächsten zwei Jahre sehr wahrscheinlich anstecken werden.

Der Kinderarzt Marco Heuerding steht mit einem Stethoskop um den Hals in einem Flur.
Marco Heuerding, Sprecher des Bremer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte

Covid-19 werde endemisch werden, so der Arzt. Das bedeutet, dass sich Ungeimpfte früher oder später infizieren werden. Die gute Nachricht: Bei gesunden Kindern und Jugendlichen sei das Risiko eines schweren Verlaufs extrem gering. "Sonst hätte die Ständige Impfkommission mit einer allgemeinen Impfempfehlung für Jugendliche nicht so lange gehadert", sagt Heuerding.

Anders sehe es mit den "Kollateralschäden" aus, wenn die Schulen erneut geschlossen würden, um die Ausbreitung der Infektion zu verringern. "Es gibt momentan eine Diskussion unter Kinderärzten, ob die Aufhebung der Maßnahmen sinnvoll wäre und welche Lösung am besten sei." Da jetzt allen gefährdeten Gruppen ein Impfangebot gemacht wurde, falle der ursprüngliche Grund für die Testung der Kinder und die Begrenzung der Virusausbreitung in dieser Altersklasse eigentlich weg.

Epidemiologe: Irgendwann wird es auch eine Impfung für Kinder geben

Epidemiologe Hajo Zeeb gibt zu bedenken, dass es irgendwann auch für Kinder unter zwölf Jahren eine Impfung geben könnte. "Es wird noch ein bisschen dauern, aber es ist eine Frage der Zeit." Daher sei eine Durchseuchung kein Muss.

Man kann die Geschwindigkeit variieren, je nachdem, ob man das Virus laufen lässt.

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Nach aktuellen Daten seien die Folgen einer Infektion für Kinder relativ gering. Gerade 413 Fälle von PIMS, einem seltenen Entzündungssyndrom, zählt die Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bundesweit seit Pandemiebeginn. Auch zu Long-Covid gebe es unter Kindern bislang sehr geringe Fallzahlen. "Aber wir wissen noch nicht alles. Und ja, es gibt auch einige, die schwer darunter leiden." Genaue Zahlen zu Long-Covid bei Kindern sind schwierig zu finden. Laut einer britischen Studie hatten nur 1,8 Prozent der getesteten Kinder länger als 56 Tage Symptome.

Entwicklung neuer Varianten könnte ein Problem darstellen

Problematisch für den Verlauf der Pandemie könnte die Entwicklung von neuen Varianten sein. Das Risiko, dass sich neue Mutationen bilden, sei höher, wenn sich das Virus ungebremst ausbreitet. Ein vernünftiges Management könnte jedoch das Risiko verringern und den Schulbesuch in Präsenz erlauben, so Zeeb. Dabei sei ebenso wichtig, wie die Quarantäneregeln gestaltet werden.

Mein Vorschlag wäre, sich auf das direkte Umfeld der betroffenen Kinder zu beschränken. Aber nicht so weit zu gehen, dass die ganze Klasse oder Kohorte in Quarantäne muss.

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Gleichzeitig brauche man weiterhin Testungen für Schüler und Schülerinnen und die Möglichkeit, sich nach einigen Tagen aus der Quarantäne freitesten zu können. "So wie es für Reiserückkehrer bereits der Fall ist."

Die Quarantäneregeln an Bremer Schulen sehen momentan vor, dass die ganze Kohorte für zehn Tage in Quarantäne muss, wenn ein Schüler oder eine Schülerin positiv getestet wird. Die Möglichkeit, sich freizutesten, besteht für sie nicht. Aber das könnte sich vielleicht irgendwann in den kommenden Wochen ändern. Wie das Bildungsressort bestätigt, gebe es derzeit Gespräche zu dem Thema.

Der Magistrat in Bremerhaven teilte mit, bei einem Coronafall in einer Klasse soll nicht die ganze Kohorte, sondern nur engste Kontaktpersonen in Quarantäne. In Absprache mit dem Gesundheitsamt soll die Anzahl der Kontaktpersonen eventuell sogar noch verringert werden.

GEW ist besorgt

Die Bremer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt sich hingegen besorgt wegen des Risikos einer eventuellen Durchseuchung. "Da sehen wir eine mögliche Gefährdung", sagt die Vorstandssprecherin, Barbara Schüll.

Die Gewerkschaft schlägt weitere regelmäßige Tests und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes an allen Schulen für die ersten drei Wochen vor. Der Grund seien eventuelle Urlaubsrückkehrer und die Sorge, dass gleich zu Schulbeginn mehrere Kinder positiv getestet werden. "Damit das Risiko so niedrig wie möglich gehalten wird", so Schüll. Auch mobile Impfangebote in den Stadtteilen seien weiterhin notwendig.

Schul- und Kitastart im Land Bremen: So soll es klappen trotz Corona

Video vom 31. August 2021
Zwei Corona-Schnelltests liegen auf einem Tisch in einem Klassenzimmer.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. September 2021, 19:30 Uhr