Infografik

Drogen boomen – und Bremerhaven bleibt eine Hauptdrehscheibe

Ein Mitarbeiter des Zolls öffnet einen Container.
Bild: DPA | Robert Gunether
Bild: DPA | Robert Gunether

Der Drogenbericht der EU zeigt: Der Drogenhandel hat auch und gerade in der Pandemie geblüht. Warum Bremerhaven ein Schlüssel-Ort ist und was sich geändert hat, erzählt ein Zollbeamter.

Stephan Meyns ist einiges gewohnt. Er ist Beamter beim Zollfahndungsamt Hamburg, kennt das operative Geschäft von Drogen bis Schwarzarbeit aus der eigenen Arbeit und weiß als Pressesprecher, was in der ganzen Breite seiner Behörde alles passiert. Doch bei dem jüngsten Fund in Hamburg kam auch er ins Staunen: 16 Tonnen Kokain, versteckt in Bananenkisten, hatten seine Kollegen dort entdeckt.

Und auch in Bremerhaven gab es im Oktober einen Rekord. Hier waren es 1.400 Kilo Kokain, Straßenverkaufswert 150 Millionen Euro. So viel hatten die Fahnder in der Küstenstadt noch nie gefunden: Bei etwa einer Tonne, versteckt in ausgehöhlten Stapeln von Rigipsplatten, lag der Bremerhavener Rekord bisher. Im März 2021 fanden die Bremerhavener Zöllner noch einmal 325 Kilogramm Kokain in einem Container.

Mehrere Ernten pro Jahr – mehr Drogen im Markt

Stephan Meyns
Stephan Meyns, Sprecher beim Zollfahndungsamt Hamburg, das auch für Bremerhaven zuständig ist. Bild: Zollfahndungsamt Hamburg

Der Markt, sagt Zoll-Sprecher Stephan Meyns, werde mit Kokain geradezu geflutet. "Mittlerweile gibt es in den Erzeugerländern zwei oder drei Ernten pro Jahr, es ist mehr Menge im Markt", erzählt er – offenbar ist die Nachfrage weiter groß. Hergestellt werde etwa das Kokain in den Höhenlagen von Kolumbien oder Peru, Hamburg und Bremerhaven seien auf der anderen Seite dann die Hauptdrehscheiben für den deutschen Markt.

Welche der beiden Städte gerade mehr im Fokus der Schmuggler steht, könne man nicht abschließend sagen, so Meyns. "Das hängt stark von den Linien und Fahrtgebieten der Reedereien ab." Bremerhaven habe traditionell zwar eher Anschluss nach Nordamerika, doch auch hierhin fahren Schiffe aus Südamerika – gerade habe eine Reederei eine komplette Südamerika-Linie von Hamburg nach Bremerhaven verlegt.

Und wo viel Ladung ist, sind irgendwann eben auch viele Drogen: Die illegale Ware folgt in der Regel der legalen, ist eine Zoll-Weisheit. Bremerhaven schlägt laut Meyns im Jahr etwa 5,5 Millionen Container um. "Da ist es natürlich relativ leicht, etwas Unerlaubtes einzuschmuggeln. Deswegen ist jeder große Hafen auch automatisch ein Einlasstor für illegale Waren."

Kokain-Prozess gab Schmuggel-Einblicke

Kokain-Prozess: So lief der Kokain-Schmuggel

Video vom 20. Dezember 2018
Illegales Schmuggeln von großen Mengen Kokain im Hafen von Bremerhaven
Bild: Radio Bremen/OpenStreetMap
Bild: Radio Bremen/OpenStreetMap

Immer wieder gelingt es den Fahndern, kleine und große Mengen Drogen aufzugreifen, manchmal bekommen sie sogar die Hintermänner vor Gericht. Schlagzeilen machte der Bremer Kokain-Prozess. Einer der Beteiligten, die das Herausschmuggeln vom Hafengelände organisiert hatten, wurde Ende 2018 zu neun Jahren Haft verurteilt. Im Laufe des Prozesses wurden viele Details über die Arbeitsweisen der Schmuggler bekannt: Es gab gefälschte Hafen-Mitarbeiterausweise, es gab Sporttaschen, die aus Containern geholt und dann über Hafenzäune geworfen wurden: Der Drogenschmuggel lief oft offenbar genau so, wie man ihn sich für einschlägige Filme ausdenken würde.

Diese eher kleinteiligen Techniken, so Stephan Meyns, seien etwas zurückgegangen. "Es ist schwerer geworden, Menschen im Hafen für sich arbeiten zu lassen. Die Mengen werden eher größer, das Entdeckungsrisiko auch." Die Zahl der Fälle sei gleichbleibend hoch, "Tendenz steigend." Zählbar sind natürlich nur die entdeckten Fälle. Wieviele es unterhalb dieser Spitze des Eisbergs gibt, weiß niemand.

Spannungsfeld: Freier Warenverkehr gegen Kontrollen

Sich und seinen Zoll-Kollegen attestiert Stephan Meyns aber hohen Ehrgeiz. "Wir wollen besser werden. Aber wir können den Hafen natürlich nicht zum Stillstand bringen" – da stehe der freie Warenfluss gegen zeitraubende Kontrollen. Doch die Kontrolldichte sei auch nicht der einzig entscheidende Faktor. "Wir sind dabei, uns immer besser zu vernetzen, mit Kollegen anderer Behörden in Deutschland, aber auch mit denen anderer Länder."

Kokainpakete zwischen Rigipsplatten
Ende 2017 fand der Zoll in Bremerhaven eine Tonne Kokain zwischen Rigipsplatten. Bild: Spanisches Innenministerium, Zoll

Wissen zu teilen, das sei immens wichtig. "Wer früh weiß, welche neue Maschen die Drogenhändler haben, kann auch früher handeln." Zum Beispiel, indem er auf Container mit Baumaschinen achtet. Hier hatten die Schmuggler eine Zeitlang große Drogenmengen versteckt. Doch irgendwann war auch diese Masche bekannt und damit verbrannt.

Auch technisch immer auf gutem Stand zu sein, sei entscheidend, sagt Meyns, und verweist zum Beispiel auf die Röntgenanlagen, mit denen in Bremerhaven ganze Container durchleuchtet werden können. Allerdings: Alle 5,5 Millionen Container durch die Röntgenanlage zu schicken, sei natürlich auch vollkommen unmöglich.

Und so kommt es am Ende auch wieder auf etwas ganz Ursprüngliches an: den Instinkt der Zollbeamten im Hafen. "In vielen Aufgriffsfällen ist es so, dass die Kolleginnen und Kollegen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen. Und das trügt auch in vielen Fällen nicht."

Ich erinnere mich an einen Kollegen, der hatte dieses Gefühl: Mit diesem Container stimmt doch was nicht. Und er hatte tatsächlich auch fast immer Recht.

Zoll-Sprecher Stephan Meyns

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 9. Juni 2021, 7.20 Uhr