Interview

Bremer Gesundheitsexperte fordert Corona-Gesamtkonzept

Masken- und Testpflicht, Notbremse und Brückenlockdown: Berlin ringt gerade um die Coronaregeln. Ein Bremer Public-Health-Experte über das jetzige Corona-Wirrwarr.

Am Eingang eines Geschäfts hängt ein Schild mit dem Wort "Geschlossen" und einem symbolischen Daumen nach unten.
Klare Ansagen tun weh, aber sind oft ehrlicher als ewiges Hinhalten, meint der Public Health-Experte aus Bremen. Bild: Imago | Fotostand

Ansgar Gerhardus kennt sich damit aus, wie man Gesundheitsthemen kommuniziert: Sein Fachgebiet an der Universität Bremen ist die Öffentliche Gesundheitspflege. Schon kurz nach Beginn der Pandemie warnte der Mediziner und Politikwissenschaftler auf butenunbinnen.de, dass die Coronaregeln zu kleinteilig und kompliziert seien. Das würde dazu führen, dass die Maßnahmen nur schwer zu verstehen und nicht immer gut nachvollziehbar seien.

Viel scheint sich seitdem nicht verändert zu haben: Nach wie vor sieht der Public-Health-Experte Verbesserungsbedarf – besonders in der Kommunikation seitens der Politik, die gerade rotiert: Nachdem der Coronagipfel kurzfristig abgesagt wurde, will das Bundeskabinett jetzt schnellstmöglich die Neuregelung zur bundesweiten Notbremse beschließen.

Was alle immer wissen wollen: Wann ist die Pandemie vorbei? Gibt es einen Zeitpunkt, an dem wir endlich wieder Licht am Ende des Corona-Tunnels sehen können?
Das würde ich Ihnen natürlich sehr gerne sagen, aber wann die Pandemie zu Ende ist, kann Ihnen mit letzter Sicherheit wirklich niemand sagen. Das hängt ja unter anderem davon ab, wie gut die Impfungen wirken, wann wie viel Impfstoff zur Verfügung steht, wie viele Menschen sich impfen lassen, welche Mutationen auftreten und natürlich von dem Verhalten von uns und vielen anderen.
War es die richtige Entscheidung, die Gespräche von Bund und Ländern diese Woche abzusagen?
Wenn man Zyniker ist würde man sagen: Wenn die Gespräche so gelaufen wären, wie bei den letzten beiden Malen, ist es kein großer Verlust, dass sie verschoben wurden beziehungsweise ausfallen. Was für eine Verschiebung spricht ist, dass man im Moment keine verwertbaren Zahlen hat. Das ist bedingt durch die Ostertage. Die Zahlen erscheinen im Moment viel niedriger als sie wirklich sind. Was dagegen spricht ist natürlich, dass man Handeln muss. Es soll ja jetzt die Maßnahme für den Inzidenzwert von 100 beschlossen werden (Anmerk. d. Red. vom Bundestag). Dazu kann man sagen: Es ist grundsätzlich gut, wenn es bundesweit einheitliche Regeln gibt. Also nicht Regeln in dem Sinne, dass sich alle gleich verhalten müssen, sondern dass bei den gleichen Zahlen bundesweit auch die gleichen Maßnahmen ergriffen werden.
Immer wieder hört man: "Die nächsten Wochen werden die anstrengendsten. Bald haben wir's geschafft." Wir wissen aber alle, dass das noch dauern wird. Warum hören wir so was trotzdem immer wieder?
Man muss zunächst mal einräumen, dass die Politik sich mit massiven Forderungen konfrontiert sieht, konkrete Termine zu nennen. Es wäre aber aus meiner Sicht Aufgabe der Politik deutlich zu machen, dass seriösen Aussagen momentan nicht möglich sind, weil ganz viele Faktoren da reinspielen, die sich ständig ändern. Ein Beispiel: Als im November noch gesagt wurde: "Wir machen jetzt zu, damit wir Weihnachten feiern können", spielten Mutationen noch keine große Rolle. Die kamen dann dazu. Und auf einmal waren die Zahlen deutlich höher als erwartet und wieder musste ein Zeitpunkt der Öffnungen verschoben werden. Aus meiner Sicht wurde durch das Nennen von immer wieder neuen Terminen sehr viel Vertrauen verspielt.
Was kann die Politik besser machen? Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?
Ich würde empfehlen, dass man rauskommt aus diesen kleinen Diskussionen über Einzelmaßnahmen und dem ständigen Hinterherrennen der aktuellen Situation. Man muss stattdessen konkrete Szenarien entwickeln für das, was auf uns zukommt.
Und was heißt das konkret?
Ein Beispiel wäre das Testen. Da gibt es bis heute keine verbindlichen, konkreten Konzepte. Die müssten schnellstens entwickelt werden. Zweitens würde ich auf jeden Fall besser kommunizieren. Man muss die Unsicherheiten ganz klar benennen und auch vermeiden, dass ständig verschiedene verantwortliche Politikerinnen und Politiker widersprüchliche Botschaften nennen. Und als Drittes würde ich raten, nicht vom Virus her zu denken, sondern von den Menschen her. Also nicht: "Wie bekommen wir eine möglichst geringe Übertragungsrate hin?" Sondern: "Wie bekommen wir es hin, dass es den Menschen gut geht?" Dazu gehört natürlich auch eine geringe Übertragungsrate, aber eben nicht nur.
Den Menschen sollte es also auch gut gehen! Heißt also – Öffnungen von Geschäften, Kinos, Restaurants und Co. könnten auch sinnvoll sein?
Ich rate, was die Pandemiebekämpfung angeht nicht nur in Auf- und Zumachen zu denken, sondern eher zu überlegen: Wie kann ich in Situationen, in denen das Aufmachen nicht möglich ist, eine Kompensation für davon betroffene Menschen schaffen? Also beispielsweise in der Schule. Wenn ich dort in den Distanzunterricht gehen muss, sollte ich zuerst erfassen, wie viele Kinder überhaupt die Möglichkeit haben, an diesem Distanzunterricht teilzunehmen. Also Stichwort: Endgeräte und geeigneter Platz zum Lernen. Und mich dann um diese Kinder, die all das eben nicht haben, zu kümmern. Die Kinder also mit entsprechenden Endgeräten zu versorgen und möglicherweise auch Lernräume zur Verfügung zu stellen.
Welchen Tipp würden sie der Kanzlerin gerne jetzt geben?
Ich würde ihr wirklich raten, ein Gesamtkonzept aufzustellen. Also nicht jeden Tag auf Einzelmaßnahmen zu gucken. Vorausschauend zu handeln. Vieles lässt sich jetzt schon absehen, in welche Richtung sich das entwickelt. Und mehr auf die Wissenschaft zu hören. Und von den Menschen her zu denken und nicht nur vom Virus.

Der Bund will die Notbremse verbindlich regeln – Bremen ist dafür

Video vom 9. April 2021
Das Bundeskanzleramt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Marina Weidenhaupt Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 13. April 2021, 7:40 Uhr