Warum "positive" Diskriminierung ein Problem ist

Die Berichte über rassistische Übergriffe auf einen schwarzen Wümme-Fährmann zeigen: Anders aussehende Menschen erleben immer wieder Rassismus und Diskriminierung. Oft kommt es auch zu "positivem" Rassismus, wie ein Diskriminierungsforscher erklärt.

Der Brite Antony Peddy ist Fährmann auf der Wümme. Eine Gruppe von Radfahrern soll ihn vor Kurzem mit Sprüchen und Gesten diskriminiert haben. Beleidigende Diskriminierung widerfahre ihm immer wieder. "Ich erlebe auch überall Rassismus und Vorurteile", sagt Peddy: "Bis heute habe ich kein Bankkonto. Wir bekommen keine Chance zu zeigen, was wir können und gelernt haben." Und damit ist er nicht allein: Viele Bremer erleben Alltagsdiskriminierung.

Ein Mann
Diskriminierung andersrum: Jung-Min Kim gilt oft als "der fleißig lernende Asiate"

Jung-Min Kim nervt am meisten, dass er ständig Fragen nach seiner Herkunft beantworten muss. Seine Eltern kamen aus Korea, er aber wurde in Deutschland geboren. Nur sein asiatisches Aussehen zeugt von seinen koreanischen Wurzeln. "Ich fühle mich hier in Deutschland zugehörig, muss mich aber dauernd erklären", sagt er. Er spüre offenen Rassismus zwar nicht mehr. Seiner Tochter passiere das aber noch: "Das fängt schon im Kindergarten an", berichtet er. Doch manchmal kommt die Diskriminierung auch aus der anderen Richtung: Oft würde Jung-Min Kim positive Zuschreibungen erleben, "obwohl mich die Menschen gar nicht kennen. Dann bin ich der fleißig lernende Asiate zum Beispiel."

Die andere Variante: "positiver" Rassismus

In der Wissenschaft spricht man dann von "positivem Rassismus": Fleißige Asiaten, Schwarze mit Rhythmus im Blut oder überpünktliche Deutsche – viele Gruppen müssen mit solchen pauschalen Zuschreibungen leben. Dominic Frohn ist Psychologe und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) in Köln.

Dominic Frohn
Dominic Frohn: "Das Phänomen des ’positiven Rassismus’ ist bekannt." Bild: Institut fuer Diversity- und Antidiskriminierungsforschung
Herr Frohn, wie wird man positiv diskriminiert?
Das Grundmuster ist immer identisch: Es wird ein Unterschied zwischen – vermeintlichen – Gruppenzugehörigkeiten genutzt, um eine Person zu bewerten. Bei der klassischen Diskriminierung geht es um negative Zuschreibungen, bei der positiven Diskriminierung werden Eigenschaften zugeschrieben, die als eher positiv gelten: höflich, fleißig, ordentlich et cetera.
Und welche Motivation steckt hinter einer positiven Diskriminierung?
Auch hier ist es letztlich genauso: Wir benutzen bestimmte Stereotype, um die Komplexität der Welt zu reduzieren und zügig Handlungsmuster abrufen zu können. Ob es sich um positive oder negative Urteile handelt, ist dabei gleich, es geht um die Vereinfachung.
Oder wollen Menschen, die positiv diskriminieren, vielleicht einfach nur besonders vorsichtig sein, gerade bei uns in Deutschland?
Ja. Es kann gut sein, dass positive Zuschreibungen für Menschen zusätzlich eine Art Überkompensation in eine andere Richtung sind.
Was empfehlen Sie Betroffenen, wie sie mit positiven Rassismus umgehen sollten – oder wie sie am besten darauf reagieren können?
Die Auswirkungen positiver und negativer Diskriminierung sind vergleichbar: Mir wird etwas zugeschrieben, das mir gegebenenfalls nicht entspricht. Deshalb ist die Frage, wie ich mit der Fehlinterpretation meiner Person umgehen möchte und wie sehr es mich belastet. Das ist sicher auch abhängig davon, von wem die Diskriminierung ausgeht. Von Vorteil ist jedoch sicher, dass positive Diskriminierung üblicherweise keine Belästigung oder Gewalt erzeugt, weil die Zuschreibung zur Person ja positiv konnotiert ist.
  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juni 2017, 19:30 Uhr