Depression, Fettleibigkeit, Sucht, Gewalt: Wie geht's Bremens Kindern?

Durch die Corona-Kontaktbeschränkungen haben Bremens Kinder weniger Kontakt zu Lehrern und Freunden. Auch Hilfsorganisatoren verlieren den Kontakt und sind besorgt.

Ein Junge sitzt traurig auf einem Tisch, den Kopf auf die Knie gelehnt.
Erwachsene verlieren den Kontakt zu Kindern, wenn diese leiden fällt das weniger auf. Bild: Imago | Panthermedia

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) hat in einem Interview mit buten un binnen die Situation von Bremens Kindern während der Corona-Pandemie eingeschätzt:

Wir haben dramatische Berichte über die Zunahme von Depression bei Kindern, wir haben dramatische Berichte über Zunahme von Fettleibigkeit, wir haben dramatische Berichte über Suchterkrankungen und wir haben auch leichte Tendenzen, was Gewalt gegen Kinder betrifft.

Die Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Interview.
Claudia Bogedan, Bildungssenatorin

Als Quelle nennt ihre Pressesprecherin bundesweite Pressemitteilungen von Kinderärzten, Berichte von Schulpsychologen, des schulbezogenen Beratungs- und Unterstützungszentrums für Eltern, Schüler und Lehrer (ReBUZ) und des Kinderschutzbundes.

Dass sich die Situation der Kinder während der Corona-Pandemie und gerade im Lockdown verändert hat, da sind sich alle einig. Genaue Zahlen haben die Bremer Hilfsorganisationen allerdings nicht.

Kathrin Moosdorf, Leiterin des Bremer Kinderschutzbundes ist besorgt: "Es gibt viele Kinder, die verunsichert sind, die traurig sind, die auch Angst haben. Und das bei ganz alltäglichen Sachen", erzählt sie im Interview. Es sei belastend, nicht zu wissen, wen die Kinder mit nach Hause bringen oder wen sie noch treffen dürften und ob Geburtstag überhaupt noch gefeiert werden und dann die Frage nach den Großeltern – gerade für jüngere Kinder ist das nicht einfach zu verstehen.

Bei Fachkräften wächst die Sorge um Kinder

In ihrer Beratungsstelle bekommt Moosdorf hautnah mit, was sich verändert. Fachkräfte in der Jugendhilfe, in den Kitas, in den Schulen berichten ihr, dass viele Kinder verhaltensauffälliger aus dem letzten Lockdown zurückgekommen sind. Meist hat sich eine Eigenschaft der Kinder individuell verstärkt: Manche sind ruhiger geworden, ziehen sich mehr zurück, manche noch extrovertierter oder gewaltbereiter.

Ob es sich bei einer Traurigkeit um eine diagnostizierte Depression handle, ob ein paar Kilos mehr auf Fettleibigkeit hindeuten, kann Moosdorf nicht einschätzen. Dass aber beispielsweise Kindesmisshandlungen durch die Kontaktbeschränkungen – von Freunden der Familie, Erzieherinnen oder Mitschülern – übersehen werden, macht Moosdorf große Sorgen.

Weniger Kindeswohlgefährdung, aber größere Dunkelziffer?

Für Moosdorf ist es alarmierend, dass es gerade vergleichsweise weniger Meldungen zur Kindeswohlgefährdung gibt als in den Jahren zuvor. Die Leiterin des Kinderschutzbundes schätzt, dass die Dunkelziffer gerade stärker steigt: Der Stress in den Familien ist für sie offensichtlich.

Kinder werden momentan in Kitas, Schulen oder Freizeiteinrichtungen weniger gesehen und die Erwachsenen, die sonst mit den Kindern in Kontakt stehen und sehen könnten, wenn etwas nicht stimmt, fallen weg und sind nicht mehr so nah dran.

Diese Tendenzen, was Gewalt gegen Kinder betrifft: Es ist momentan Richtig Stress und Druck in den Familien. Gleichzeitig kommen unsere Hilfesysteme nicht mehr zu allen Kindern, die es brauchen. Da machen wir uns Sorgen und sagen: Guckt hin!

Kathrin Moosdorf, Kinderschutzbund Bremen
Ein frustrierter Junge sitzt am Laptop macht Homeschooling (Symbolbild).
Viele Kinder in Bremen kommen verändert aus Lockdownn und Homeschooling zurück. Bild: Imago | Science Photo Library

Trotz Distanz- und Abstandsregelungen müssen Kinder in Kontakt bleiben. Und: Sie müssen ernst genommen werden: "Wenn ein Kind sagt, es würde zu Hause Gewalt erleben, dann glaubt das die Hälfte der Erwachsenen erst mal gar nicht, aber da muss man genau hinhören", so Moosdorf. Am deutlichsten sei dieses Phänomen bei sexueller Gewalt. Im Durchschnitt müssen Kinder und Jugendliche dies sechs- bis siebenmal berichten, bevor ihnen jemand glaubt, Es helfe da auf sein Bauchgefühl zu hören und sich anonym beraten zu lassen. "Gerade Kinder sollten es nicht einfach aushalten müssen, wenn es ihnen schlecht geht."

Kinder haben ein Recht auf Hilfe – auch im Lockdown.

Kathrin Moosdorf, Kinderschutzbund Bremen

Mehr Anrufe bei der Nummer gegen Kummer

Kinder und Jugendliche können sich in Bremen bei Problemen anonym an die "Nummer gegen Kummer" wenden und dort ein erstes Gespräch suchen. Betreut wird die Nummer in Bremen vom Kinderschutzbund. Im letzten Jahr – gerade im Lockdown – gingen mehr Anrufe bei den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen ein als in den Jahren zuvor. "Das zeigt uns: Es gibt eine Zunahme von Stress in den Familien und bei den Kindern", sagt Moosdorf.

Die Themen sind noch dieselben wie vor Corona: Von Liebeskummer, über Streit bis hin zu Mobbing oder Gewalt. Corona verstärkt diese aber enorm. Der Streit zwischen Geschwistern eskaliert schneller, da sie sich nicht mehr aus dem Weg gehen können oder sich anders beim Sport abreagieren können. Ähnliches beobachtet auch Anja Lohse in ihren Beratungsgesprächen. Die Leiterin vom Familiennetz Bremen beschreibt die Pandemie als Brennglas.

Die Pandemie ist wie ein Brennglas: Die Probleme, die es ohnehin schon gibt, verschärfen sich und das merken wir als Servicestelle für Familien recht deutlich.

Anja Lohse, Familiennetz Bremen

Kaum Kontakt zu Kindern: Eltern berichten

Direkten Kontakt zu Kindern hat das Familiennetz kaum. Es ist der Kontakt zu den Eltern, der die häusliche Brisanz in vielen Familien deutlich macht, erklärt Lohse.

Eine junge Frau mit blonden Haaren lehnt frustriert an einer Wand und hat einen Mundnasenschutz in der Hand.
Die Hilfesysteme für Kinder funktionieren, kommen aber in der Corona-Pandemie nicht immer bei den Kindern an. Bild: Imago | Cavan Images

Das häufigste Thema bei ihren Anfragen sei die Kinderbetreuung und die damit einhergehende Entlastung der Eltern. Die Eltern wenden sich meistens mit einem anderen Anliegen an das Familiennetz, doch im Gespräch tauchen auch andere Themen wie Konflikte in der Partnerschaft oder Depressionen mit auf. Das mache es für Hilfsorganisationen wie das Familiennetz und den Kinderschutzbund schwierig, diese Probleme direkt nachzuweisen.

"Wenn man ein Gefühl hat, dass es einem Kind oder Elternteil nicht gut geht, dann ist das ein Anlass eine Einladung auszusprechen, dass man sich anvertrauen kann und sich die Zeit zu nehmen", empfiehlt Anja Lohse. Dabei entscheidet oft das Bauchgefühl.

Kein Drehbuch für Pandemie

"Für den Umgang mit der aktuellen Situation gibt es kein Drehbuch", sagt Claudia Ludwigshausen, Leitung des ReBUZ in Bremen-Nord, einem Beratungszentrum der Bildungssenatorin für schulbezogene Einrichtungen. Sofern es dem Zentrum möglich ist, wird der persönliche Kontakt zu Schülern und Lehrern gehalten. Die digitale "Offene Tür" bietet den pädagogischen Fachkräften die Möglichkeit gemeinsam Lösungen für die belastende Situation einzelner Schüler zu finden.

Schon im Mai hat das ReBuz Nord eine Broschüre mit Anregungen für pädagogische Fachkräfte zum Umgang mit der Corona-Krise in der Schule herausgegeben. Unter anderem spricht die Broschüre auch Kindeswohlgefährdung an und gibt Tips, wie man mit den Ängsten der Kinder umgehen kann. Auch hier spielt das Bauchgefühl eine Rolle.

"Es gibt viele Stellen, wo man sich in Bremen auch anonym Unterstützung suchen kann", so Moosdorf vom Kinderschutzbund. Diese können ein Anker sein, den sowohl Kinder als auch Erwachsene gerade in der Pandemie nutzen können.

Bildungssenatorin: So soll es an Bremens Schulen weitergehen

Video vom 6. Januar 2021
Die Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Januar 2021, 19.30 Uhr