Infografik

Inmitten der Deiche: So gut ist Bremen vor der Flut geschützt

Der Pegel der Weser steigt unaufhaltsam. Hätte Bremen keine Deiche, würden 90 Prozent des Zwei-Städte-Staats von Sturmfluten überschwemmt. Doch wie lang reicht der Schutz noch?

Die Weser trat im Oktober 2014 über ihre Ufer.
Im Oktober 2014 trat die Weser an einigen Stellen über das Ufer. Der Pegel des Flusses steigt weiter an. Bild: DPA | Nordphoto

"Wir wollen der nächsten Sturmflut immer einen Meter voraus sein", sagt Michael Schirmer, Deichhauptmann des Bremischen Deichverbands am rechten Weserufer. Das sei die zentrale Idee hinter dem "Generalplan Küstenschutz" der Länder Niedersachsen und Bremen. Anhand diverser Daten etwa zur Entwicklung des Meeresspiegels und der Tide berechne man die Fluten im Voraus – zumindest, so gut es eben geht.

Michael Schirmer
Klimafolgenforscher, Gewässerökologe und Deichauptmann in Personalunion: Michael Schirmer. Bild: Michael Schirmer

Damit benennt Schirmer den wesentlichen Unterschied zum Hochwasserschutz früherer Zeiten. Denn bis zur verheerenden Sturmflut im Februar 1962 hat man die Deiche oft zu spät den Wassermassen angepasst. "Erst musste die Flut kommen, danach wusste man, wie hoch der Deich eigentlich hätte sein müssen", beschreibt er das damalige Vorgehen.

340 Menschen kamen 1962 durch die Flutkatastrophe ums Leben, allein 315 in Hamburg-Wilhelmsburg. Dass Bremen die Wassermassen fast unbeschadet überstand, hatte das Land in gewisser Weise einer anderen Sturmflut zu verdanken: In Folge der Hollandflut des Jahres 1953 waren Bremens Deiche erheblich erhöht und verstärkt worden.

Nach der Flutkatastrophe kamen die Sperrwerke

Das Sperrwerk in Lesum
Schützt das Hinterland vor der Flut: Das Sperrwerk in der Lesum.

Dennoch markiert die Flutkatastrophe vom Februar 1962 auch für den Zwei-Städte-Staat einen Wendepunkt. Denn seither ziehen die norddeutschen Bundesländer beim Hochwasserschutz an einem Strang. Sie haben nicht nur Deiche erhöht und verstärkt, sondern auch Sperrwerke in den Nebenflüssen eingerichtet, darunter das Lesum-, das Hunte- und das Ochtumsperrwerk.

Mit den Sperrwerken kann man die Nebenflüsse reglerecht von der Weser abklemmen, wenn das Wasser droht.

Deichhauptmann Michael Schirmer

Zurzeit plant Bremen den Bau eines neuen Sturmflutsperrwerks an der Geestemündung in Bremerhaven.

"Moderner Hochwasserschutz ist wie ein lebendes Protokoll", sagt Wilfried Döscher dazu, der Geschäftsführer des Deichverbands am rechten Weserufer: "Es gibt an einem Fluss wie der Weser permanent etwas auszubauen, zu verstärken oder zu erhöhen." Momentan arbeite sich sein Verband systematisch von Bremen-Nord bis zur Schlachte vor. Bis zum Jahr 2022 sollen nicht nur die Deiche, sondern vor allem Spundwände um bis zu einem Meter erhöht und auf Vordermann gebracht werden. Zur Orientierung: Die Schutzvorrichtungen an der Weser im Bremer Stadtgebiet sind ungefähr sieben Meter hoch.

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Die Hauptgründe für die Notwendigkeit der Deicharbeiten liegen im permanent steigenden Meeresspiegel sowie in den zahlreichen Vertiefungen des Flusses. Beides zusammen hat dazugeführt, dass der Wasserspiegel der Weser auf Höhe der Wilhelm-Kaisen-Brücke seit den siebziger Jahren im Mittel um beinahe 50 Zentimeter gestiegen ist.

Diese 50 Zentimeter gleiche man nun nach und nach aus und erhöhe die Deiche zusätzlich um etwa einen weiteren halben Meter, erklärt Schirmer: "Man spricht dabei von der Zukunftsvorsorge".

Weserpromenade vor der Stephanibrücke
Der Hochwasserschutz dieser neuen Häusergruppe vor der Stephanibrücke sollte laut Deichhauptmann Michael Schirmer weit über das Jahr 2050 hinaus ausreichen.

Wie ein entsprechender, zukunftsorientierter Hochwassserschutz aussieht, lässt sich vor den Neubauten zwischen Weser und Stephanibrücke ablesen. Eine mächtige Mauer, mitten auf dem Deich, schützt die Häuser vor den Fluten. Hier, so der Deichhauptmann, sei eine Zukunftsvorsorge von etwa 75 Zentimetern eingerechnet worden.

Wie lang diese 75 Zentimeter ausreichen werden – darüber möchte Schirmer nicht spekulieren. Der Deichhauptmann ist ein renommierter Gewässerökologe und Klimafolgenforscher, hat lang Biologie an der Uni Bremen gelehrt. Man müsse hinter allen Gleichungen, in denen mit Naturgewalten gerechnet werde, dicke Fragezeichen setzen, sagt er.

Eine vorsichtige Prognose formuliert er dann aber doch: "Was wir in Bremen in den kommenden Jahren an unseren Deichen machen, reicht mindestens bis Mitte dieses Jahrhunderts", glaubt der Wissenschaftler.

Wie funktioniert ein Deich?

Zu sehen ist ein der Deich in Niederbüren.

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Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. November 2019, 19.30 Uhr