Das sagen Bremer Eltern, Lehrer und Schüler zum Präsenzunterricht

Unbedingt alle in die Schule, empfiehlt Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan. Viele Eltern, Lehrer und Schüler sehen das allerdings ganz anders.

Die 6.-Klässlerin Alina Stoll sitzt ganz alleine im Klassenzimmer mit Maske und Ipad.
Wie voll beziehungsweise leer werden sie Klassenräume in dieser Woche? Die Entscheidung ihre Kinder zur Schule zu schicken, liegt bei den Eltern. Bild: Radio Bremen

Im Land Bremen entscheiden die Eltern oder die volljährigen Schüler selbst, ob im Januar zu Hause gelernt wird oder in der Schule. Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) sagte buten un binnen, dass sie die Sorgen um eine mögliche Corona-Infektion ernst nehme und es deshalb die Wahlmöglichkeit gebe. Sie empfehle aber allen den Präsenzunterricht. Es werde alles getan, um die Schulen zu sicheren Orten zu machen.

Nachdem dem Aufruf der Senatorin in der ersten Woche nach den Ferien nur wenige Eltern und Schüler gefolgt waren, gehen die Behörden davon aus, dass ab diesem Montag wieder mehr Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern sein werden. Das gilt auch für Bremerhaven, auch wenn dort der Appell anders als in der Stadt Bremen ausfällt.

Nur zwei Prozent der Sekundarstufe I-Schüler waren in der Schule

Schulamt und Krisenstab seien sich einig, so der Bremerhavener Schuldezernent Michael Frost (parteilos), dass Kinder und Jugendliche bis Ende Januar möglichst auf das Distanzlernen zurückgreifen sollen. Nur knapp zwei Prozent der Schüler der Sekundarstufe I waren in Bremerhaven in der ersten Woche für den Präsenzunterricht angemeldet. In den Grundschulen waren es knapp 17 Prozent.

Schüler sehen Distanzunterricht nur als Zwischenlösung

"Wir Schüler fühlen uns verarscht", sagt Fabienne Shirin Pastoor. Der Schülervertreterin der Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee in Bremen-Vahr fehlt ein langfristiges Konzept, in das alle einbezogen werden – auch die Schülerinnen und Schüler. Ihre Mitschülerin Leonie Müller ergänzt, dass sie sich alle sehr unwohl fühlen würden, jetzt während des Lockdowns weiter zur Schule zu gehen. Auch sie wünscht sich mehr Informationen und einen klaren Plan.

Der Online-Unterricht funktioniere als Zwischenlösung ganz gut, meint Jannis Rimkus von der Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB). In der Schule könne man den Lernstoff aber besser verstehen und auch noch Freunde sehen. Allerdings frage er sich schon, wieso man dort mit mehreren Leuten in einem Raum sitzen, sich sonst aber nur mit einer Person treffen darf.

Arian Heck, ebenfalls Schülervertreter an der FEBB, geht davon aus, dass Bildungssenatorin Bogedan bei ihrer Empfehlung auch die Eltern im Blick hat, für die eine Betreuung ihrer Kinder sehr anstrengend werden kann. Wenn man alle Schüler zum Erscheinen verpflichtet, könnten die Schulen aber zu Corona-Hotspots werden.
Mitschüler Nils Fuhrmanneck hält den Online-Unterricht für eine gute Vorbereitung auf das Studium. Mit Blick auf das Abitur sei jetzt aber besonders viel selbständiges Lernen gefragt. Ihm sei ein Stein vom Herzen gefallen, als seine Lehrerin Klausurersatzleistungen wie eine PowerPoint-Präsentation angekündigt habe. Die würden im Durchschnitt besser ausfallen als eine Klausur.

Lennart Heitbrink vom Ökumenischen Gymnasium zu Bremen ist ganz froh, dass für ihn erst im nächsten Jahr das Abi ansteht. Er hofft, dass alles dann etwas besser ist. Denn nur zu Hause über Aufgaben oder in Halbgruppen zu lernen, sei die viel schlechtere Art zu lernen im Vergleich zum normalen Präsenzunterricht. "Die Schüler, die es sowieso können, kriegen es weiterhin hin, aber die, die auf der Kippe sind, haben Schwierigkeiten allein zu Hause."

Elternbeirat fordert Plan bis zu den Sommerferien

Die Eltern seien geteilter Meinung, sagt Michael Skibbe vom ZentralElternBeirat Bremen. Da gebe es die, die es gut finden, ihre Kinder nicht zur Schule schicken zu müssen – aus Sorge um eine Ansteckung mit dem Coronavirus. Und dann gebe es die, die Probleme bekommen, ihren Arbeitgebern zu erklären, dass sie auf ihre Kinder zu Hause aufpassen und sie gegebenenfalls beim Lernen unterstützen müssen – obwohl die Schulen doch geöffnet sind.

Wichtig, so Skibbe, sei ein Plan. "Nicht eine Woche so und eine Woche anders; das ist auch emotional am aufreibendsten." Es müsse Schluss sein mit dem Hin und Her, aber derzeit fehle so was wie ein Kompass. "Eltern und Schüler müssen bis zu den Sommerferien eine Sicherheit haben", fordert der Elternvertreter. Das sei auch wichtig für die Bildungsgerechtigkeit.

Lehrkräfte sind unzufrieden mit aktueller Unterrichtssituation

"Wir sehen genau, dass in vielen Familien ein sehr ernstes Betreuungsproblem auftritt, wenn es in der Schule keinen Präsenzunterricht mehr gibt", so Hermann Pribbernow und Bernd Ehlers vom Bremer Philologenverband. "Wir sehen sehr wohl die Problematik von Elternhäusern in beengten Wohnungen, von mangelnder Bewegung der Kinder, von fehlenden sozialen Kontakten zu ihren Freunden und Spielkameraden und auch von möglicher häuslicher Gewalt." Aber um der Pandemie Herr zu werden, müssten diese Bedenken für eine gewisse Zeit hingenommen werden, um die Infektionszahlen nicht noch weiter zu erhöhen, so Pribbernow und Ehlers weiter. Sie fordern: So wenig Präsenzunterricht wie unbedingt nötig und soviel Distanzunterricht wie möglich.

"Distanzlernen und Unterricht nach Plan überfordern das Personal und die Infrastruktur der Schulen", schreibt die Betriebsgruppe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft der Oberschule Findorff in einem offenen Brief. Die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig zu Hause und im Präsenzunterricht zu betreuen, sei unmöglich zu leisten. "Es ist die Mär von Hybridunterricht. Von Bildung à la carte." Die Schulen könnten ihrem Bildungsauftrag nicht mehr gerecht werden. Um aus der Klasse heraus den Unterricht in die Wohnungen der Schüler zu streamen, bräuchte es viel mehr als nur iPads. Es müsse eine Entscheidung getroffen werden – entweder Distanz- oder Präsenzunterricht.

So unterschiedlich ist der Unterricht an Bremens Schulen organisiert

Bis Ende Januar bleibt die Präsenzpflicht im Land Bremen ausgesetzt. Schülerinnen und Schülern der Klassen 1 bis 6 empfiehlt die Bildungsbehörde gleichwohl zumindest für die Stadt Bremen die Teilnahme am Präsenzunterricht. Für die Klassen 7 bis 9 gibt es ein Angebot für Distanz- und Präsenzunterricht. Die Abschlussklassen sollen nach einem Wechselmodell unterrichtet werden.

Für Klausuren gilt Präsenzpflicht. Es gilt in den Schulen grundsätzlich die AHA+L-Regel: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Lüften. Masken müssen ab der 7. Klasse auch im Unterricht getragen werden, auf den Fluren im Schulgebäude ab der fünften Klasse. Schüler, die zu Hause bleiben, bekommen Aufgaben, können teilweise per Videokonferenz den Unterricht im Livestream mitverfolgen oder schriftlich nachfragen. An einigen Schulen wechseln sich die Halbgruppen täglich ab, an anderen wöchentlich.

Wie kann es ein faires Abitur in Corona-Zeiten geben?

Video vom 13. Januar 2021
Die Abiturientin Saskia Wagenfeld sitzt an ihrem Schreibtisch und lernt für ihre Abschlussprüfungen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Januar 2021, 19:30 Uhr