Interview

Cyberstalking: Wenn das Internet zur Gefahrenzone wird

Zum Safer Internet Day warnen Bremer Experten vor Cyberstalking. Eine Kriminaloberkommissarin erklärt die perfiden Methoden des virtuellen Nachstellens.

Eine Frau beobachtet durch eine geschlossene Jalousie nach einem Stalking-Anruf die Straße vor ihrem Haus
Opfer von Cyberstalking erlebten oft ein Gefühl der Ohnmacht und der Hilfslosigkeit, sagt Oberkommissarin Ulrike Dunecke. Bild: DPA | Jens Büttner

In sozialen Netzwerken beleidigt, bedroht und nachgestellt: Opfer von Stalking über das Internet erleben oft ein Gefühl der Ohnmacht. Auch deshalb sei wichtig, dass Cyberstalking zum Thema wird, findet Oberkommissarin Ulrike Dunecke. Zum Safer Internet Day – dem Tag für mehr Internetsicherheit – erläutert sie im Interview, wieso das Stalken übers Netz oft viel zu spät erkannt wird und wie sich Opfer dagegen wehren können.

Frau Dunecke, was versteht man unter dem Begriff "Cyberstalking"?
"Stalking" bedeutet auf Deutsch "heranpirschen", "auflauern". Beim Cyberstalking erfolgt die Bedrohung oder die Nachstellung über das Internet. Es ist der unerwünschte Kontakt oder die unerwünschte Verfolgung. Das Opfer soll unter Druck gesetzt oder geschädigt werden. Täter nutzen die Möglichkeit, relativ anonym vorgehen und schnell viele erreichen zu können, um den Druck auf das Opfer zu erhöhen.
Meist kennen sich Opfer und Täter aus vorherigen Beziehungen, das muss aber nicht so sein. Man denke an Personen, die über Social Media auf Profile aufmerksam werden oder Täter, die sich unbemerkt Zugang zu Geräten wie PCs oder Laptops verschaffen. Die Gründe für Cyberstalking können unterschiedlich sein: unerwiderte Liebe, Rache, Hass, verletzte Ehre, psychische Störungen, wirtschaftliche Interessen, Konkurrenz.
Bedeutet das, dass Cyberstalking ein "leichteres" Verbrechen ist, das geringere Konsequenzen für das Opfer hat?
Nein, die Effekte auf die Opfer sind sehr schlimm. Einige fühlen sich permanent beobachtet, sie haben Angst vor dem nächsten Angriff. Das kann mitunter zu enormen psychischen Belastungen oder sogar Traumata führen. Wer zum Beispiel private Bilder von sich im Internet findet, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren oder sogar gefälscht wurden, erlebt ein Gefühl der Ohnmacht, der Hilfslosigkeit. Einige Täter bestellen zudem Waren unter dem Namen ihrer Opfer, sodass sich diese kaum mehr trauen, dem Postboten die Tür zu öffnen.
Sie haben gerade mehrere Straftaten aufgelistet – welche Formen kann Cyberstalking annehmen?
Unterschiedliche. Wenn es sich um einen ehemaligen Partner handelt, sind vielleicht die Accounts, Passwörter und Kontakte des Opfers bekannt. Damit kann der Täter in sozialen Netzwerken private oder beleidigende Informationen und Bilder posten oder an Kontakte verschicken.
Weiter denkbar ist, dass Täter Waren über das Konto der ehemaligen Partner bestellen. Zudem können die Aktivitäten des Opfers ausspioniert werden – durch Spuren, die man im Netz hinterlässt, über Apps mit Ortungsfunktionen oder Daten, die das Opfer selbst preisgibt. Sollte es sich um einen wirtschaftlichen Konkurrenten handeln, kann der Täter versuchen, durch gezielte Posts der Aktivität oder dem Inhaber zu schaden. Mitunter werden Dritte beauftragt, das Cyberstalken zu übernehmen.
Wenn es beim Cyberstalking eventuell auch um Beleidigungen und Demütigungen geht, ab wann wird Online-Mobbing zum Stalking?
Von Cybermobbing spricht man eher bei Jugendlichen. Cybermobbing ist eine Form von Cyberstalking. Durch wiederholte Beleidigungen oder Demütigungen in sozialen Netzwerken soll das soziale Ansehen der Opfer geschädigt werden. Es handelt sich nicht mehr um freie Meinungsäußerungen.
Sie sprechen von Straftätern. Gibt es auch Straftäterinnen?
Täter sind Männer und Frauen. Allerdings ist im Bereich Stalking der Anteil der Männer höher. Es ist zu vermuten, dass es sich beim Cyberstalking auch so verhält.
Wie sieht die Lage in Bremen aus, gibt es verlässliche Zahlen?
Nein, die gibt es nicht. Der Grund: Häufig wird Cyberstalking am Anfang vom Opfer selbst nicht erkannt. Wer zunächst einen Betrug anzeigt, erkennt nicht sofort den Zusammenhang. Außerdem werden manche Taten sicherlich nicht angezeigt. Die Gründe dafür können vielfältig sein: zum Beispiel Angst oder die Annahme, dass eine Anzeige nicht zum Erfolg führt. Oder vielleicht die Hoffnung, dass das Stalken von selbst wieder aufhört. Die Beratungen nehmen auf jeden Fall zu.
Symbolbild Cyber-Mobbing mit dem Smartphone
Verfolgungen und Bedrohungen über das Internet können für die Opfer schwerwiegende Folgen haben. Bild: picture alliance | Frank May
Was können Opfer tun?
Sobald man merkt, dass man Opfer von Cyberstalking ist, bitte Anzeige erstatten. Hilfreich ist die Sicherung von Screenshots sowie von allen Dokumenten, die das Handeln des Täters beweisen können. Außerdem sind Überprüfungen der eigenen Geräte auf Schadsoftware und unerlaubte Zugriffe nötig. Eventuell sind Passwörter und Berechtigungen zu ändern. Wenn Waren eintreffen, die man nicht bestellt hat, so schnell wie möglich Widerspruch einlegen. Außerdem wird auf jeder Internetseite eine Kontaktadresse des Betreibers angegeben, an die man sich wenden kann, wenn es zu Problemen wie rechtswidrigen Veröffentlichungen von Fotos kommt.
Es macht Sinn, mit anderen darüber zu sprechen – aber nicht mit dem Täter. Auf keinen Fall auf Forderungen eingehen. Um solchen Situationen nicht allein zu begegnen, ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen und das Umfeld zu informieren – Familie, Verwandte, Freunde. In Bremen gibt es außerdem mehrere Beratungsstellen für Opfer. Wir haben bei der Polizei Stalkingbeauftragte, an die sich Opfer wenden können.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 5. Februar 2019, 23:30 Uhr