Darum müssen an Cuxhavens Küste Bäume für den Naturschutz sterben

Bäume fällen für die Natur – so soll sich auf einem früheren Truppenübungsplatz in Cuxhaven wieder Küstenheide ausbreiten. Auch im Tourismus gibt es ökologische Ansätze.

Ein Waldboden mit gefällten Bäumen und Treckerspuren.
Wo vorher Schwarzkiefern standen, soll sich künftig die Küstenheide ausbreiten. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Bäume nehmen klimaschädliches CO2 aus der Luft auf und produzieren Sauerstoff. Trotzdem sind sie in Cuxhaven jetzt reihenweise gefällt worden. Insgesamt wurden mehrere Hundert Schwarzkiefern abgeholzt – dreieinhalb von insgesamt 900 Hektar Wald. Zurückgeblieben sind Baumstümpfe, Äste und Treckerspuren. Doch warum das Ganze? "Von außen sieht man es noch nicht so gut", sagt Förster Dominik Sucker-Weiß. Im Innern des Gebiets wird es deutlicher. Eine Anhöhe gibt den Blick auf hügeliges Gelände frei. "Man sieht hier diese Berg- und Tal-Struktur, das ist die sogenannte Binnendünenlandschaft", sagt Sucker-Weiß. "Um die geht es eigentlich."

Audio vom 24. Januar 2021
Ein Strauch Heide mit lila Blüten.
Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Heide als Lebensraum für seltene Tierarten

Ein Mann mit organger Jacke steht vor Heide.
Laut Förster Dominik Sucker-Weiß bietet die Heide einen Lebensraum für seltene Tierarten. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Dort soll sich künftig wieder Heide ausbreiten. Und dabei stören die Bäume. Vor 70 Jahren hat sie die Bundeswehr auf dem einstigen Truppenübungsplatz südlich von Cuxhaven gepflanzt – und so die Heide verdrängt. Die sogenannte Küstenheide an der Nordsee gilt als einzigartiges Naturerbe. 2003 sind die Soldaten abgerückt, jetzt soll die Heide wieder zur Geltung kommen. An manchen Stellen, an denen keine Schwarzkiefern standen, wächst sie schon. Darunter Krähenbeerheide, Besenheide, Glockenheide. Darin finden laut Förster seltene Tierarten einen Lebensraum. Der Ziegenmelker zum Beispiel: "Das ist eine Vogelart, die sich darauf spezialisiert hat, in Bodenkuhlen die Eier abzulegen", so Sucker-Weiß. "Die bauen keine Nester, sondern legen Kuhlen an, wo durch die Heide besonderer Schutz ist."

Neue Bäume in anderen Waldabschnitten

Und nicht nur Bäume müssen weichen. Im Oktober rücken Bagger und Raupen an und tragen den Humus ab, den nährstoffreichen Oberboden. Der Grund: Die Heide hat sich auf einen extrem nährstoffarmen Boden ausgerichtet, erklärt Sucker-Weiß. "Die ist sehr anspruchslos, aber wenn andere Arten kommen, hat sie keine Chance." Schon in wenigen Jahren könnte sich die Heide hier komplett ausgebreitet haben. Dann erstreckt sich auf dem Boden ein Meer aus Violett-Tönen. In anderen Waldabschnitten werden übrigens neue Bäume gepflanzt, betont der Förster.

Tourismus und Naturschutz sollen vereint werden

Ein Strauch Heide mit lila Blüten.
Hat sich die Küstenheide ausgebreitet, färbt sie das Gebiet violett. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Unter anderem diese einzigartigen Landschaften locken jährlich Millionen von Besuchern nach Cuxhaven. Dabei hat die Verwaltung auch im Blick, wie sich Naturschutz und Tourismus in Einklang bringen lassen. Seit dem Rückzug der Bundeswehr ist das Gebiet ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Noch dazu hat die Region mit dem Wattenmeer ein Unesco-Weltnaturerbe zu bieten.

Der Cuxhavener Bau- und Umweltdezernent Martin Adamski sagt, die Zahl der Gäste allein sei nicht ausschlaggebend. "Es macht keinen Sinn, eine Käseglocke über die Natur zu machen." Es sei wichtig, dass der Mensch die Natur erlebe und sensibilisiert werde. Er glaube, dass bei der Anzahl der Kurgäste und Touristen sogar Luft nach oben sei. "Aber wir müssen dazu übergehen, eine Qualität zu schaffen, die das auch verantwortbar macht." Bei konventionellem Tourismus seien Grenzen erkennbar.

Es macht keinen Sinn, eine Käseglocke über die Natur zu machen. Es ist wichtig, dass der Mensch die Natur erlebt und sensibilisiert wird.

Martin Adamski, Bau- und Umweltdezernent Cuxhaven

Als ein Beispiel für Cuxhavens Ansatz nennt der Bau- und Umweltdezernent Bemühungen, möglichst wenig Natur zu bebauen, und erst mal schon bebaute Flächen neu zu nutzen. Strengere Vorgaben zum Beispiel beim Bau von Hotels oder Ferienanlagen lehnt er allerdings ab. Man müsse Investoren mit guten Beispielen von nachhaltigem Tourismus überzeugen. Zum Beispiel, dass beim Gebäudebau im Sinne des Klimaschutzes künftig viel CO2 eingespart wird. Und es gelte natürlich auch, dass sich alle an Regeln halten müssen, also etwa in Naturschutzgebieten auf den Wegen bleiben.

Dieser Förster erweitert den Wald – mit naturschonendem Verfahren

Video vom 18. August 2020
Revierförster Eberhard Guba steht in einem Wald und schaut nach oben.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Sonntag aus dem Studio Bremerhaven, 24. Januar 2021, 12 Uhr