Kolumne

Was bleibt nach Corona? Hoffentlich die Mitmenschlichkeit

Wir halten Abstand – und sind uns trotzdem so nah wie selten. Unser Redakteur Jochen Grabler hofft, dass diese Nettigkeit auch nach der Krise bleibt.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Von dieser Zeit wird etwas übrig bleiben. Jochen Grabler hofft, dass es die Mitmenschlichkeit ist.

Was wird übrig bleiben von diesen Zeiten? Irgendwann werden wir uns erinnern. Woran? An unsere Angst um die Schwachen, die Alten, um unsere Familie? An die Sorgen darüber, was wohl wird, ob wir morgen noch unseren Arbeitsplatz haben, wie das gehen soll mit der Kinderbetreuung, wie lange all das überhaupt noch so geht? An die Wut vielleicht über die Unvernünftigen, die Ignoranten, die rücksichtslosen Hamsterkäufer und Partypeople, an das Klopapier?

Es wird was übrig bleiben von dieser Zeit. Und diese Erinnerungen und Erfahrungen werden uns verändert haben. Wir werden anders sein. Die Welt wird anders sein. Diese Zeiten sind ein tiefer Einschnitt in unser aller Leben. Irgendwann wird es ein "Davor" und ein "Danach" geben. Was nehmen wir mit aus der Krise? Woran werden wir uns erinnern?

Der Abstand sorgt für Nähe

Ich jedenfalls hoffe, wir erinnern uns vor allem an die beinahe wundersame Wandlung, von der gerade viele Menschen berichten: Wir halten Abstand – sind uns aber so nah wie selten.

Plötzlich kommen Fragen: "Wie geht es Dir? Bist du wohlauf? Brauchst Du was?" Früher waren wir auf Distanz, heute sind wir auf Abstand und der sorgt für Nähe. Wer hätte das gedacht? Kollegen, Nachbarn, Familie – wir bieten unsere Dienste an, sind hilfsbereit, freundlich, nachsichtig, herzlich. Plötzlich zeigen wir einander, was wir am anderen mögen.

Die Egomanen sind in der Unterzahl

Plötzlich kommen Menschen in Kontakt, die sonst aneinander vorbeigegrummelt haben. "Mensch ja", sagt die Frau in der Schlange, die einfach aufgerückt war, "das mit dem Abstand muss ich echt noch lernen". Sie lächelt, drumherum sagen die Leute, dass es ihnen genauso geht. Keiner meckert. 

Das ist erstaunlich, oder? Nachsicht, Freundlichkeit, Herzlichkeit – das sind nicht gerade die Eigenschaften, die uns nachgesagt werden. Von Fremden nicht. Von uns selbst erst recht nicht. Jetzt, mitten in der Krise, lernen wir: Wir können das. Kaum zu glauben!

Wir erregen uns zwar immer noch über die Egomanen, denen die Mitmenschen offenbar pupsegal sind. Aber das sind wenige. Die übergroße Mehrheit ist einfach mal nett zueinander.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Sonst, ja sonst hätte unsereins so eine Beobachtung flott wegironisiert. Ein schaler Scherz, ein Spruch, naja, die Leute sind nett, das gibt sich wieder. Das wäre "sonst" gewesen. Aber dieses "sonst", das gehört zu "davor". Und dieses "davor", das erscheint gerade wie aus einer fernen untergegangenen Zeit.

Eigene Verletzlichkeit als vielleicht wichtigste Lehre

Mag sein, wir erleben gerade, was die Alten früher von der "schweren Zeit" erzählt haben. Dass es da mehr Zusammenhalt gab. Mag sein, wir haben unsere eigenen "schweren Zeiten" gebraucht, um unsere Wohlstandsverwahrlosung zu überwinden und uns selbst ganz neu zu erleben. Gerade geht es um die Schwachen und um unsere eigenen Schwächen. Und nicht um das größere Ego, die spitzeren Ellenbogen, die maximale Rücksichtslosigkeit.

Fühlt sich gut an, oder?  Dieses Gefühl sollten wir doch über die Krise retten, oder? Weil Mitmenschlichkeit und Liebe das Leben so viel leichter machen. Und weil wir diese Liebe brauchen. Denn: Gerade lernen wir, wie verletzlich wir alle sind. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre.

Die Menschen müssen zusammenhalten

Der verehrte Schriftsteller Ferdinand von Schirach hatte lange ein berühmtes Foto über dem Schreibtisch hängen. Es heißt "pale blue dot" – "blasser blauer Punkt". Das ist ein Bild von unserer Erde, das ein Satellit von außerhalb unseres Sonnensystems aufgenommen hat.

Unten rechts, wenn man sehr genau hinsieht, kann man etwas erkennen. Einen blassen blauen Punkt. In einem Universum von Nichts. Unsere Erde. "Sie ist ein winziger Punkt, blauer als der Rest", sagt von Schirach. "Mir hilft das Wissen, dass wir Menschen alle zusammen diesen winzigen blauen Punkt bewohnen, dieses Staubkorn im Kosmos. Deshalb müssen wir als Menschen zusammenhalten, deshalb gibt es Begriffe wie Würde. Weil wir so verletzlich und unbedeutend sind, müssen wir zusammenhalten."

Die Welt wird anders sein nach Corona. Was wird übrig bleiben von diesen Zeiten? Woran werden wir uns erinnern? Hoffentlich daran.

Wie klappt die Kontaktbeschränkung in Bremen?

Video vom 23. März 2020
Einige Menschen laufen an der Weser lang, nebendran ein Streifenwagen.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. März 2020, 19:30 Uhr